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Bereits im Februar 2014 hat das Palais de Tokyo den ersten Teil seiner aktuellen Ausstellungsreihe L’état du Ciel eröffnet. Mittlerweile lädt das Museum allerdings bereits zum zweiten Teil seiner Serie ein. Fanny Hauser war vor Ort und berichtet vorerst vom beeindruckenden Auftakt des ersten Teils.

„L’état normal du ciel, c’est la nuit (Der normale Zustand des Himmels, ist die Nacht).__

In Anlehnung an ein Zitat von Victor Hugo eröffnete das Palais de Tokyo bereits im Februar seine Ausstellung L’état du Ciel (Der Zustand des Himmels). Die aus insgesamt drei Teilen bestehende Ausstellungseihe kann als Hommage an die zahlreichen Überlegungen verschiedener KünstlerInnen, PoetInnen und PhilosophInnen zu unterschiedlichen Faktoren, die unsere Umwelt prägen, verstanden werden. Ausgehend von der Idee, dass der Künstler seit jeher seine gegenwärtige Realität stets in aufmerksamer Art und Weise untersucht hat, präsentiert die Ausstellungsreihe bis Herbst zahlreiche künstlerische Positionen, die ihre Umwelt neu zu interpretieren und zu verändern versuchen. In einer Serie von zeitgleich laufenden Einzel- oder Gruppenausstellungen präsentieren unterschiedliche KünstlerInnen Lösungsvorschläge und Überlegungen zu moralischen, körperlichen und politischen Faktoren, die unsere Umwelt formen.

Der erste Teil der Ausstellung wurde u.a. mit zwei persönlichen Ausstellungen von David Douard (Mo’Swallow) und Angelika Markul (Terre de Départ) und einer Auswahl an Performances in Kooperation mit dem Centre national des arts plastiques (CNAP) eröffnet. Während Douard durch seltsam anmutende Skulpturen, Sound-Installationen, Metall- und Plastikkonstruktionen und Videoarbeiten eine fast verstörende Atmosphäre schafft, fokussiert sich Markul auf das Wechselspiel zwischen Natur und Technologie und zeigt Videoinstallationen, in denen Orte zu sehen sind, die – aufgrund menschlicher Interventionen – als gefährlich oder zerstört betrachtet werden (Fukushima, Tschernobyl, Bagdad, etc.), um so die Zukunft unseres Planeten in Frage zu stellen. Die Performance-Reihe Des choses en moins, des choses en plus (Something less, something more) versteht sich als Auswahl wenig bekannter Performances der Sammlung des CNAP, die u.a. Arbeiten von rund 40 KünstlerInnen wie Lawrence Weiner, Pierre Bismuth, Andrea Fraser, Ulla von Brandenburg und Mounir Fatmi umfasst. Sébastien Faucon und Agnès Violeau, die KuratorInnen der Ausstellung, versuchen sich im Rahmen dieses Projekts nicht nur durch die Hilfe von performativer Kunst an die Thematik der Ausstellungsreihe anzunähern, sondern laden gleichsam das Publikum dazu ein, durch Partizipation neue Beziehungen zwischen dem Kunstwerk selbst und seiner Umgebung herzustellen. Durch die Beteiligung und die Verantwortung der ZuschauerInnen bestimmt, möchte die Ausstellung die Art und Weise, in der die Performance umgesetzt wird, neu formulieren und das Publikum dazu aufrufen, durch das Wechselspiel von Teilnahme und Beobachtung Choreograph seiner eigenen Präsenz zu werden.

Eine weitere Ausstellung, die im Palais de Tokyo besucht werden kann, umfasst das gemeinsame Projekt von Georges Didi-Huberman und Arno Gisinger. Nouvelles histoires de fantômes (New Ghost Stories) kann weder als „Ausstellung“ noch als „Kunstwerk“ im herkömmlichen Sinne bezeichnet werden – vielmehr handelt es sich dabei um die Präsentation einer langjährigen Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Fotografie und Video sowie eine Hommage an den legendären Bildatlas Mnemosyne des Kunsthistorikers Aby Warburg. Das Ergebnis der Kooperation zwischen dem französischen Philosophen und dem österreichischen Künstler kulminiert in einer beeindruckenden Installation von Filmausschnitten und zahlreichen Fotografien. Von Aby Warburgs Bildatlas und seiner 42. Tafel („Beweinung“) inspiriert, lässt Didi-Hubermann zahlreiche Videosequenzen auf die Wände und den Boden des Ausstellungsraumes projizieren und schafft so eine Art zeitgenössischen Video-Bildatlas. Darunter lassen sich sowohl Filmausschnitte aus Dokumentarfilmen als auch Sequenzen aus Filmen von u.a. Sergej Eisenstein, Pier Paolo Pasolini und Jean-Luc Godard erkennen, die letztendlich alle den Tod bzw. dessen Beweinung zum Thema haben und die ZuschauerInnen mit schmerzverzerrten Gesichtern und Kriegsbildern konfrontieren.

Arno Gisinger vervollständigt die Installation mit einer rund 1200 Bilder umfassenden, fotografischen Aneinanderreihung von Fotografien. Auf den ersten Blick scheinen die Bilder thematisch nicht miteinander in Beziehung zu stehen. Durch unseren gedanklichen Verarbeitungsprozess werden die Bilder allerdings bald mit sämtlichen Aspekten menschlicher Kultur und Geschichte in Verbindung gebracht. Gisinger und Didi-Hubermann machen wie auch schon Aby Warburg das geisterhafte Eigenleben von Bildern zum Thema, das sowohl unser gegenwärtiges, als auch unser historisches und künstlerisches Gedächtnis prägt und formt.

Die vielseitigen und von Grund auf verschiedenen Überlegungen und Positionen der Künstler und Künstlerinnen, laden die ZuschauerInnen nicht nur dazu ein, die labyrinthartigen und überdimensionalen Räumlichkeiten des Palais de Tokyo näher zu erkunden, sondern verstehen sich auch immer als Symptome des Allgemeinzustandes der Welt, die zugleich zu Reflexion und Handlung aufrufen möchten. Bereits der Titel der Ausstellung bezieht sich also auf unseren aktuellen Zustand, unsere Gegenwart, eine nicht zuletzt politische Zeit, in der der Akt des Sehens oft bereits zu einem Akt des Handelns wird.

           // Fanny Hauser

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Der Auftakt zum zweiten Teil der Ausstellungsreihe L’état du Ciel findet am 25. April statt und wird u.a. künstlerische Positionen von Hiroshi Sugimoto und Thomas Hirschhorn vorstellen.

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