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Der Fotograf Andreas Zeitler zeigt die dynamische Einheit von Mensch und Umgebung. Es sind Bilder von Momenten, die von der Stadt inszeniert wurden. Geschichten, die das Leben schreibt – während er mit seiner Kamera durch Wien flaniert. In einem Interview erzählt er Redakteurin Anna Maria Burgstaller von seiner aktuellen Ausstellung „Rund um’s Textilviertel“, seiner ganz persönlichen Ästhetik und seiner Affinität zu Text und Bild.

Deine aktuelle Ausstellung trägt den Titel „Rund um’s Textilviertel“ – Was ist für dich das Besondere an diesem Grätzel in Wien? Seit wann fotografierst du dort?

Mich haben ganz einfach meine Lebensumstände in dieses Viertel geführt, da ich ab 2011 in der Gegend gearbeitet habe. In dieser Zeit habe ich das Viertel wirklich lieben gelernt, weil es sehr nah am touristischen Zentrum liegt, aber dennoch von vielen verschlafenen Gassen, alten Geschäfte und Überbleibseln der Textilindustrie geprägt wird. Somit hat es seinen eigenen Charme – eine sympathische Melange von Menschen und Baustilen.

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In Zusammenhang mit Fotografien wie deinen hört man immer wieder den Begriff Straßenfotografie. Trifft das in deinem Fall zu, und was verstehst du darunter?

Ja, Straßenfotografie ist ein Genre mit diffus definierten Regeln und existiert kaum ohne Menschen, man spürt das Verhältnis von Mensch und Umgebung. Es ist wie „flanieren“ mit einem Schuss Adrenalin. Meist sind die Fotos Schwarz-Weiß, wobei es natürlich auch hervorragende Ausnahmen, wie Helen Levitt und Saul Leiter, gibt. Ein anderer Punkt ist die Natürlichkeit des Motivs, denn es ist nichts gestellt, und man fragt auch nicht nach Erlaubnis. Trotzdem verwendet man auch eher Weitwinkelobjektive, damit man näher am Motiv ist und es zu einer gewissen Interaktion kommen kann. Ein absoluter Experte auf diesem Gebiet ist für mich Gary Stochl, der in Chicago durch jahrelange Regelmäßigkeit ein kohärentes Werk der Straßenfotografie geschaffen hat.

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Manche Bilder erinnern durch die farbliche Reduktion auf Schwarz-Weiß und die verdrehten Perspektiven an Alexander Rodtschenko. Warum hast du persönlich auf Farbe verzichtet und die Bildausschnitte teilweise surrealistisch verdreht?

Die Verdrehung des Ausschnittes verleiht der Umgebung eine gewisse Lebendigkeit. Erhart Kästner schreibt in seinem Buch „Aufstand der Dinge“, dass die Surrealisten die Dinge ermächtigen, indem sie diese lebendig werden lassen. Das ist für mich eine schöne Betrachtungsweise des Surrealistischen, und so ist es auch mit meinen Fotografien: Die Verdrehung der Dinge hebt die Hierarchie zwischen Vordergrund und Hintergrund auf und lässt den Hintergrund gleichzeitig lebendig werden. Das geht so weit, dass der Mensch sich teilweise in seiner Umgebung auflöst, dadurch werden Begriffe wie Vordergrund und Hintergrund unklar und das ambivalente Verhältnis wird betont. Was die Farblichkeit angeht stellt das Fotografieren in Schwarz-Weiß für mich keinen Verzicht dar, weil Farbe für mich kein wichtiger Faktor ist, deshalb vermeide ich sie einfach. Das Schwarz-Weiß unterstützt in meinen Bildern das Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Umgebung, diese Ambivalenz wird durch Schwarz, Weiß und Graustufen besser vermittelt, zumindest für mich. Licht spielt dabei eine ganz entscheidende Rolle. Man braucht es für gute Tonwerte, aber auch zur Akzentsetzung. Licht gibt Richtungen vor und schafft Perspektive. Aber da ist man natürlich in der Straßenfotografie stark von der Umgebung abhängig, womit sich der Kreis von Mensch und Umwelt wieder schließt.

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Was ist das Beeindruckende am Motiv „Mensch in der Stadt“? Was leisten die abgebildeten Personen – ob Liebespaar, alte Frau oder durch die Straßen eilende Menschen – für deine Bilder? 

Bei der Straßenfotografie geht es ja nicht um die Straße, sondern um die Menschen in ihrem Umfeld. Sie changieren dabei zwischen Statisten und Protagonisten. Es geht um die Akzidenzien des Verhältnisses von Mensch und Stadt. Also nicht um das Vordergründige wie Wohnen und Arbeit, sondern um die Momente dazwischen. Erst die Menschen machen sie sichtbar, durch ihr Verhalten wird die Umgebung konkret. Bereits der Philosoph Heraklit von Ephesos sagte: „Alles fließt“ – und die Stadt fließt einfach schneller. In der Straßenfotografie kann ich immer an einem Ort sein, doch der Ort um mich herum verändert sich durch die Menschen ständig. Diese Veränderung ist mehr, als die bloße Summe der menschlichen Eingriffe, weil der Ort selbst eine Eigendynamik besitzt. Diese pulsierenden Veränderungen sind in der Stadt schlichtweg dichter als am Land.

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Trotz der wichtigen Rolle der Menschen in deinen Bildern lehnst du das Genre Portrait explizit ab. Warum? Wo liegt für dich der große Unterschied?

Während das Portrait dem Menschen huldigt, könnte man die Straßenfotografie als „die Rache des Apparats an seinen Schöpfer“ bezeichnen. Diese Art von Fotografie stellt den Menschen schonungslos, ironisch, hinterfragend und kritisch in all seinen Facetten dar. Das Portrait lehne ich nicht grundsätzlich ab, es ist halt einfach nicht mein Ding. Es ist ganz was anderes, im Portrait steht der Mensch an sich im Fokus, in der Straßenfotografie spielen noch andere Dinge eine Rolle, es geht um mehr. Vor allem Portraits im Studio haben oft etwas Poliertes an sich.

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Du fotografierst digital und analog. Wie unterscheidest du zwischen „old- und newschool“? Gibt es Momente, wo du das Eine gegenüber dem Anderen bevorzugst? Und spielt nachträgliche Bearbeitung eine große Rolle?

Ich sehe den Unterschied zwischen digital und analog weniger im fertigen Produkt, als im Herstellungsprozess. Analoge Kameras sind knackiger in der Bedienung, da sie immer bereit sind. Eine Leica M6 lässt sich nicht ausschalten. Auch der Blick mit einer analogen Kamera ist anders, vielleicht fokussierter. Aber ehrlich gesagt ist Digitalfotografie oft praktischer, ich entscheide da mehr pragmatisch als ästhetisch, weil die Ästhetik im Endprodukt ohnehin sehr ähnlich ist. Was Nachbearbeitung angeht versuche ich möglichst wenig zu machen, digital mache ich nicht mehr, als man analog in der Dunkelkammer machen könnte: Kontrast, nachbelichten und abwedeln.

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Eine Frage bleibt noch: Was hoffst du mit deinen Fotografien zu sagen, oder auch zu verschweigen? Wie sollen Betrachter deine Werke einordnen?

Ich gehe nicht raus mit einer Message im Kopf, Straßenfotografie ist ein Genre für sich, da braucht es nicht unbedingt eine universelle Aussage. Es ist eher so, dass nach dem Entstehen einer Bilderserie oft von selbst ein roter Faden auftaucht. Bei der Vernissage der jetzigen Ausstellung kamen Rückmeldungen von Entfremdung bis Leichtigkeit in meinen Fotos. Ich finde das zeigt, dass ein Werk seinen Schöpfer transzendieren kann, denn man sieht was man ist. Das gilt für mich, und wohl auch für den Betrachter. Man kann auch Kritik zum öffentlichen Raum und zur Entfremdung des Menschen sehen. Für mich sind Klassengegensätze ein Thema, und ich hoffe, dass das in manchen Fotos durchkommt. Nebenbei dokumentieren manche Bilder die Veränderung der Tuchlauben seit 2011 – Stichwort Goldenes Quartier. Aber zum gelungenen Foto gehört auch immer der Zufall. Mein Werk selbst einzuordnen ist schwierig, dazu muss man wissen, dass biografisch meiner Affinität zum Bild eine Affinität zum Text zuvor geht. Deshalb würde ich meine Bilder eher mit Essays vergleichen. Entsprechend Montaigne stellen sie auch oft die Frage nach der l’humaine condition.

// Interview geführt von Anna Maria Burgstaller

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Die aktuelle Ausstellung von Andreas Zeitler „Rund um’s Textilviertel“ läuft noch bis 20. Juni 2014
Pool7 Galerie. (Rudolfsplatz 9, 1010 Wien)

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