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Wie kann man im vermeintlich abgebrühten 21. Jahrhundert mit Kunst noch schockieren? Es braucht gar nicht viel: Eine Frau mit Penis und schon zeigt sich das Weltbild so mancher erschüttert. Dabei wollte David LaChapelle gar nicht zum Aufreger des Life Ball 2014 werden, sondern lediglich etwas Schönes zeigen, bloß hat er dabei sein Publikum überschätzt – ein Publikum, das seine neue Idee der Weiblichkeit noch gewöhnungsbedürftig fand. Aber die Frau mit Bart hat bewiesen, was alles geht: Nämlich alles, solange man sich dabei wohlfühlt. Im Nachhinein waren dann auch (fast) alle überzeugt und um unsere Kinder muss sich bestimmt niemand sorgen, eher um die Eltern und den rappenden Politiker.

David LaChapelles Welt erinnert ein bisschen an Charlie und die Schokoladenfabrik, ein farbgewaltiges Paradies voller Überraschungen. Tatsächlich will LaChapelle nur Schönes zeigen, denn wie er sagt gibt es auf der Welt bereits genug Hässliches, warum also der Welt noch mehr davon präsentieren? Doch diese Ästhetik seiner konstruierten Bildwelt beginnt bei näherer Betrachtung zu bröckeln. LaChapelle vergleicht seine übersteigerten hyperrealen Motive mit einem Knusperhäuschen – von außen voller makelloser Körper und schöner Natur, aber wenn man näher kommt spürt man die Gefahr, eine Entfremdung, die davon ausgeht.

In seiner aktuellen Ausstellung Once in the Garden im Ostlicht werden essentielle Fragen aufgeworfen, die Antworten dazu muss man wohl in David LaChapelles Biografie suchen. Von Andy Warhol entdeckt rutschte der junge Fotograf in den Achtziger Jahren in die Modewelt von New York, von dort aus er auch bald für internationale Magazine zu fotografieren begann. Nach zahlreichen Jahren, in denen er unzählige Pop- und Filmstars vor seiner Linse hatte, wendete er sich vom glänzenden Hollywood ab. In den Bildserien, die danach entstanden, geht es vermehrt um konfliktreiche Themen wie Körper, Sexualität, Politik und Religion. Das alles ohne sich dabei zu wichtig zu nehmen. Er ist ein Fotograf mit Herz, ein Mensch der viel erlebt hat und seine Erfahrungen gerne auf vielfältige Art teilt. In seiner Serie „Earth Laughs in Flowers“ (2008-2011) zeigt er Vergänglichkeit und Schönheit anhand barocker Stillleben. Und auch in den Serien „Gas“ und „Land Scape“ gibt er seinen Kommentar zur aktuellen Ölraffinerie ab: Er zeigt Tankstellen, surreal leuchtend, mitten im Dschungel als Pilgerstätten – ein Ort, den alle Religionen gleichsam aufsuchen. Solche Gedanken zeigen, dass LaChapelle mehr tut, als die bloße Wirklichkeit abzufotografieren. Er konstruiert seine eigenen kleinen Bildwelten, zeigt seine eigene farbvolle Realität als kritisches Statement an unserer Gesellschaft.

Seine neueste Arbeit „Once in the Garden“ manifestiert eines seiner wichtigsten Statements – Liebe kennt keine Geschlechtergrenzen. Im Grunde simpel, aber für viele erschreckend schwer. Bleibt nur zu hoffen, dass David LaChapelle mit seinem Aufruf für mehr Toleranz nicht mehr schockiert, wenn er das nächste Mal zu Besuch kommt.

// Anna Maria Burgstaller

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David LaChapelle. Once in the Garden. 

Galerie Ostlicht

02.06. – 14.09.2014

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Art and Signature – Contemporary Art Magazine based in Vienna.  

Kunstmagazin Wien