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Der amerikanische Künstler Bill Viola gilt weltweit als Pionier der Videokunst. Das Grand Palais in Paris widmet ihm nun eine umfassende Retrospektive und gewährt einen faszinierenden Einblick in Violas Arbeiten der letzten vier Jahrzehnte. Fanny Hauser war vor Ort.___

Das Jahr 1951 markiert nicht nur die Geburtsstunde des ersten Videorekorders der Welt, sondern auch die des amerikanischen Videokünstlers Bill Viola. Durch den Einsatz neuster Videotechnologien wie Zeitlupen und -raffer, Überblendungen und extremen Mikro- und Makroaufnahmen, schafft der Künstler ein einzigartiges digitales Bilduniversum und gewährt so einen Blick aus noch nie gesehenen Perspektiven. Mit zwanzig bedeutenden Werken, fünfzig Bildschirmen und unzähligen Stunden Bildmaterial gehört die aktuelle Bill Viola-Ausstellung im Pariser Grand Palais zu den umfangreichsten Retrospektiven, die dem Künstler jemals gewidmet wurden.

Vom Künstler selbst als introspektive Reise konzipiert, bietet die Ausstellung eine Reise in drei Etappen rund um die großen metaphysischen Fragen: Wer bin ich? Wo bin ich? und Wohin gehe ich? Während der erste Abschnitt der Ausstellung sich primär damit beschäftigt, wie wir unseren Körper bewohnen, erforscht der zweite Abschnitt vor allem unsere Beziehung zur Natur, deren Kräfte wir nicht zu beherrschen vermögen. Der dritte Abschnitt thematisiert unsere letzte Reise, die Viola jedoch stets mit der Möglichkeit einer Auferstehung, einer Ewigkeit verbindet. Die Arbeiten des Künstlers werden also nicht chronologisch, sondern thematisch präsentiert, wobei die BesucherInnen ihre Reise selbst gestalten können und – Viola zufolge – auch sollen. Viola spielt mit Grenzerfahrungen, thematisiert elementare Polaritäten wie Leben und Tod, Verfall und Konstruktion, Krankheit und Heilung, Mann und Frau, Wasser und Feuer und bedient sich in seinen Werken häufig der Metapher eines in Wasser getauchten Körpers, um den Fluss des Lebens darzustellen. Als exemplarische Arbeiten können hier vor allem die Videos Heaven and Earth (1992) sowie Fire Woman (2005) und Ascension (2000)  genannt werden. Während Heaven and Earth uns am Anfang der Ausstellung mit zwei sich gegenüberliegenden Bildschirmen konfrontiert, die einerseits Sequenzen einer alten Frau am Sterbebett, andererseits Bilder eines Neugeborenen zeigen, werden wir bei Fire Woman Beobachter einer schwarz verhüllten Frau, die sich – vor einer Feuerwand stehend – schließlich in das vor ihr liegende Wasser fallen lässt. Das Video Ascension zeigt die Unterwasseraufnahmen eines Mannes, der in extremer Zeitlupe in die Stille des Wassers eintaucht, um schließlich wieder auf- und unterzutauchen und letztlich ganz im Dunkel des Wassers zu verschwinden. Wie in den meisten Werken Violas sind hier nicht nur spirituell-religiöse Motive wie die Auferstehung und die Himmelfahrt zentral, sondern auch die extreme Verlangsamung der Bilder. Fast alle Arbeiten des Künstlers werden in Zeitlupe gezeigt, wodurch die BetrachterInnen sich in den Videobildern verlieren und die feinen Nuancen der Gestiken und Expressionen verstärkt wahrnehmen sollen. Durch die Zeitlupe in The Quintet of the Astonished (2000) können selbst die kleinsten Veränderungen der sich langsam entfaltenden Gesichtsausdrücke der fünf gezeigten Akteure wahrgenommen werden. Die Videoinstallation gleicht einem lebendig gewordenen Gemälde und zitiert – wie viele andere Arbeiten des Künstlers auch – die großen Meistern der Renaissance. Von Giottos Fresken in der Cappella degli Scrovegni in Padua inspiriert, ist der monumentale fünfteilige Zyklus Going Forth By Day (2002). Das Herzstück der Ausstellung stellt das technisch wohl komplexeste und aufwendigste Projekt des Künstlers dar und besteht aus fünf gleichzeitig bespielten großformatigen Leinwänden: In der Mitte des Raumes stehen die BesucherInnen und werden mit verschiedenen Aspekten des menschlichen Daseins konfrontiert und dazu eingeladen, sich im von den Videos ausgeleuchteten Raum frei zu bewegen.

Ein weniger kunsthistorisches, als musikalisches Zitat findet sich am Ende der Ausstellung:  Tristan’s Ascension (The Sound of a Mountain Under a Waterfall) aus dem Jahr 2005 ist Teil des Tristan Projects, einer Serie, die von Richard Wagners Oper Tristan und Isolde inspiriert wurde. In Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Theaterregisseur Peter Sellars schuf Viola neue Videoarbeiten, die im April als essentieller Teil der Inszenierung in der Opéra Bastille zu sehen waren. Seit über 40 Jahren schafft Bill Viola mittlerweile Videos und Installationen, Klangwelten und elektronische Musikdarbietungen und hat in diesem Zeitraum zweifelsohne eine eigene unverkennbare Formensprache entwickelt. Seine Projekte erforschen die Lebenserfahrungen der Geburt und des Todes, die Entfaltung des Bewusstseins und die Wurzeln in der Kunst. Die umfassende und emotionsgeladene Retrospektive im Grand Palais gibt uns kaum Informationen: Es gibt weder Audioguides noch Texte auf den Wänden. Lediglich die Fakten zu den Installationen werden uns auf kleinen Schildern neben den Arbeiten Violas präsentiert, wodurch der Fokus vollständig auf den Videos ruht und man gänzlich in eine aus Video und Sound bestehende Welt eintauchen kann.

        // Fanny Hauser

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Bill Viola – Noch bis 21. Juli 2014 im Grand Palais in Paris zu sehen.

Der begleitende Katalog erschien bei Flammarion und dokumentiert die Ausstellung in rund 180 Seiten und zahlreichen Farbabbildungen. Die offizielle DVD der Ausstellung erläutert die Arbeit Violas auf 52 Minuten Videomaterial.

Im ebenfalls erhältlichen interaktiven Album kommentiert der Künstler selbst 20 seiner Arbeiten. Neben 48 Farbabbildungen beinhaltet das Album außerdem eine detaillierte chronologische Biographie sowie 11 Videosequenzen. Das Album erscheint in französischer und englischer Sprache.

Die kostenlose Grand Palais Art Scan-App erlaubt es, Auszüge der Videoarbeiten direkt auf einem Smartphone oder Tablet anzusehen.

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