//

Ob es nun die Liebe zur Ordnung ist, oder vielmehr die „Ästhetik einer Zwangsneurose“. Fakt ist, die aktuelle Ausstellung von Josef Dabernig „Rock the Void“ im mumok sorgt für Aufsehen. Anna Maria Burgstaller traf Dabernig und sprach mit ihm über die Hintergründe …

//

Die aktuelle Ausstellung im mumok trägt den Titel „Rock the Void“. Wie treten deine verschiedenen künstlerischen Medien über drei Stockwerke miteinander in Verbindung?

Ausgehend von den Grundrissplänen der drei Ausstellungsebenen hab ich ein Display entwickelt, dass sich als autonomes künstlerisches Statement versteht und zugleich die funktionale Rahmung von Arbeiten in unterschiedlichsten Medien erfüllt. „Rock the Void“ ist in diesem Zusammenhang eine metaphorische Entsprechung in Bezug auf formale und inhaltliche Leerstellen.

//

Die Entwicklung deines Werkes nahm Ursprung in einer abstrakt geometrischen Bildhauerei – diese formalistische Sensibilität wurde in den Erzählfilm übernommen und macht dich heute zu einem Vertreter des traditionellen österreichischen Experimentalfilms. Wie kam es zu dieser medialen Bandbreite?

Über das Bildhauereistudium begann ich mich exzessiv mit der von mir zuvor nicht bewusst wahrgenommenen dritten Dimension zu beschäftigen. Überhaupt erlebte ich meine Studienzeit als einen Freiraum für Erkenntnisprozesse. Beispielsweise die Frage betreffend, worin denn der graduelle Unterschied zwischen dem akribischem Studium der menschlichen Figur in Form des Aktzeichnens und der Abschrift einer Buchvorlage sein könnte.1 Viel früher schon war ich nicht ganz freiwillig zum Klavierspiel von Johann Sebastians Bachs Fugen angehalten worden, was mir später als Vorschule in Bezug auf strukturelles Denken zu Gute kam. Anders ausgedrückt konnte ich sogar den mit Disziplinierungsmechanismen zusammenhängenden Traumata positive Aspekte abgewinnen und sie produktiv für meine künstlerischen Überlegungen nutzbar machen.

//

Durch eine präzise mechanische Sprache wird die Kunst strikt kalkuliert. Inwiefern wirkt sich die Einbeziehung des Drehkonzepts auf den Status des Werkes aus?

Meine Filme könnten aufgrund ihrer spezifischen Konzeption als „extended sculptures“ im Sinn von erweiterter Bildhauerei gelesen werden. So gesehen scheint mir auch Analogfilm als das adäquate Medium. Ein strukturell durchdrungenes Drehkonzept setz ich insofern als verbindlich voraus, da wir ja alle Strukturen in uns tragen. Rhythmen wie Tag und Nacht, solche von Stoffwechselprozessen oder in Alltagsökonomien generieren einen Wiederkennungswert, wenn sie uns in künstlerischen Formaten entgegen treten. Das vermeintlich Unerträgliche von Ordnungen versuch ich auf inhaltlicher Ebene mitunter subtil, manchmal auch brüsk zu brechen.

//

//

In den Filmen bilden stets Familienmitglieder und Freunde die Basis deiner roh inszenierten Geschichten. Wo liegt für dich der wichtige Unterschied zwischen professionellen Schauspielern und Laien?

Ich denke, dass meine Arbeiten eine Ökonomie der Mittel implizieren. Nichts was in der Ausstellung gezeigt wird – von der Materialität der Filme und den Aufwand des Displays einmal abgesehen – erscheint teuer. Es handelt sich unter anderem um gesammelte Artefakte, einfaches Baumaterial, simple Fotos, normales Papier und die mumok-eigenen Vitrinen. So versuche ich eine Bildwelt zu generieren, die den finanziellen Aufwand im Rahmen hält. Professionelle Schauspieler sind angemessen zu honorieren und spielen Rollen. Meine Darsteller hingegen spielen Rollen und zugleich sich selbst. Bei Verwandten und Freunden lässt sich gut einschätzen, was man ihnen zutrauen kann, man bewegt sich quasi auf einer authentischen Ebene.

//

Laut eigenen Aussagen hat dich das Leben an der Grenze stark beeinflusst. Welchen Einfluss hat die wechselseitige Sehnsucht und Projektion der Grenzregion auf dein Werk? Ist dieser Umstand Ausgangspunkt der Thematisierung vom westlichen Sozialstaat?

„Borderline-Syndrom“, im Übrigen auch Motto der Manifesta 3 in Ljubljana, ist ein Ausdruck aus der Psychoanalyse, den ich in diesem Zusammenhang gern auf Wechselbeziehungen an Grenzen übertrage: Ich bin an der italienischen Grenze aufgewachsen und von damit zusammenhängenden Widersprüchen und Brüchen geprägt. Später dann wurde der Osten eine entsprechende Projektionsfläche. Der vom eisernen Vorhang getrennte Raum war bis 1989 quasi eine Tabuzone und als solcher Gegenstand mannigfacher Spekulationen. Ich befasste mich nach der Öffnung intensiv mit ästhetischen Räumen des ehemaligen Ostens, in dem ich sie als archäologische Orte gesellschaftspolitischer Utopien für meine Arbeit nutzbar machte.

////

Dein konzeptionelles Systemdenken folgt ganz der Konzeptkunst der administrativen Ästhetik laut Adorno und macht dich zu einem exakten Beobachter und Registrator. Wie ordnen sich dokumentierte Tankstellenstatistiken und Fußballspiele in deinem Werk ein? 

In die jüngere Kunstgeschichte haben sich unterschiedliche Formate der Aneignung eingeschrieben, nicht jede Künstlerin und jeder Künstler erschafft die Welt neu. In meinem Fall subsummieren sich Bausteine wie Listen, Tickets und Fotografien zu einer kodierten Biographie. Zwar scheint es, als hätte sich mit den Filmen das Verschleiern von Privatheit ins Gegenteil gedreht, indem ich Obsessionen und Ticks als Teil der Handlungen auszubreiten begann. Die Aussagen halte ich allerdings nach wie vor als kodiert und ich schätze sie als interessanter ein, wenn sie Interpretationsspektren öffnen und von den Rezipienten mehr als Imaginations- denn als Informationsräume begriffen werden.

//

Vielen Dank für das Interview! 

// Interview geführt von Anna Maria Burgstaller

//

//

1 1977 kopierte Josef Dabernig als 21 Jähriger mittels Kugelschreiber auf 109 DIN A5 Seiten Dr. Franz Xaver Mayrs Buch „Schönheit und Verdauung oder die Verjüngung des Menschen nur durch sachgemäße Wartung des Darmes“, Erstausgabe 1920.

//

Art and Signature – Contemporary Art Magazine based in Vienna

Online Kunstmagazin Wien // Kunstblog