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Für den zweiten Teil der Ausstellungstrilogie L’état du ciel präsentiert das Palais de Tokyo in Paris u.a. Arbeiten von Thomas Hirschhorn und Hiroshi Sugimoto und überzeugt mit einer beeindruckenden Fortsetzung der Serie. Fanny Hauser berichtet.

Bereits André Breton ging davon aus, dass die Künstlerfigur stets mit offenen Augen und großer Aufmerksamkeit durch ihre jeweilige Gegenwart streift. Von diesem Leitgedanken ausgehend, hat das Palais de Tokyo seinen mittlerweile zweiten Teil der Ausstellungsserie L’état du ciel eröffnet, in der aktuell KünstlerInnen wie Thomas Hirschhorn, Hiroshi Sugimoto und Sheila Hicks ihre jeweils ganze eigene Perspektive auf unsere gegenwärtige Welt vorstellen.

Im Großen und Ganzen lässt sich die Schau in vier unterschiedliche Komplexe gliedern. In Zusammenarbeit mit der Villa Arson in Nizza präsentiert die Fondation Pierre Bergé-Yves Saint–Laurent die Arbeiten von drei jungen AbsolventInnen der Villa Arson, die sich jeweils das Ausstellungsgebäude selbst zu eigen machen. Wie auch bei den Arbeiten von Vivien Roubaud und Thomas Teurlai, lässt Tatiana Volska ihre Arbeiten in Dialog mit der Architektur des Gebäudes treten. Die aus recyceltem Material (Holz, Metall, Plastik) geschaffenen Skulpturen passen sich an ihre jeweilige Umgebung an und machen sich die Spuren der vorangegangenen Ausstellungen zu eigen. Die Interventions sur le bâtiment hingegen, laden die KünstlerInnen nicht nur dazu ein, das Gebäude selbst zu nutzen, sondern dieses gleichsam auch zu verwandeln. Neben der Arbeit von Nathalie Czech und dem graphischen Werk von Emilie Ding, sticht vor allem die interaktive Installation von Sheila Hicks ins Auge, die im Herzen des Gebäudes zu finden ist. Für ihre sich stets entwickelnde architektonische Arbeit verwendet Hicks Stoffe und Fäden, die die BesucherInnen dazu einladen sich selbst in das Werk einzubringen und es stets neu zu formulieren und umzuformen.

Die zentralen Künstler des zweiten Teils der Ausstellungsreihe sind allerdings zweifelsohne Thomas Hirschhorn und Hiroshi Sugimoto, deren Ansätze unterschiedlicher nicht sein könnten. Im Rahmen seines Projekts Flamme Eternelle arbeitet der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn einmal mehr nach dem Prinzip „Präsenz und Produktion“ und ist noch bis 23. Juni täglich (außer Dienstags) von Mittag bis Mitternacht im Palais de Tokyo anwesend. Seine riesige Installation ist vor allem der Beziehung zwischen Kunst und Philosophie gewidmet und wird nicht zuletzt von den rund 200 eingeladenen Intellektuellen (PhilosophInnen, DichterInnen, KünstlerInnen und SchriftstellerInnen) getragen, die die BesucherInnen dazu einladen an ihren Konversationen teilzuhaben und sich aktiv am Projekt zu beteiligen. Flamme Eternelle bricht bewusst mit den traditionellen Regeln des Kulturkonsums und kann bei freiem Eintritt besucht werden. Inmitten von aufgetürmten Autoreifen und mit braunem Klebeband (Hirschhorns Markenzeichen) überzogenen Möbeln, haben die BesucherInnen die Möglichkeit in einer Art „Bastelecke“ Objekte herzustellen, was die Werkstattatmosphäre des Projekts noch verstärkt. Wer sich lieber entspannen möchte, ist ferner dazu eingeladen sich Filme anzusehen oder im Internet zu surfen; eine kleine Bibliothek bietet eine interessante Auswahl an Lektüre und wer durstig ist, kann sich an der dortigen Bar zu günstigen Preisen verköstigen lassen.

Mit diesen, auf Papier gekritzelten oder getippten Worten, leitet Hiroshi Sugimoto jede seiner aktuell ausgestellten Arbeiten ein und präsentiert uns eine weitaus düstere und negativere Sicht der Dinge: Aujourd’hui, le monde est mort [Lost Humain Genetic Archive] ist eine neue Facette einer Ausstellungsserie, an der Sugimoto seit mittlerweile 10 Jahren arbeitet. In dieser Ausstellung stellt der Künstler eine Sammlung von unterschiedlichsten Objekten seinem fotografisches Werk gegenüber und präsentiert uns – in Anlehnung an Albert Camus’ L’Étranger (Der Fremde) und Marcel Duchamps Ready-mades – seine persönliche Sicht auf die Geschichte aus einer Zukunftsperspektive. Die BesucherInnen werden mit rund 30 Weltuntergangsszenarien konfrontiert, die stets von unterschiedlichen, fiktiven Charakteren kommentiert werden (so beispielsweise auch die „Love Doll Ange“, eine Gummipuppe, die sich über die negativen Folgen der Emanzipation beklagt). Als Art Ruine konzipiert, steht die Ausstellung im Einklang mit der atypischen Architektur des Gebäudes und ist zeitgleich auch die größte Ausstellung, die Sugimoto jemals in Europa hatte.

Das Palais de Tokyo bricht aufs Neue mit der klassischen Idee der „Ausstellung“ und überrascht mit neuen Konzeptionen, die das Publikum dazu einladen teilzuhaben, zu verweilen oder schlicht und ergreifend wiederzukommen. Mit den künstlerischen Positionen von Thomas Hirschhorn und Hiroshi Sugimoto stößt man auf zwei radikal unterschiedliche Ansätze: Während Hirschhorns lebendig-gewordener public space nicht nur als vorübergehendes Atelier des Künstlers, sondern als Ort intellektuellen Austauschs und sozialen Engagements fungiert, konfrontiert Sugimoto uns mit den Phantomen unserer eigenen Zivilisation und Gesellschaft. Da es nach dem Weltuntergang naturgemäß kein elektrisches Licht mehr gibt, wird Sugimotos Schau ausschließlich von Tageslicht erhellt. Nächtliche BesucherInnen (das Palais de Tokyo hat stets bis Mitternacht geöffnet) werden dafür mit Taschenlampen ausgestattet. Sollten die Taschenlampen nicht erhellend genug sein, so hat man immer noch die Möglichkeit sich in Thomas Hirschhorns Projekt zu integrieren, in dessen Mitte der Künstler zwei Flammen entzündet hat, die (unter feuerpolizeilicher Aufsicht) noch bis 23. Juni brennen werden:

„Die ewige Flamme steht für die Freundschaft von Kunst, Philosophie, Poesie und Literatur. […] nur Kunst, Philosophie, Poesie und Literatur können wirklich heute in unserer Welt eine eigenständige autonome Kraft entwickeln und haben die Möglichkeit, etwas zu verändern“, so Hirschhorn.

// Fanny Hauser

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Teil 3 der Ausstellungsreihe L’état du ciel eröffnete am 6. Juni 2014 und präsentiert u.a. die Arbeit des englischen Künstlers Ed Atkins.
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