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Für Garry Winogrand war die Fotografie eine Sucht: Die Kamera injiziert ihm das Bild, seine Droge. Wie ein Jäger streifte er durch New York, immer auf der Suche nach Motiven. Ein manischer Fotograf auf der Jagd nach attraktiven Frauen, die zu Objekten seines männlichen Blickes werden – heutzutage würden viele wohl laut aufschreien.

Garry Winogrand (1928, New York – 1984, Tijuana) begann nach einem kurzen Malerei-Studium als Werbefotograf und Fotoreporter zu arbeiten. Mit dem Beginn der Frauenbewegung in den 1960ern entwickelte Winogrands Stil, durch die Konzentration seiner Bildthemen, unverkennbare Merkmale. Die amerikanischen Frauen dieser Zeit waren durch die Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner dazu inspiriert, sich für die Lösung ihrer eigenen Probleme zu engagieren. Dieses neue Selbstbewusstsein wird zum Drehpunkt Winogrands Fotografie. Er zeigt die Frauen schön, stark, selbstbewusst und vor allem unabhängig. Seine vielseitige Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit führt zu erstaunlichen Bildern und macht ihn zu einem der frühesten und bedeutendsten Vertretern der amerikanischen Street Photography. Auf seinen Streifzügen durch die Straßen fokussiert er fast ausschließlich Menschen in ihrer Umgebung. Doch er hofft beim Entwickeln seiner Bilder darauf mehr zu entdecken, als er beim Fotografieren selbst sah. Nicht die Wirklichkeit soll abgebildet werden, vielmehr ist er auf der Suche nach kleinen Ungereimtheiten, die nicht immer gleich erkennbar sind – Schatten, Spiegelungen, Kontraste, und mittendrin Frauen mit schönen Brüsten. Und genau deswegen wird die Serie „Women are beautiful“ kontrovers diskutiert. Es sind Bilder die einen gesellschaftlichen Umbruch dokumentieren, sie zeigen starke Frauen, die New York für sich erobert haben. Das neue Selbstbildnis der Frau ist beeindruckend und bildet ein hervorragendes Thema für Winogrand, aber auch eine leichte Beute. Winogrand eignet sich seine Motive an, macht die Frauen zu Objekten seines triebgeleiteten männlichen Blickes. Betrachtet man all die jungen, hübschen Frauen schimmert der rücksichtslose Blick des Fotografen durch – eine nicht ganz so schöne Einsicht.

Es ist schwierig die wahren Absichten einzuschätzen, da Winogrand selbst sich nur selten zu seinen Bildern äußerte, für ihn war der Künstler hinter dem Werk irrelevant. Seine Bilder sollen also für ihn sprechen, aber als Betrachter weiß man nicht ganz so genau, wie man sie denn nun deuten soll. Man könnte das ganze als Hommage an die neue starke Frau sehen. Andererseits stellen diese Bilder einen Wiederspruch zur Frauenbewegung dar – das neu gewonnene Selbstbewusstsein macht die Frau attraktiv und damit zum Objekt eines männlichen Fotografen. Auffällig dabei ist auch, dass er in dieser Serie ausnahmslos attraktive junge Frauen fotografiert, bevorzugt mit knapp bekleideten Brüsten. Würde ein Fotograf heute so auf der Straße fotografieren, gäbe es wohl Ohrfeigen – die Frau in dieser Rolle ist jetzt Objekt der Werbewelt.

// Anna Maria Burgstaller


GARRY WINOGRAND

Women are beautiful

Im Westlicht vom 06.06.-03.08.2014

 
 
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