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Der deutsche Künstler Benjamin Bronni versteht sich nicht als Enfant Terrible, noch will er unbedingt Kunst produzieren. Daniel Lippitsch sprach mit ihm über die Eigenarten der Kunstwelt, die eigentliche Nutzlosigkeit von Vergleichen und wie man fernab von irgendwelchen Theorien spannende Kunst produzieren kann.

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Beschreibe mir bitte deinen Einstieg in die Kunst und deine Motivation an die Akademie zu gehen?

Ich war schon immer fasziniert vom arbeiten, werkeln und bauen. Zuerst habe ich dann aus irgendeinem Grund eine KFZ Elektriker Lehre begonnen, das war eine Entscheidung die ich nicht mehr ganz nachvollziehen kann. Als Jugendlicher bin ich dann in die Graffiti Szene gerutscht. Die Ausbildung hatte aber auch etwas Gutes weil sie mir gezeigt hat, dass ich absolut keine Leidenschaft habe für irgendjemanden zu arbeiten. Daraufhin bin ich dann immer intensiver in Richtung Kunst gegangen, weil ich hier genau so frei sein kann wie ich will.

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Wie alt warst du damals?

Das war kurz nach dem Zivi also mit 23 etwa. Ich war nicht mehr unter den Jungen an der Akademie aber auch nicht „seeehrr“ alt.

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Naja, es gibt auch viel ältere Quereinsteiger…

Ja klar, ein Freund von mir hat sich erst mit knapp 30 nach seinem Jus Studium dazu entschieden an die Akademie zu gehen.

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Du warst, bis auf einen studentischen Berlin-Ausreißer, immer in Stuttgart; Lehre, Akademie und jetzt bei Sandro Parrotta Contemporary. Was hast du für ein Bild von der Kunstlandschaft in Stuttgart?

Ich muss gestehen, ich hatte wirklich Glück mit Sandro und ich bin eher wenig aktiv in der Kunstwelt. Ich gehe selten zu Vernissagen oder ähnlichen Veranstaltungen. Meistens bin ich unterwegs und arbeite an etwas. Diese stilisierte Kunstwelt interessiert mich eigentlich gar nicht. Als ich in Berlin war empfand ich das anders, da spürt man den Puls der Zeit intensiver. Hier in Stuttgart klappere ich mittlerweile keine Galerien mehr ab, weil ich nicht aus reinem Pflichtgefühl heraus von einer Veranstaltung zur anderen rennen will. Deswegen bin ich auch auf die Akademie gegangen, um genau das zu machen was ich machen will und bis jetzt bin ich damit eigentlich ganz gut gefahren…

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Und wie ist es auf der Akademie für dich?

Da ist man relativ losgelöst…

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Bekannte von mir bereuen teilweise, dass sie auf die Akademie gegangen sind oder ein Studium begonnen haben weil es sie oft in Bahnen gedrängt hat wo sie gar nicht hin wollten…

Ja das ist ein guter Punkt!  Ich war am Anfang eigentlich immer relativ frei. Ich habe viele Tapeten entworfen, verrückte Lampen usw – egal.

Auf der Akademie musste ich dann bald anfangen Leinwände zu bauen und mit Ölfarben zu malen – das ganze akademische Ding eben. Es hat ca. zwei Jahre gedauert um mich von dem ganzen wieder zu distanzieren und wieder „freier“ arbeiten zu können. Jetzt ein paar Monate nach dem Diplom hätte ich wieder Lust etwas ganz anderes zu machen weil ich mich von diesem Kunstbegriff noch nie so distanziert gefühlt habe. Ich gehe sogar soweit, dass ich gar keine Lust mehr auf das alles habe um ganz was anders zu machen – Sitzgelegenheiten vielleicht! (lacht)

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Ist nicht gerade das ein interessanter Motor um das Bisherige zu überwinden und etwas ganz anderes zu machen?

Eigentlich ist es mir beinahe egal, ich bin quasi ein Schaffer und ob das was ich mache dann unbedingt Kunst sein muss weiss ich nicht. Es ist immer ein krasses Gegenspiel.

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Also wenn es dann gelingt wirkt es für dich nicht mehr annehmbar?

Naja nicht unbedingt aber ich finde einfach dieses Galerieumfeld so schrecklich steril. Es hat nichts mit dem Leben zu tun. Man schaut sich die Arbeiten an aber kann sie nicht anfassen, nicht erfahren usw..

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Man könnte zugängliche Arbeiten produzieren…

Ja klar, aber dennoch kann man sich während einer Galerieausstellung nie von diesem  Kunstkosmos lösen. Ich arbeite sehr viel und experimentiere mit verrückten Sachen – also mache ich eigentlich gar nichts. Danach gehe ich ins Atelier und bin total im Fokus. Ich male Bilder oder ähnliches bis ich nicht mehr gegensteuern kann und mich am Schluss alles anfickt. Blöd ist nur, dass ich alle meine apriori Vorsätze in diesem Prozess total vergesse (lacht).

Eines meiner letzten Themen war von der Wand zum Tisch. Ich wollte immer Tische bauen und bin dann irgendwann bei Potemkinischer Komfort – Karlos gelandet. Es freut mich dann total zu beobachten wie ein Thema Gestalt annimmt und sich in tatsächliche Arbeiten übersetzt.

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Dieser Zugang öffnet dir eine sehr freie, quasi „unakademische“, Produktionsweise.

Genau, es muss sich natürlich entwickeln. Mich nervt diese ganze Theoretisierung. Auch diese Klassifikationen: Dekorativ ist ungleich Kunst. Gerade die Leute in der Kunst wollen unfassbar frei und unvoreingenommen wirken aber sie zwängen sich total ein! Alles geht über vor Wertungen!

Deswegen bin ich am liebsten mit meinen Leuten im Atelier. Die sind Welten entfernt von „Kunst“ und arbeiten in allen Sparten die sie interessieren. Die Kunst nimmt sich gern zu pseudoelitär…

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…ja das macht sie gern. Aber um noch einmal zurückzukommen. Wie beginnst du deine Arbeiten?

Ich denke mich nicht total in die Arbeit rein. Ich arbeite sehr prozesshaft.

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Wie ist dann dein Materialzugang wenn man an deine Skulpturen oder Leftovers denkt? Wie wählst du aus?

Holz ist für mich ein bevorzugtes Material weil es ästhetisch ansprechend ist und gut bearbeitet werden kann. Es war diesmal sehr schön mit vielen verschiedenen Materialien zu experimentieren weil die Formensprache dadurch unfassbar vielfältig wird. Ich will aber nicht wie ein Materialfetischist klingen. (lacht)

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Wie entstanden die Leftovers?

Das war genau hier und es hat ausgesehen wie Sau. Entgegen den ganzen präzise geschnittenen Skulpturen habe ich dann diese Formen am Boden gesehen die mich unglaublich  interessierten aber beinahe unmöglich darzustellen waren Es waren chaotische Negativformen, die zufällig arrangiert, vom Schneiden übrig geblieben sind. Da entstand dann die Frage wie diese Formen im selben Kontext funktionieren würden.

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Ich fand die Wirkung gegenüber den klaren Skulpturen sehr ansprechend besonders wenn man an deine vergangene Gruppenausstellung in Paris mit dem Reinhardt Zitat „I should learn to look at an empty sky and feel it´s total dark sublime“ im Titel denkt. Sublimer Schutt. Dass sie ein reines automatisches Zufallsprodukt waren ist klar, aber genau dadurch bestechen sie im Verhältnis zu den klaren Skulpturen.

Bei den dreidimensionalen räumlichen Arbeiten kann man diese Wirkung beinahe nicht erzwingen. Man stellt eine Figur in den Raum und es wird nie so komplex wirken wie ein flaches Foto! Arbeiten mit einem Bezug zum wirklichen Raum zu platzieren kann sehr einschränkend sein da du deinen Kontext im Vorfeld schon so eng fasst. Das wird man auch schwer beeinflussen können – fucking fact.(lacht)

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Du bist kein Freund von großer Theoretisierung. Bei deiner letzten Ausstellung wurde viel von Konstruktivismus gesprochen. Wie siehst du das?

Ich sammle für mich selbst immer viele Erfahrungen und plane nicht großartig. Ich fühle mich bei solchen großen Verweisen immer etwas missverstanden. Die Verbindung ist von mir nicht programmatisch durchdacht, es betrifft weder meine Formensprache, noch mein Leben.

Ich kenne diese Arbeiten und Künstler teilweise gar nicht, von daher verstehe ich zwar, dass diese Vergleiche für Künstler und Kritiker super interessant sind aber mir ist es eigentlich gleich ob irgendwer an Malevich denkt wenn er ein Bild ins obere Eck eines Raumes hängt.

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Ich habe damals in meinem Text auch daran denken müssen, obwohl der wirklich spannende Moment eher darin bestand, dass gerade diese unbewusste Wiederholung der Formen auf einmal wieder von jungen Künstlern aufgegriffen wird. Man fragt sich eher warum so etwas wieder passiert. Gerade bei der Parrotta Ausstellung konnte man gut beobachten, dass reanimierte Formen präsent sind und der extremen Abstraktion von zeitgleichen Arbeiten wie etwa „Artschool stole my Virginity“ entgegengesteuert wird. Diese Fragen haben definitiv mehr Potenzial als ewig die selben Vergleiche zu suchen und anzustellen.

Genau! Vielleicht unterscheidet sich meine Arbeit da auch etwas zu den ganzen großen Künstlern, weil es mir einfach nicht primär um die Kunst geht – ich produziere einfach gerne!

Wenn man diese Prozesse der Verbindungen bewusst steuern kann ist das unglaublich beeindruckend, es muss wohl irgendeine persönliche Haltung geben um sich von diesem Wissen nicht überrollen zu lassen.

Hauptsache man beschäftigt sich leidenschaftlich mit dem Thema, ob man jetzt malt, schnitzt oder kopiert… total egal. Auf alle Fälle versuche ich mir alles offen zu halten. Umso größer dein Fundus ist, umso extremer kann man mischen und man entdeckt Formen die man niemals planen hätte können. Das ist wunderbar!

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Wie soll es bei dir jetzt weitergehen? Ich meine, du willst es ja gar nicht wissen, du lebst ja aus dem Tun, aber was interessiert dich?

Das nächste große Thema für mich ist die Architektur. Lebensräume schaffen, etwas Nützliches generieren. Wir sitzen hier ja auch neben der Weißenhof Siedlung, das beeinflusst schon stark. Etwas ganz anderes wären zum Beispiel Laserarbeiten in Stahl. Ich habe ein paar Proben mit einer Firma machen lassen und dabei kann man sich dem Formthema wieder ganz anders nähern.

// Interview geführt von Daniel Lippitsch

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