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Die junge Künstlerin Stephanie Winter installiert mit Salon Hybrid die dritte Version ihrer performativen Installation Parapraxis in der leerstehenden Jugendstrafanstalt Rüdengasse in Wien. Die Arbeit verspricht eine bewegend verstörende Auseinandersetzung mit den Abgründen dieses unzugänglichen Orts und seiner Besucher. Daniel Lippitsch traf Stephanie Winter und sprach mit ihr bereits im Vorfeld zur geplanten Präsentation am 4./5. Juli 2014 … 

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Wie kam das Projekt Parapraxis III – Ich und meine Summe in der geschichtsträchtigen JVA Rüdengasse zu Stande?

Eigentlich gründet das Ursprungskonzept in dem von mir entworfenen Psychodrom. Ich habe nach einem Wort gesucht, dass alles komprimiert was mich interessiert und dennoch sehr viel Spielraum zur Entfaltung bietet. Dieser Begriff ist für mich wie eine psychische Umlaufbahn, die ich als Setting oder bespielbaren Ort betrachte. Mich hat interessiert wie man die Idee der Ausstellung überhaupt von einer anderen Seite denken kann um dem Besucher durch die Manipulation seiner Wahrnehmung einen ganzheitlicheren Blick gewährleisten zu können. Dieses Psychodrom ist die Idee eines Ausstellungssettings oder Filmsets, das dann dem Publikum unter gewissen Voraussetzung eine Performanceblase öffnen soll.

Ich habe in letzter Zeit zwei Experimente gemacht; Parapraxis I und Parapraxis II. Das erste war die Operation eines Gelatinekubus in Kooperation mit dem Kollektiv Rauschen, die wunderbare minimalistische Sachen machen und die Operation vertont haben. Diese Beschneidung des Kubus ist für mich zum einen eine komprimierte Fassung des kollektiven Gedächtnisses und zum anderen entsteht dazu ein Gegenmodell – eine unsichtbare Skulptur. Das Publikum ist außerdem immer aufgefordert sich an diesen Prozessen zu beteiligen. Die darauf folgende Installation im Brut war für mich und mein Team eine etwas größere Herausforderung, weil es im Vorfeld und während der Aufführung sehr viele Umbauarbeiten gab, die dann aber auch immer spannende Möglichkeiten für unbewusste Fehler offen lassen. Ich liebe es mit großen Sets zu arbeiten, Filme einzubauen oder kleine psychologische Experimente mit dem Publikum anzustellen. Da ich aber bisher immer mit viel Ausstattung gearbeitet habe, wollte ich meine Strategie diesmal etwas umdrehen und die Arbeit an einem fixierten Ort orientieren. Mein erster Gedanke war es dann für die Parapraxis III – Ich und meine Sinne, ein entsprechendes Hotel zu suchen.

Warum ein Hotel oder wie bist du dann im Gefängnis gelandet?

Das Hotel, das ich zuerst haben wollte, war eine ehemalige Beauty Farm. Es ging mir immer um das temporäre Ankommen an einem Ort. Dieser Umgang mit Zeitkabinen bei dem die Spiegelung zur Beauty Farm natürlich auch den Bereich der Identitätskonstruktion mit einbezogen hätte.

Das Hotel habe ich dann leider nicht bekommen und durch Zufall eröffnete sich mir die Gelegenheit dieses ehemalige Gefängnis zu bekommen.

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Immerhin hast du mit dem Gefängnis eine treffende Analogie zum Hotel gefunden. Die Aufenthalte hier waren nur etwas gezwungener.

Genau, ein unfreiwilliges, brutaleres Hotel mit etwas anderem Service (lacht).

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Es spielt aber doch ein starker Zufallsfaktor in Form der Publikumsinteraktion mit. Wie bringst du da eine Methode hinein?

Durch die Einbindung des Mediums Film und des großen Teams ist es zumindest klar wer welche Rolle spielt und wo jeder Bereich endet bzw. anfängt. Diese Produktionsbedingungen als Prozess zu betrachten machen es dann sehr spannend kleine Aspekte dieses Prozesses zufällig zu gestalten und umzukehren bzw. damit zu spielen. Was ich hier mache ist so etwas wie eine Doppelrolle. Zum einen ist es Regie aber es impliziert auch eine gewisse Freiheit. Die Fragen nach Zeit, Raum und Identität bzw. wie die Beobachtung diese Aspekte verändert, stehen immer im Mittelpunkt. Man kann dann versuchen den produzierten Film, anhand der Aura eines Orts und Musik etc., selbst begehbar zu machen und gleichzeitig diese Abgeschlossenheit des Mediums zu öffnen.

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Siehst du das Endprodukt – also den Film – und die Installation mit dem Publikum getrennt voneinander?

Eigentlich ist das Teil meiner Arbeit, von daher sehe ich alles als das Werk an sich und versuche auch immer alles zusammenzubringen. Genau in dem Aspekt hilft mir das Psychodrom. Es gibt viele Momente die nicht gefilmt werden und nur noch in den Köpfen der Besucher existieren und auf der anderen Seite wieder Dinge die konkret festgehalten werden.

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Wie würdest du das Thema der Arbeit beschreiben?

Die Arbeit skizziert das Gefängnis als eine Art  Gedächtnis. Wir (SALON HYBRID) verwandeln diesen mit Erinnerung aufgeladenen Ort in die Parapraxis. Der Begriff der Pararpaxis ist nicht nur als Freudscher Fehler bzw. Freudscher Versprecher zu lesen, sondern auch als eine Praxis, die sich in einer Metawelt – einem Simulacrum – in einer eigenwilligen Perspektive Themen rund um Identität und Gesellschaft, Überwachung und Strafe, Schuld und Vergebung widmet.  In verschiedenen inhaltlichen, ästhetischen wie emotionalen Zonen wird das Publikum herausgefordert, seine Rolle als passiver Beobachter zu verlassen um mit uns gemeinsam diese Erinnerungsmaschinerie in Gang zu setzten.

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Und mit welchen Medien willst du die Location bespielen?

So viel will ich eigentlich noch gar nicht verraten, aber Film, Sound und Licht sind natürlich dabei.

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Ist Film/ Video mittlerweile dein Hauptmedium?

Also irgendwie schlittere ich da immer mehr rein ja…

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Man sieht bei dir, dass es sich sehr stark in diese Richtung entwickelt. Du arbeitest aber auch objekthaft…

Der Film wird tatsächlich immer wichtiger, obwohl für mich der Film, der quasi nur für den Zweck des Films gedreht wird, wieder etwas ganz anderes ist.. Die Objekte sollen als Setting in den Film integriert werden. Diese Objekte wandern dann auch aus dem Film in den Realraum und haben somit im Film (in Form eines Protagonisten) und im Ausstellungsraum Bestand.

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Wo siehst du die Vorteile dieser intensiven Vermischung von Medien in Verhältnis zur Malerei zum Beispiel?

Die Idee, eine gewisse eigenständige Welt darzustellen die die Realität akupunktiert, ist für mich die treibende Faszination für das Medium Film bzw. Installation. In der Malerei ist die Frage eher wie sehr man diese Art der Kommunikation überhaupt verschleiern kann. Ich finde es schön in Schichten zu arbeiten und bewundere daher, wenn man gerade bei so großen Bespielungen wie hier, den Ort bei jeder Begehung anders erfahren kann.

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Die Idee ist ja zuerst entstanden und der Raum hat sich erst später daran angepasst weil du zuerst in ein Hotel wolltest und jetzt in diesem unwirklichen Raum arbeitest. Wie hat sich dabei das Thema verändert?

Natürlich hat sich mit der Verlagerung des Ortes auch das Thema verändert. Man kann sich diesem unheimlichen Gefühl hier im Gefängnis ja gar nicht entziehen. Diese ganzen verwinkelten Ecken öffnen dunkle Erinnerungen an all die schrecklichen Dinge die hier passiert sind. Mit genau dieser Dunkelheit möchte ich spielen, von daher wurde Licht ein maßgeblicher Aspekt der Installation.

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Also war für dich die Verlagerung des Ortes eine gravierende Herausforderung die Idee an das Umfeld anzupassen?

Natürlich war das extrem für mich weil das Gefängnis einfach einschüchternd wirkt. Man kann dem Thema, das ich bearbeiten will auch nie ganz gerecht werden. Jedoch arbeite ich immer gerne mit dem Begriff der Akupunktur, weil  die spezielle Beleuchtung eines Teilaspekts einen ganzheitlicheren Blick auf das Thema liefern kann. Gerade hier im Gefängnis fragt man sich dann auch natürlich aufgrund der ganzen Geschichten was es überhaupt heißt Teil einer Gesellschaft sein zu dürfen. Du wirst verurteilt, solange dein Fall verhandelt wird bist du noch jemand und dann wirst du quasi aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen. Man wird seiner Menschenwürde beraubt und einer komplett skurrilen Umwelt ausgesetzt.

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Wenn wir zum Beispiel an deine Arbeit „der Doppelgänger“ denken sieht man viele Parallelen die hier von neuem auf brutalere Art und Weise beleuchtet werden. Das Gefängnis als ein Hirn mit diversen Zonen…

Beim Doppelgänger reiste jemand in seine eigenen dunklen Erinnerungen und wird dabei mit einem Verbrechen konfrontiert. Ich versuche immer das Gedächtnis als Landschaft zu sehen, welche man begehbar machen kann. Außerdem habe ich versucht beim Doppelgänger das Thema der verschiedenen Egos, oder Positionen die in der Psychologie eine Rolle spielen, mit einzubauen. Diese können natürlich in einen Streit geraten und es könnte eine Ungleichheit entstehen zwischen dem was man will bzw. kann oder es entsteht irgendein dunkles Verlangen. Die Ästhetik dieser Brutalität ist sehr verführerisch. Es gibt in vielen Arbeiten eine gewisse ästhetische Haltung mit brutalen Themen umzugehen und oft ist es um einiges komplexer die schönen Dinge darzustellen.

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Vielleicht ist es auch ansprechender sich mit den unfassbaren, hässlichen Dingen zu konfrontieren…

Dennoch braucht man den Kontrast. Wenn man in der Hölle geboren wird, macht es einem vielleicht nichts aus, dass es den ganzen Tag nach Schwefel stinkt! (lacht)

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Wie ist es für dich deine großflächigen, stark materialgebunden Sets in Österreich zu produzieren?
Naja, es gibt eigentlich immer weniger gute Möglichkeiten, aber für mich ist es so, dass ich weitestgehenst versuche unabhängig zu arbeiten. Ich habe aktuell auch keine Galerie und arbeite möglichst entfernt vom Kunstmarkt obwohl man ihn natürlich nicht ignorieren darf. Man kann nur versuchen seine Spielregeln zum größten Teil selbst zu bestimmen.

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Wie näherst du dich dann deinen Konzepten?

Es ist generell unterschiedlich. Beim Doppelgänger war es das Schubert-Lied „Der Doppelgänger“, dass ich mit einem Opernsänger bearbeitet habe. Es gibt natürlich auch Projekte an denen man sehr lange arbeitet, dann kommt nichts dabei raus und eine kleine Notiz am Rande führt dann vielleicht zur Realisierung. Daher archiviere ich auch extrem viel.

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Wenn du arbeitstechnisch gerne archivierst, stört es dich dann nicht, dass deine Arbeiten in der Regel nicht archivierbar sind? Das ist doch irgendwie ein bedrückendes Gefühl.

Stimmt, aber es entsteht auch separat zur Installation ein Film, der zwar nur verschiedene Blickwinkel der Arbeit darstellen kann, aber ich finde es schön, dass man aufgrund der Vergänglichkeit der Arbeiten mit jedem Projekt mitwächst. Es ist ja so, dass man mit jedem Schritt nach vorne auch irgendetwas hinter sich lassen muss und diese Prozesse eher als Herausforderung anerkennen sollte um eine Bewegung von etwas weg zu machen.

// Interview geführt von Daniel Lippitsch

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PARAPRAXIS III – ICH UND MEINE SUMME wird am 4./5. Juli 2014 in der JVA, Rüdengasse in Wien präsentiert.

eine performative Installation von Stephanie Winter & Salon Hybrid

am 4. & 5. Juli 2014 – Einlass ab 20:00 Uhr

Ehemaliger Jugendgerichtshof, Rüdengasse 7 – 9, 1030 Wien

www.salon-hybrid.net

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