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Im letzten Jahr gewann die österreichische Kunstszene mit der Neueröffnung des Grazer Künstlerhaus KM– eine Position zeitgenössischer Kunst, die zum einen aktuelle internationale Strömungen aufgreift und zum anderen als Forum steirischer Kunst agiert. Im Rahmen der eröffnenden Ausstellung „Chat Jet (Part 1) – Malerei ‹jenseits› ihres Mediums“ zeigte man Arbeiten, die sich mit einem aktuellen Malereibegriff auseinandersetzten. In Fortsetzung dieses Diskurses folgt nun die Gruppenausstellung „Chat Jet (Part 2) – Skulptur in Reflexion“. Klara Brochhagen berichtet … 

Durch die Erweiterung des autonomen, zeitgenössischen Skulpturbegriffs, ausgelöst durch die künstlerische Praxis der 1960er/70er Jahre, werden Malerei, Film, Video sowie unterschiedlichstes digitales Quell-Material als gleichwertige Bestandteile von Skulptur mitgedacht und verwendet, während gleichzeitig Ausstellungsraum und medialer, sowie philosophischer Diskurs Reflexion finden. Von diesen Entwicklungen ausgehend, sind traditionelle Ästhetik von Skulptur, sowie ihre historisch begründete Definition in Frage gestellt. Die Grenzen des Mediums scheinen aufgehoben, wenn mutmaßlich Willkür über mediale Zuordnungen entscheidet. (1) Inwiefern der Skulpturbegriff sich innerhalb dieser scheinbar aufgehobenen Grenzen noch als solcher autonomisieren kann oder ob die Zuschreibung der künstlerischen Arbeit zu einem Medium überhaupt noch eine Rechtfertigung hat, dem ist der oder die Betrachtende in den Räumen des Künstlerhaus KM- ausgesetzt. Von nationalen Beiträgen von Cut and Scrape, dem Wiener Künstlerkollektiv Gelitin, Michael Gumhold und Michael Schuster reicht die Ausstellung mit Catherine Ahearn, Mathis Altmann, Michaela Eichwald, Yngve Holen, Nathan Hylden, Mandla Reuter, Nora Schultz, Tove Storch, und B. Wurtz bis hin zu einer durchaus möglichen internationalen Repräsentanz der zeitgenössischen Skulptur über zwei Stockwerke. Im Hauptraum des Erdgeschosses ist mit Rachel Harrison, deren Arbeit „Scots“ auf der Einladungskarte abgebildet ist, ein Wiedererkennungswert und somit entgegenkommender Einstieg in die Ausstellung geschaffen. Hier drängen sich Skulpturen aneinander und zeugen von der Diversifikation der Gegenwartsskulptur, die selber erst durch viele Positionen wiedergegeben werden kann.

So sind die zwei Arbeiten Isa Genzkens im Hinblick auf Material und Oberfläche nicht nur im Verhältnis zur Ausstellung, sondern bereits im Verhältnis zueinander ungleich. „empire vampire III“, Teil einer umfangreichen Serie der Künstlerin, erscheint zunächst klassischerweise auf einem Podest, doch die in ihrer Statik erstaunliche Konstruktion schließt als eine multimediale Reflektion von Krieg und Terror. „Wind (Michael)“, eine „kühle Hommage“ an Michael Jackson, beharrt weiters auf „den Terror der Gleichzeitigkeit und Austauschbarkeit aller Dinge und Materialien“ (Benjamin Buchloh), indem durch die Kupferstich-/ Aluminiumplattenhängung an der Wand ein Dialog zur traditionellerweise dort verhafteten Malerei statt findet. Dialogisch gibt sich auch Angelika Loderers Skulpturenreihe „Untitled“ im Sinne einer bewussten Kontinuität der Bildhauerei. So verwendet sie Modelliersand zur spannenden Formbildung. „Ohne Titel (Dekaputkapitalisation)“ schafft wiederum völlig Neuartiges in der Reflexion von Enthauptung als Tötungsprinzip durch den Staat. Die Arbeit von Kitty Kraus findet sich in der am Hauptraum anschließenden Apsis, die durch eine Wand räumlich von diesem getrennt ist. Weniger durch Skulptur, denn als Installation im Raum entsteht ein Heterotopos, der dem oder der Betrachtenden durch Plakate an der Wand lesend fassbar wird. Die zentral auf einem Podest gesetzte Kupferkappe verstärkt ein nun den Raum füllendes Gefühl des Unwohlseins in der Konfrontation. Heraustretend aus der Apsis können Michael Kienzers Verschlag, sowie Matias Faldbakkens „Locker Sculpture #5“ durch ihre Monumentalität dieses Gefühl aufgreifen und ableiten, um beispielsweise der humorvollen Positionierung der Skulpturen von Cut and Scrape („Death Bird“), Judith Hopf „Untitled (Schaf 17)“, „Untitled (Schaf 11)“, „Untitled (Schaf 15)“) und Daniel Richter („Ohne Titel (Fuchs)“) zu begegnen. Hier treffen, unter differentem Anspruch, Aspekt, Umsetzung und doch friedlich, Vogel, Schafe und Fuchs aufeinander.

Spielerisch agieren zwei Arbeiten des Kollektivs Gelitin „Dein Blaues Aug“ und „To Let Roll“, die die Interaktion des oder der Betrachtenden beanspruchen, um darauf dekonstruktiv zu reagieren. Subtil erscheint weiters Alice Channer, die auch auf der diesjährigen Art Basel „Unlimited“ prominent vertreten war, mit „Bacteria“, „R1219“ und „Sky Cig“ in einer Materialreflexion, die eine tiefere Auseinandersetzung anstoßen kann. Mit „Unisex“ von Anita Leisz, die auf der vorangegangen, den zeitgenössischen Malereibegriff reflektierenden Ausstellung mit einem eher skulpturalen Beitrag vertreten war, gelingt durch die nun bildhafte Arbeit eine Anknüpfen an die weiterhin aktuellen Fragestellungen von „Chat Jet (Part 1) – Malerei ‹jenseits› ihres Mediums“. Tatsächlich ist hier die zentrale Frage nach Malerei- und Skulpturbegriff insofern beantwortet, als dass diese nur mehr die traditionellen Mediengrenzen überschreitend funktionieren.

Im Untergeschoss leiten Arbeiten der iranischen Künstlerin Nairy Baghramian die Fortsetzung der Ausstellung ein. „Fluffing the Pillows G“, eine Installation aus einer Bootsreling, einer Soft Sculpture und einem Tau, impliziert Bewegung und Durchreise und wird somit dem Anspruch der Künstlerin gerecht, die Zirkulation der zeitgenössischen Skulptur aufzuzeigen, analog zu einer globalen Zirkulation von Waren, Gütern und Dienstleistungen. Durch die ausgelöste Assoziation einer Luxusyacht gewinnt die Arbeit an kritischer Bedeutungsebene. Im folgenden Raum vermag Andrea Winklers Installation mit dem Wiedererkennungswert der von ihr angeeigneten Objekte zu konfrontieren. In neuem Kontext präsentiert, verändert die Künstlerin sowohl die Wahrnehmung der Objekte, als auch die Wahrnehmung des Raumes. Zuletzt aus der Ausstellung herausgegriffen sei Lena Henkes Arbeit „Ohne Titel (Dunkelgrau)“. Hier balanciert ein Fremdkörper aus Glasfaser und Epoxidharz auf Aftershave und Deodorantbehältern. Eine irritierende Balance, die zwar funktioniert, sich dem oder der Betrachtenden jedoch nicht völlig preisgibt ohne den biografischen Kontext der Künstlerin. Die Skulptur wird zu etwas Fremden, nicht Definierbarem und begibt sich entsprechend in undurchsichtige Diskurse unserer Zeit.

Die Ausstellung ist in der Lage eine enorme Vielfalt an Arbeiten, wie auch deren Materialien und Referenzen zu präsentieren. Dies kann als visuelle, als auch geistige Überladung an Positionen vonseiten des Betrachtenden wahrgenommen werden. Doch gerade durch diese Vielfalt kann die Ausstellung erst repräsentativ sein. Das Herausgreifen einzelner Skulpturen aus einer Serie symbolisiert die Offenheit, die der gegenwärtigen Bildhauerei eigen ist. In den offenbar unzähligen Möglichkeiten, die Skulptur auch oder vor allem in einer digital geprägten Welt hat und die in der Ausstellung offenbar werden, liegt denn schließlich auch die Antwort auf die Frage ihrer Relevanz. Dennoch wird gleichzeitig in der Diversität von Skulptur Spezifik aufgehoben. So scheint, auch in Reflexion der vorangegangenen Diskussion zeitgenössischer Malerei, keine eindeutige Abgrenzung und Definition des Skulpturbegriffes, genauso wie des Malereibegriffes mehr möglich. Wenn künstlerische Arbeiten der Skulptur zugeschrieben werden, dient dies zum einen einer versuchten Kategorisierung, zum anderen und vor allem aber der Demonstrierung des aufgelösten Mediumbegriffes. Die zeitgenössische künstlerische Arbeit definiert sich multimedial.

// Klara Brochhagen

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(1) Sabrina Möller, Das erweiterte Feld als provisorische Ordnung, Universität Wien – Institut für Kunstgeschichte, SS 2011.