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Oskar Kokoschka – eine der schillerndsten Figuren im Kunstgeschehen des 20. Jahrhunderts – ist so facettenreich wie seine hochgeschätzten Porträts selbst. Substitute wie Vorreiter,  Maler, Grafiker, Dichter, Bühnenschriftsteller, Liebhaber und schließlich „entarteter Künstler“ lassen sich seiner Person zuschreiben.

Vor allem ist Kokoschka jedoch Expressionist. Die als Revolte begonnene Kunstrichtung, findet ihre Anfänge 1905 und stellt einen Gegenstrom etablierter Kunstformen, wie der konzeptionellen Kunst, Happenings und Minimal Art dar. Deformierung und Entfremdung der Wirklichkeit durch Übertreibung der Formen und kräftigen – nahezu grellen Farben – sind die notwendigen Mittel für den Künstler, um den – für den Expressionismus essentiellen – emotionalen Ausdruck zu verbildlichen.

Von Vertretern der Künstlergruppe des Blauen Reiters und der Brücke beeindruckt, verschreibt sich Kokoschka ebenfalls dieser Kunstorientierung. Jedoch spricht er sich gegen die abstrakte „Industriemalerei“ aus, die für ihn „witzige Farbexperimente“ sind, bei denen „das Erlebnis, der direkte Kontakt mit der Erscheinungswelt nicht unbedingt notwendig“ seien. Als logische Konsequenz wählt er die figurative Kunst zu seiner Disziplin aus und rebelliert somit auch gegen die Wiener Secession und den Jugendstil, indem er den Mensch anstelle des Ornaments in den Fokus rückt.

Die Begabung des jungen Kokoschkas zeigt sich früh und so schreibt er sich – gefördert von seinem Zeichenlehrer – 1904 in der Kunstgewerbeschule in Wien ein, um sich dort ebenfalls zum Zeichenlehrer ausbilden zu lassen. Nach seiner Grundausbildung, wird ihm die Möglichkeit für einen Platz an der Fachschule für Malerei an der Kunstgewerbeschule in Aussicht gegeben. Als Bewerbung reicht er das Porträt seiner Verwandten Anna Donner ein, das er um einige Jahre früher datiert, als es tatsächlich entstanden ist, um sich als frühreifes Genie zu positionieren.

Währenddessen rufen Josef Hoffmann und Koloman Moser – beide Lehrer an der Kunstgewerbeschule – die „Wiener Werkstätte“ ins Leben, die auf eine Rückbesinnung auf die Qualität des Handwerks abzielt. Drei Jahre später arbeitet Kokoschka regelmäßig für die Wiener Werkstätte und entwirft im Zuge seiner dortigen Arbeit Ansichtskarten und Programmhefte für das Kleinkunsttheater, das auf Initiative der Wiener Werkstätte gegründet wurde.

Im Kontext der Wiener Werkstätte entsteht auch sein Jugendwerk „Die träumenden Knaben“. Während die Illustrationen – ganz im Sinne des Auftrages – Märchenbuchflair versprühen, handeln die Texte von beängstigenden, erotischen Träumen, die als eine Allegorie auf die Pubertät interpretiert werden können. Somit versinnbildlicht dieses Werk die Evolution vom Jugendstil zum Expressionismus – während dekorative Darstellungen das Sujet der Traumerfahrung wiedergegeben, bringt dieses die Gefühlswelt des Künstlers an die Oberfläche.

Die Kunstschau bietet 1908 Kokoschka erstmals die Gelegenheit dieses Werk einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Er weigert sich es der Jury – die unter der Führung von Gustav Klimt steht – vorab zu zeigen. Woraufhin Klimt meint:

LASST DEN KERL VON DER PRESSE IN DER LUFT ZERREIßEN, WENN ER ES SO WÜNSCHT.

Kokoschka ist ihm so dankbar, dass er kurzerhand sein Werk ihm widmet. Und obwohl Klimts Vorsehung eintrifft und er negative Kritiken seitens der Presse erhält, findet seine Arbeit auch Anerkennung.

Auf der Kunstschau findet Kokoschka in Adolf Loos (1) einen großen Bewunderer und Förderer seiner Kunst. Loos gibt viele Porträts für seine Freunde und Bekannte in Auftrag, die er Kokoschka letztendlich abkauft, sollten die Porträtierten nicht zufrieden sein. Diesem Umstand ist es zuzurechnen, dass sich Loos zu Lebzeiten als Besitzer der größten Kokoschkasammlung – 29 Gemälde, darunter 26 Bildnisse – nennen konnte.

Rund die Hälfte von Kokoschkas Oeuvre sind Porträts, die in der Intention geschaffen wurden, das „Geistige“, das „Innere“ eines Menschen dar zu stellen. Geprägt von der Psychoanalyse hatte das Instinktive und somit Natürliche einen hohen Stellenwert bei Kokoschka und seinen Zeitgenossen. Äußerungen und Verhalten von Kindern, Tieren, „Wilden“ und Geistesgestörten wurden aufgewertet, die sich als Modelle in Kokoschkas Werk wiederfinden.

Um einen natürlichen Eindruck der Porträtierten zu erhalten nutzt er ihre Mimik und Gestik. Er lässt sie sich frei bewegen und spricht viel mit ihnen während er sie abbildet. Das Erzeugnis schmeichelt den Modellen nicht immer, da er mit Hilfe überspitzter Gesichtsausdrücke und Gestik die inneren Abgründe des Menschen ans Licht zerrt.

Zitate wie diese nährten das Gerücht, dass Kokoschka Visionen habe. Er selbst war davon überzeugt und rühmte sich damit jeden seiner Modelle ihr Schicksal vorhersagen zu können. Als er das Bildnis des Schweizer Psychiaters Auguste Forel fertig gestellt hatte, berichtet er: „Forel meinte, er sähe aus, als ob er schon einen Schlag erlitten hätte. Tatsächlich erlitt er zwei Jahre später beim Mikroskopieren einen Schlaganfall. Damals hat Loos gesagt, ich sähe mit Röntgenaugen.“ (3)

Auch der Raum spielt für Kokoschka eine wichtige Rolle, den er ab 1916 nicht mehr aus Linien bildet, sondern durch die Farben – mehr von Innen heraus – aufbaut. So scheint es, als würden die Farbflecken und Pinselstriche eher zufällig das Gebilde ergeben. Gleichzeitig fungieren sie als Verbildlichung der Aura des Menschen im Raum – als „vierte Dimension“. (4)

Während er zum Beispiel im Bildnis des Hofschneiders Ernst Ebenstein „das Konservative“ betont, wirkt das Porträt von Ludwig Ritter von Janikowski (5), das im selben Jahr entstanden ist, aufgewühlter.

Aufgrund seiner Erkrankung an Syphilis und der damit einhergehenden  Einwirkung auf sein Nervensystem befindet sich Janikowski  1909  in einer psychatrischen Klinik in Wien, in der Kokoschka ihn portraitiert. Diese Tatsache könnte die „Strahlen“, die Kokoschka von Janikowski’s  Kopf ausgehend in das Bild kratzt erklären. Auf die Frage warum Kokoschka auch mit seinen Fingern und Nägel arbeitet, anstelle des Pinsels, erklärt er: „Schau, der Weg vom Gehirn, durch den Arm und dann noch durch den Pinsel ist viel zu lang. Wann’s möglich wär‘ tät ich mit der Nase malen.“ (6)

Eine besondere Wirkung auf Kokoschka und seine Kunst stellt die Begegnung (7) und intensive Beziehung zu Alma Mahler dar. In dieser Zeit entstehen drei Doppelbildnisse, ein Porträt von Alma in der Pose der Mona Lisa und zahlreiche Zeichnungen und Grafiken. Der Typus des Doppelbildnisses als Zeichen eines Liebesgeständnisses zieht sich durch die gesamte Schaffensperiode Kokoschkas.

Als Alma ihr gemeinsames Kind abtreiben lässt, verarbeitet Kokoschka dies in zahlreichen Werken u.a. in den Illustrationen zu Karl Kraus‘ Erzählung „die chinesische Mauer“. Eine dieser eindrucksvollen Lithografien zeigt Alma, wie sie mit Hilfe eines Spinnrades Kokoschkas Eingeweide herauszieht. 1915 entstehen fünf Lithografien, die er „Allos Makar“ – Anagramm beider Vornamen – betitelt. Auf Altgriechisch gelesen könnte man den Titel auch „Glücklich ist anders“ oder „Glücklich auf andere Weise“ übersetzen, was für die eigenwillige Hass-Liebe der beiden bezeichnend ist. 

Ferner beschließt Kokoschka sich als Kriegsfreiwilliger einzuschreiben. Laut Aussagen Anna’s – Alma’s Tochter – hätte ihre Mutter Kokoschka solange als Feigling bezeichnet, bis er ging.

„Meine liebe Narrenschwester Alma! Du hast mich aus dem Arm fallen lassen, und bist doch die ältere, die nicht pflichtvergessen sein soll, sondern acht auf mich geben, statt tratschen und dann weinen! […] Ich weiß, was ich tue. Wenn ich das Leben nicht mehr aushalte, so werfe ich es weg. […] Ich bin närrisch vor Herzensnot. […] Ich glaube, ich werde mich umbringen, weil Du mir fehlst […] Dich habe ich über alles und rein geliebt. Jetzt bin ich ausgestoßen von allem Leben und allein.“ (8)

Als er ein Jahr später schwer verwundet aus dem Krieg heimkehrt, heiratet Alma im selben Monat den Architekten Walter Gropius.

Kokoschka bestellt daraufhin bei der Münchner Puppenmacherin Hermine Moos eine lebensgroße Puppe, die nach dem Vorbild Alma’s geschaffen werden soll. Diese dient ihm als Modell für weitere Bildnisse von Alma.

„Bitte machen Sie es dem Tastgefühl möglich, sich an den stellen zu erfreuen, wo die Fett- und Muskelschichten plötzlich einer sehnigen Hautdecke weichen […] Auch müssen Sie damit rechnen, daß Hand und Fuß auch noch nackt etwas Anziehendes hat, Lebendiges, und nicht klumpig wirkt, sondern nervig. Die Größe etwa so, daß man einen eleganten Frauenschuh darüber ziehen kann, weil ich in Wien eine Menge schöner Frauenwäsche und Kleidung schon für die Absicht aufbewahrt habe. […] alle Spuren der Machart und des Handwerklichen möglichst verwischen! Ist der Mund zum öffnen? Sind auch Zähne und Zunge drinnen? Ich wäre glücklich! […] Die Haut endlich pfirsichähnlich im Angreifen […].“ (9)

Im Sommer 1920 scheint Kokoschka Alma überwunden zu haben und gibt die enthauptete Puppe nach einer Champagnerparty dem Müllmann mit.

Ganz im Sinne einer weiteren Liebeserklärung steht das Doppelbildnis von Carl Georg Heise und Hans Mardersteig von 1919. Formal ließe sich das Werk durchaus in die Kategorie eines Freundschaftsbildes einreihen, da die beiden Porträts lediglich durch einen Rahmen verbunden sind. Kokoschka versucht Heise dazu zu bewegen, die beiden Bilder durch ein Schanier zu verbinden. Und reicht dazu rund 30 Jahre später eine Ölskizze nach, die im geschlossenen Zustand des Diptychon (10) sichtbar werden soll. Er betitelt es „Dr. Bassa’s Magische Form“ – in Anspielung auf seinen Spitznahmen „Bassa“ (11) für Heise. Darauf zu sehen ist Kokoschka als Zauberer, der als Schattenspiel die „magische Form“ eines Hasen auf die Wand wirft. In Anbetracht der antiken Symbolik des Hasen als Liebeszeichen, sieht Röske (12) darin eine dezente Anspielung auf die frühere Liebesbeziehung zwischen Heise und Mardersteig. Diskrete Andeutungen waren insofern nötig, da in der Bundesrepublik Deutschland Homosexualität bis 1969 als strafbare „Unzucht“ geahndet wurde.

Der seit 1922 verheiratete Heise lehnt die Verbindung des dritten Gemäldes mit dem Doppelporträt jedoch ab. Nicht zuletzt ist es wieder Alma – die Witwe des Komponisten Gustav Mahler war und selbst komponierte – , die Kokoschka zu einer Reihe von Musikerporträts inspiriert.

In den 1960er Jahren porträtiert er den berühmten russischen Pianisten Swjatoslaw Richter. Während Kokoschka diese Arbeit wie folgt schildert: „Ich zeichnete ihn und verbrachte mit ihm fünf Stunden alleine, an seinem Instrument war er wunderbar. Während ich ihn zeichnete, musste ich ihm näher rücken. Er spielte fünf Stunden lang dieselbe Passage einer Sonate. Danach war ich erschöpft. Er spielte mit den Ellbogen, sozusagen, mit den Knien, so eine dynamische Kraft! Es war schwer auszuhalten. Ich liebte ihn sehr, als ich bei ihm war, aber hinterher schlief ich zwanzig Stunden (13)“, erzählt  Richter, dass der Künstler eine Flasche Whisky zur Stärkung leerte, während er an der „Fuge aus op. 106 von Beethoven in Luzern (14)“ arbeitete.

Unter den zahlreichen Porträts finden sich auch immer wieder Selbstbildnisse von Kokoschka, die er als Prüfstein zum täglichen Menschsein sieht. In seinem letzten Selbstporträt „Time, Gentlemen Please“ – ein Ausspruch mit dem englische Barkeeper die „letzte Runde“ einleiten – stellt er sich mit verbundenen Armen – und doch lächelnd – einer dunklen Gestalt gegenüber, die ihm die Tür in eine andere Dimension öffnet. Acht Jahre später soll Kokoschka Recht behalten mit seiner Vision.

// Ines Sigl

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OSKAR KOKOSCHKA. HUMANIST UND REBELL.

Herausgeber: Markus Brüderlin.

Verlag: Hirmer Verlag

322 Seiten, 315 Abbildungen überw. in Farbe
24,2 × 31 cm, gebunden
ISBN: 978-3-7774-2250-3

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(1) Österreichischer Architekt
(2) Albert Ehrenstein – expressionistischer Schriftsteller – über Kokoschka
(3) Kokoschka in: Mein Leben, Wien 2008, S.93
(4) Ausdruck im Kubismus: Allansichtigkeit und Aufzeigen der Inneren Struktur von geometrischen Formen
(5) In literarischen Kreis um Loos und Kraus eingebunden
(6) Husslein-Arco/Weidinger 2008 in: Träumender Knabe – Enfant terrible, hg. Von Agnes Husslein-Arco und Alfred Weidinger, Ausst.-Kat. Belvedere, Wien, Weitra 2008, S.186; Weidinger zitiert Erinnerungen von Jens H. Friedrich 1944
(7) 1912 in der Villa des Künstlers Carl Moll, Stiefvater von Alma
(8) Briefe an Alma Mahler im Juni 1915, in: Oskar Kokoschka, Briefe, 4 Bde., hg. Von Olda Kokoschka und Heinz Speilmann, Düsseldorf 1984-1988, Bd. 1 (1984), S. 221-223
(9) Briefe an Hermine Moos, August und Dezember 1918, in: Oskar Kokoschka, Briefe, 4 Bde., hg. Von Olda Kokoschka und Heinz Speilmann, Düsseldorf 1984-1988, Bd. 1 (1984), S. 294 und 300 f.
(10) Zweigeteiltes Gemälde
(11) Heise, Kokoschka und Mardersteig besuchten 1919 gemeinsam Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“ in Dresden, in der die Figur des Bassa Selim auftaucht
(12) Dr. phil. Thomas Röske: 2002 Leiter der Sammlung Prinzhorn der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg
(13) Kokoschka, „Gespräch über Musik und Musiker“, in: Heinz Spielmann, Oskar Kokoschka und die Musik, Ausst.-Kat., Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum, Schloss Gottorf, Schleswig 1996, S. 39
(14) Swjatoslaw Richter, Mein Leben, meine Musik, hg. Von Bruno Monsaigeon, Düsseldorf 2005, S. 135

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