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Geboren wird Eve Arnold 1912 als das siebte von neun Kindern einer russisch-jüdischen Familie in Pennsylvania. Neben  ihrem Job als  Buchhalterin eines Immobilienmaklers studiert sie Medizin um Ärztin zu werden. Als ihr Freund ihr eine Rolleicord Kamera schenkt – eine erschwinglichere Version der Rolleiflex – verfällt sie schnell der Fotografie. Eher durch Zufall wird diese auch zu ihrem Beruf, als sie auf eine Annonce der New York Times antwortet, in dem eine Amateurfotografin für eine Stelle in einem Fotodruck- und Retuschierbetrieb in New Jersey gesucht wird. Mit Ausnahme eines sechswöchigen Workshops unter der Leitung des viel-gerühmten Art Director  des Modemagazins Harper‘s Bazaar, Alexey Brodovitch, erlernt Eve ihr Handwerk durch „Learning by doing“ und ihrer Neugier, die sie antreibt.

Ihre erste Bildreportage entsteht auf Modenschauen in Harlem. Obwohl New York schon in den 40iger Jahren als wegweisende Metropole gilt, herrscht hier noch immer strenge Rassenteilung und so findet sich Eve alleine unter einem afroamerikanischen Publikum wieder. Während es zu dieser Zeit üblich ist Models in perfekter Umgebung und Pose abzubilden, bahnt sich Eve ihren Weg hinter den Laufsteg und fotografiert die Frauen beim vertrauten Scherzen hinter der Bühne. Sie fotografiert unter der Oberfläche. Die Zeitschrift Picture Post vertreibt diese Story großflächig und bietet Eve somit weltweite Aufmerksamkeit. Zusammen mit einer Bildreportage über einen Premiereabend in der New Yorker Metropolitan Opera schickt sie ihre Harlem-Fotos an die Giganten der Fotografie: Henri Cartier-Bresson und Robert Capa, die als Gründungsmitglieder über die Aufnahme bei der Agentur Magnum Photos entscheiden. 1951 wird Eve Arnold – neben Inge Morath, die zeitgleich in der Pariser Niederlassung akzeptiert wird – als erste Frau Mitglied bei Magnum. Ab den 90iger Jahren agiert sie außerdem als äußerst engagierte Vizepräsidentin.

Durch die weltberühmte Agentur trifft Eve mit vielen Prominenten zusammen, die oftmals vor ihrer Linse enden. Darunter Isabella Rosselini, Elizabeth Taylor, Marlene Dietrich und vor allem Marilyn Monroe, die sie gleich zu Beginn ihrer beiden Karrieren kennenlernt. Über Jahrzehnte entstehen einfühlsame Bilder, die nicht nur die Künstlerin Marilyn Monroe, sondern auch Norma Jeane Mortenson zeigen. Isabella Rosselini betont, dass Eve immer dann aufhörte zu fotografieren, wenn sie die Kamera bemerkt hatte. Und auch bei den Aufnahmen von Marilyn Monroe scheint es, als interessierte sich Eve nicht für die Augenblicke, in denen sich Marilyn der Kamera bewusst war und professionell zu posieren begann, sondern jene in der sie sie vergaß.

Eve beschränkt sich in ihrer Kunst nicht auf Stars und Sternchen, sie wählt ihre Themen selbst und fotografiert im Zuge derer alle Gesellschaftsschichten: von verlorenen Seelen in den Todeszellen der texanischen Strafanstalt über Geisteskranke in Honduras, verschleierte Frauen in Ägypten und Haremsfrauen in Dubai, Mitglieder des Ku-Klux-Klan, lesbischen Nonnen, männliche Stripper, Drogenabhängige und Radikale bis hin zu Frauen in Führungspositionen wie Indira Ghandi, Magarete Thatcher und der Queen.

Sie dokumentiert die Welt so wie sie ist, beschönigt und verhüllt nichts, ohne eine Szene zu konstruieren oder diese zu stören. Eve zeigt Monster und Opfer, Licht und Schatten und alles was dazwischen liegt.// 

Eves Ehemann, Arnold Arnold, macht sie auf das Elend der Wanderarbeiter aufmerksam, die auf den Farmen in Long Island arbeiteten. Zu Tausend kamen sie aus dem Süden um Kartoffeln, Erbsen und Erdbeeren zu ernten. Viele von ihnen mussten in Long Island – in überfüllten Hütten – bleiben, da ihnen das Geld für eine Rückkehr fehlte. Ohne Mindestlöhne und Sozialversicherung wurden diese Leute meist ausgebeutet. Eve bildet sie nie sentimental ab; stets würdevoll. Erst Jahre später sollte die Bürgerrechtsbewegung durch Malcom X in Gang kommen. Obwohl Eve kein willkommener Gast auf den Veranstaltungen der Black Muslims ist, dokumentiert sie diese 1961 und macht dabei unzählige Bilder von Malcom X.

Eve, die viel gereist ist und viel gesehen hat, zerbricht sie beinahe an der grauenvollen Fratze der Armut im schwarzen Südafrika, am Höhepunkt der Apartheid. Als sie zurückkehrt ist nicht nur ihr Geist, sondern auch ihr Körper mitgenommen. Ihr Hausarzt schickt sie zum Kardiologen, der ihr verschreibt, was ihr helfen soll.//

Sie beginnt Bücher ihrer Fotografien mit selbstverfassten Texten zu veröffentlichen. Das Buch Unretouched Woman von 1976 sollte in Südafrika wegen einem Foto von Vanessa Redgraves bloßem Hinterteil und der daraus resultierenden Obszönität nicht veröffentlicht werden. Eve schickt einen Brief an die südafrikanische Presse, der ihrem Zorn Luft macht und erklärt, was Obszönität bedeutet: verhungernde Kinder und nicht der wohlgeformte Po einer berühmten Schauspielerin.

Eine ihrer bedeutendsten Reisen beschreitet Eve mit beinahe 70 Jahren. Seit den 60er Jahren beantragt die Sunday Times Jahr für Jahr ein Visum für sie, das jährlich ausgeschlagen wird. Mit viel Glück lernt Eve Sirin kennen, eine junge Thailänderin, die beim chinesischen Premierminister, Zhou Enlai, aufgewachsen war. Als die USA und China 1979 eine diplomatische Beziehung aufnehmen, gelingt es Sirin ein Visum für Eve zu beschaffen. Sie ist eine der ersten Fotografen, die sich relativ frei in China bewegen können. Insgesamt reist Eve 6 Monate durch Städte und Landschaften, um Schnappschüsse von Menschen aller Schichten zu fotografieren und diese in einem Buch der Öffentlichkeit zu präsentieren. Dieses Mal schon in Farbe statt in Schwarz-weiß.

Mit 99 Jahren stirbt Eve und hinterlässt mehr als 750 000 Aufnahmen. Alle haben einen gemeinsamen Nenner: die Biographie der Fotografin.

// Ines Sigl

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Meisterinnen des Lichts.

Große Fotografinnen aus zwei Jahrhunderten

Boris Friedewald, Meisterinnen des Lichts. Große Fotografinnen aus zwei Jahrhunderten, Prestel Verlag, München 2014.

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