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Die bulgarische Künstlerin Olga Georgieva gehört seit Jahren zum fixen Bestandteil der jungen Wiener Kunstszene. In diesem Jahr erhielt sie ein zweimonatiges Stipendium als Artist in Residence in Beijing (China) vom Huantie Times Art Museum. Ihre Ergebnisse und Entwicklungen präsentiert Georgieva ab dem 04. September in der Ausstellung „Invisible Beijing“ in der Galerie Steinek. Wir trafen Georgieva bereits vorher, um mit ihr über ihre Arbeiten, den Aufenthalt in China und ihre Erfahrungen zu sprechen …

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Mit deinen Arbeiten bist du dir in den letzten Jahren sehr treu geblieben. Es sind alltägliche Bewegungen von Menschen, die du gesehen und fotografiert hast und immer wieder neu arrangierst – gezeichnet mit Tusche. Was fasziniert dich an diesem Sujet so sehr, dass dich ständig wiederholst und immer weiter daran arbeitest? 

Es sind die Menschen. Ich liebe es sie zu beobachten und zu studieren. So mischen sich in meinen Arbeiten ganz gewöhnliche Menschen und andere Bewegungen sind so schön, dass ich sie manchmal besonders hervorhebe.

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Warum sind es immer diese Ansammlungen von vielen Menschen? 

Vielleicht klingt es etwas naiv, aber wenn ich zwischen vielen Menschen bin, habe ich das Gefühl, dass mir nichts passieren kann. Ich gehe immer mit meinen Kopfhörern auf die Straße, damit ich durch die Musik mit meinen Gedanken für mich allein bin. Dabei sehe ich die Menschen jedoch gerne. Wenn so viele Menschen um einen herum sind, hat man ein Gefühl von Sicherheit.

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Du übernimmst die Konstellationen deiner Fotografien nicht 1:1, sondern arrangierst sie neu. In dem Moment, wo du es veränderst, schaffst du ein neues Bild. War es bei deinem Spaziergang etwa dein Blick und deine Perspektive, der die Leute auch vereint, schaffst du hier einen neuen Ort für die real gesehenen Protagonisten. Beraubst du das Bild damit nicht um das Zufällige? 

Nein, es bleiben dennoch viele Zufälle. Aber ich mag es den Betrachter zu verwirren und eine eigene Bildlogik zu entwickeln. Der Betrachter muss sich für meine Arbeiten Zeit nehmen, um diese Logik zu verstehen. In manche Arbeiten setze ich dann auch immer wieder sexuelle Elemente rein. Anfangs war ich unsicher was die Leute dazu sagen würden. Das Überraschende war jedoch, dass es kaum einer gemerkt hat. Man denkt, dass man immer genau dieses sexuelle zu sehen versucht. Doch wenn man es dann direkt vor den Augen hat in einer Masse von so vielen Menschen, dann erkennt man es nicht.

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In einigen deiner Arbeiten findest du dich selber auch wieder und zeichnest dich in die Menge hinein. Warum? 

Ich habe oft Ideen, die zu dem Motiv passen und die ich unbedingt benutzen will. Das sind Figuren und Bewegungen, die ich vielleicht nicht so zufällig auf der Straße sehe und fotografieren kann. Sei es, dass sich eine Person gerade einen Knopf zuknöpft oder auf eine bestimmte Art und Weise die Kamera trägt. Dann fotografiere ich mich und zeichne mich selber – was mir sehr leicht fällt. Doch manchmal gefällt mir eine Konstellation so gut, dass ich selber einfach mit dabei sein möchte.

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Du bist gerade zurück aus China, wo du zwei Monate als Artist in Residenz in Beijing ein Stipendium vom Huantie Times Art Museum – durch die Kuratorin Alexandra Grimmer – hattest. Was hast du in diesen 2 Monaten für Erfahrungen gemacht? Und wie hat das deine Arbeiten beeinflusst? 

Trotz dem Regime in China hatte ich interessanterweise ein neues Gefühl von Freiheit. Ich habe mich noch nie zuvor so frei gefühlt. Und das spiegelt sich auch in meinen Arbeiten wieder. Die Figuren an sich sind sehr viel freier geworden. Auch haben sich die Strukturen innerhalb meiner Zeichnungen verändert. Ich habe begonnen mit Gitterstrukturen und Ziegelmustern zu arbeiten, die ich dort oft gesehen habe. Die roten Linien in meinen Arbeiten repräsentieren diese Masse an Stromleitungen, die man überall sieht, wenn man in der Stadt hochblickt. Das ist so ein enormer Kontrast, weil in der ganzen Stadt propagiert wird, wie sicher sie sei. Das war auch die Antwort, die ich irgendwie gehasst habe und gleichzeitig sehr verwunderlich fand: „Die Stadt ist so sicher! Es sind so viel Polizisten und Kameras da!“ Dieser Kabelsalat aber suggeriert alles andere als Sicherheit.

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Die roten Linien kehren in deinen Arbeiten auch immer wieder. Was hat es damit auf sich? 

Der Ursprung meiner roten Linien liegt in meinem Studium, als ich mich im Rahmen von Philosophie Vorlesungen an der Universität für angewandte Kunst Wien mit dem Begriff Regime auseinandergesetzt habe. Es könnte ja sein, dass wir alle in einem unsichtbaren Regime leben, das von unserem Verstand definiert wird. Wenn wir nicht gut zu uns oder zu unserem unsichtbaren Regime gewesen sind – oder etwas falsch gemacht haben – suchen wir immer nach Rechtfertigungen. Wir verschieben unsere Vernunftgrenze, damit wir selber noch gut zu uns stehen können. Das Rot ist für mich ein Symbol dieser Vernunftgrenze. Das Absperrband ist für mich sehr wichtig, weil es ein klares Signal ist. Man respektiert es und weiß um die Funktion, obwohl man eigentlich einfach darunter her schlüpfen könnte. Mal ist es stark gespannt, mal schlängelnd und manchmal demonstriert es auch einen privaten Raum, in den man niemanden anderen lässt außer sich selbst.

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Ist es auch eine Grenze zum Betrachter? 

Nein, ich würde es dem Betrachter gerne selbst überlassen, wie er das wahrnimmt.

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Wie hast du dich in Beijing in diesen wahnsinnigen Massen von Menschen gefühlt? Was war anders als in Wien? 

Es hat mir unglaublich gut gefallen. Mit meiner Musik war ich wie immer mit meinen Gedanken für mich allein, aber mir fiel auf, wie sehr das Leben dort mehr auf die Handys fokussiert ist. Die Kommunikation untereinander erschien mir wesentlich geringer als hier bei uns. Alles fließt und jeder ist auf sich und sein Handy konzentriert. Es kam mir so vor, als ob die Leute weniger Musik auf der Straße oder im öffentlichen Verkehr hören, wohl aber schauen viele TV unterwegs. Auf meinen Bildern sieht man teilweise auch viele Sonnenschirme. Die Frauen in China sind sehr bemüht, sich vor der Sonne zu schützen und manche tragen auch trotz der Hitze Strumpfhosen. Auffällig war auch, dass die Männer häufig für Ihre Frauen die Handtaschen tragen.

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Wie wertest du das? 

Jede Frau hat ihre kleine Welt in der Handtasche. Sie einfach herzugeben mit all diesen persönlichen Gegenständen wäre für mich undenkbar. Doch in Österreich sind die Frauen viel selbstständiger. In China dienen sie noch mehr dem Mann. Auch wenn in Bulgarien, meiner Heimat, die Frauen nicht in dem Maße ihre Handtaschen abgeben würden, sehe ich doch sehr viele Parallelen. Vielleicht habe ich es auch deswegen so geliebt in China zu sein.

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In China ist Sexualität ein Tabu. Aber du hast vor Ort auch Bilder gemalt, auf denen du Nackte zeigst. Wie waren die Reaktionen darauf? 

Viele haben darauf sehr positiv reagiert. Ich habe auch eine China Karte gezeichnet, auf der sich viele Pärchen tummeln. In China gibt es auch einige Künstler die nackte Körper zeigen – wie etwa Wang Oingsong, von dem ich während meines Aufenthaltes eine tolle Ausstellung sah – und die damit sehr erfolgreich sind. Aber Sex ist ein Tabu in China. Ebenso wenig redet dort jemand über Verhütung, höchstens übers Küssen. Ich wurde auch gefragt, wie es in Europa ist – denn es ist die Vorstellung verbreitet, dass die Kunst hier sehr sexuell ist und es viel nackte Haut gibt.

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Ab dem 04. September zeigst du unter dem Titel „Invisible Beijing“ in der Galerie Steinek deine Arbeiten, die du in Beijing angefertigt hast. Was hat sich seit deiner letzten Ausstellung verändert? 

Technisch hat sich vor allem die Bildtiefe verändert. Die Arbeiten gehen viel mehr ins Malerische. Es gibt verschiedene Schichten und Ebenen von Menschen, die die Masse demonstrieren und damit auch viel mehr zu entdecken.

// Interview geführt von Sabrina Möller

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OLGA GEORGIEVA

INVISIBLE BEIJING

Eröffnung: 04. September 2014 um 19.00 Uhr
Ausstellungsdauer: 05.09. bis 24.09.2014
 
Galerie Steinek, Eschenbachgasse 4, 1010 Wien