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Während soziale Protestbewegungen um die Welt gehen, richtete LISABIRD REVOLUTIONARY! vom 05.-07. September 2014 den Blick auf künstlerische Positionen in Film und Video, die sich mit Zeigeräumen des Auflehnens, der Resistenz und der Kontroverse befassen. Die Film- und Videoschau, die in der Wiener Galerie LISABIRD Contemporary stattfand, wurde von Talina Bauer und Sandra Voser initiiert. In einem Gespräch mit Sabrina Möller berichten die beiden retrospektiv über die Entstehung des Projekts, Problemfelder und die Screenings… 

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Vom 05. – 07. September 2014 habt ihr unter dem Titel „Performativität des Widerstands“ in der Galerie Lisabird Contemporary Film- und Videotage veranstaltet und damit auch das reguläre Galerieprogramm medial erweitert. Wie kam es zu der Idee ein Filmscreening rund um die Begriffe Rebellion und Resistenz in Wien zu veranstalten?

Als die Möglichkeit gegeben war, die Galerieräume während der Sommerpause für ein eigenes Projekt zu nutzen, war das gemeinsame Interesse an politischer Kunst im Spannungsfeld aktueller Protestwellen ausschlaggebend für das Ausstellungskonzept. Wir fragten uns, ob und, wenn ja, inwiefern etwa der arabische Frühling, die Occupy-Bewegung, die Gezi-Park-Proteste oder die Initiative zum Wiener Refugee Camp im zeitgenössischen Kunstschaffen ihren Niederschlag finden.

Entgegen unserer Erwartungen haben sich viele der eingereichten Arbeiten mit abstrakten Formen von Widerstand beschäftigt und nur wenige nahmen Bezug auf rezente Widerstandsbewegungen. Im Nachhinein bewerten wir das durchaus positiv, da es unseren Blick auf die Thematik erweiterte. Das Thema des Widerstands in Kombination mit der Rolle der Kunst durch seine Verbindung zu Politik und Gesellschaft eröffnet ein weites Feld und forciert notwendigerweise eine Öffnung künstlerischer Diskurse. Deshalb war es uns ein Anliegen, während der drei Film- und Videotage nicht nur die Arbeiten zu präsentieren, sondern auch genügend Zeit und Raum zu bieten, um sie und ihre Kontexte interdisziplinär zu besprechen.

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Transportiert das Medium Film eurer Meinung nach am besten diese Positionen oder warum habt ihr euch dafür entschieden? Schließlich gibt es auch in der Fotografie und Malerei Positionen, die sich mit diesen Inhalten befassen…

Neue soziale Bewegungen, die sich oftmals künstlerischer Strategien für die Äußerung von Widerstand bedienen, zeichnen sich durch ein hohes Maß an Medialisierung aus. Widerständische Aktionen werden gefilmt und zum Beispiel auf youtube gestellt. Sie nehmen dadurch nicht nur physischen, sondern auch virtuellen Raum ein und werden als bewegtes Bild, meist in Kombination mit Ton, sowohl als konservierend-informierende als auch mobilisierende Ressource genutzt. Vor diesem Hintergrund erschien es spannend, die Frage aufzuwerfen, wie KünstlerInnen das Medium Film nutzen, wenn sie sich mit dem Thema der Resistenz und des Sich-Auflehnens beschäftigen.

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Für euer Projekt hattet ihr einen „Call for Artists“ initiiert. Wie war das Feedback auf euren Call?

Wir haben einerseits einen Open Call ausgesendet, über den wir primär junge KünstlerInnen mit einer Verbindung zu Wien angesprochen haben. So erreichten uns über 40 hochqualitative Arbeiten, die in den letzten vier Jahren entstanden sind und auf unterschiedlichste Weisen das Thema behandeln. Es war dementsprechend nicht einfach eine Auswahl für die Ausstellung „Performativität des Widerstands“ zu treffen. Außerdem haben wir uns selber auf die Suche nach geeigneten Arbeiten gemacht und konnten so auch bereits etablierte Künstler wie TOMAK und Arash T. Riahi für das Projekt gewinnen.

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Nach welchen Kriterien seid ihr bei der Auswahl vorgegangen?

Bei der ersten Durchsicht hat jede von uns für sich eine Auswahl getroffen, die primär intuitiv erfolgte. Die langen, nachfolgenden Diskussionen zu zweit haben uns immer wieder erneut gezwungen, den Blick auf das Ausstellungskonzept zu schärfen, dieses anzupassen und weiterzuentwickeln. Im Laufe der eingehenden Beschäftigung mit den selektierten Arbeiten kristallisierten sich die Schwerpunktthemen „Resistenz und Körper“, „Widerstandsidentitäten“ und „Gesellschaft und öffentlicher Raum“ heraus, die das dreitägige Programm in dieser Reihenfolge bestimmten.

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Wenn man die Künstlerliste genauer betrachtet, fällt auf, dass es sich großteils um sehr junge Positionen handelt. Ist das ein Zufall oder ist die Auseinandersetzung mit sozialen Protesten und Widerständen auch eine Generationsfrage?

Einerseits hängt das sicher mit den Wegen zusammen, die unser Call – etwa über Mail-Verteiler an den hiesigen Kunsthochschulen – genommen hat. Andererseits ist das Thema in unserer Generation – wir sind beide unter 30 – offenbar tatsächlich wieder ein heißes Eisen.

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Die ausgewählten Arbeiten hatten nicht unbedingt immer einen direkt sichtbaren gesellschaftspolitischen Bezug. So forcierten die Filme am ersten Abend eine Auseinandersetzung mit dem Körper und inwieweit dieser Grenzen setzt, sich widersetzt. Worum ging es euch dabei?

Visueller Protest ist nahezu immer an einen Körper, an Performanz gebunden. Wir fragten uns, wie der Einsatz des menschlichen Körpers als Protestmittel funktioniert und welche Bedingungen und Implikationen damit verknüpft sind. Der KünstlerInnenkörper, der gegen gesellschaftliche, politische, soziale, aber auch künstlerische Normen protestiert, blickt in der Kunstgeschichte auf eine lange Tradition zurück. Uns ging es darum, zum Auftakt zeitgenössische Positionen zu zeigen, die Resistenz performativ ausdrücken.

So präsentierten wir eine Arbeit von Gert Resinger, der sich mit vollem Körpereinsatz gegen die Funktionsweisen und Machenschaften im Kunstmarkt wehrt. Enar de Dios Rodriguez wiederum bezieht sich in ihrer filmischen Repräsentation der aktuellen Euro-Krise auf Andy Warhols Film „Eat“ und äußert ihren Unmut über die Metapher des Essens und Erbrechens, während Sanja Lasics Video eine autoaggressive Protesthandlung zeigt. Das Künstlerinnen-Trio Christina Kehrer, Bernadette Laimbauer und Eliska Stejskalova ging andere Wege, indem es das performative Nichts-Tun als Strategie des Widerstands hinterfragte. So unterschiedlich die Arbeiten des ersten Abends auch waren, sie alle haben im Rückgriff auf Mikrologisches den Blick auf Makrostrukturen geschärft – ganz im Sinne von Gilles Deleuze und Félix Guattari:

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In eurem Pressetext habt ihr geschrieben, dass die Präsentationen dieser rund fünfzehn zeitgenössischen Arbeiten „[…] mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten […]“. Welche Fragestellungen und Ergebnisse sind euch retrospektiv in den anschließenden Diskussionen besonders in Erinnerung geblieben?

Die bewusst transdisziplinär geführten Diskussionen im Anschluss an die Screenings haben Sichtweisen, neue Fragen und vorläufige Antworten zu Tage gebracht, die uns als Kuratorinnen trotz eingehender Beschäftigung mit allen Arbeiten im Vorfeld nicht untergekommen sind. Das machte auch für uns jeden Abend extrem lehrreich und spannend. So besprachen wir beispielsweise die Problematik, wenn KünstlerInnen selber auch aktivistisch tätig sind – wie geht man hier sowohl mit der Selbst- als auch mit der Fremdwahrnehmung um? Wie sehr schwingt das in den Kunstwerken mit?

Es wurde aber auch Kritik an der Haltung geäußert, dass Kunst die Welt retten müsse. So wurde kontrovers diskutiert, welchen Missständen sich KünstlerInnen annehmen sollten und dürfen. Auch die Frage nach dem gesellschaftspolitischen Relevanzpotenzial zeitgenössischer Kunst kam immer wieder auf. Klar haben wir damit gerechnet, aber es ist wohl symptomatisch, dass viele Diskussionen immer wieder auf diese Fragestellung rekurrieren. Insofern haben die Film- und Videotage unser Verständnis des Widerstandsbegriffs per se erweitert. Auch Thomas Ballhausens Verbindung zum Thema des Archivierens oder Christoph Hubatschkes Auseinandersetzung mit besetzten Räumen – in Form von Gastbeiträgen in der Begleitpublikation – warfen neue Perspektiven und Fragestellungen auf.

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Muss Kunst kritisch und politisch sein? Und wenn ja, gibt es Grenzen?

Kunst MUSS in unseren Augen weder kritisch noch politisch sein. Doch bei genauerem Hinsehen ist das Widerständische der Kunst oftmals per se immanent. Und Werke, die sich gegen etwas auflehnen, ein Anders-Denken anstiften und so vielleicht auch ein Möglichkeitsbewusstsein schaffen, finden wir spannend. In den Diskussionen wurde aber auch die Wirkmächtigkeit von ästhetischen Ausdrucksmitteln hinterfragt. Wer wird damit erreicht und wer nicht?

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Mit einer Woche Abstand und Reflexion: Wie wertet ihr die Screenings aus? Wird es eine Fortsetzung geben?

Wir hoffen sehr auf eine Weiterführung, da wir sowohl die Vorarbeit an den Film- und Videotagen, als auch die Screenings und die anschließenden Diskussionen, an denen sich auch das Publikum erstaunlich rege beteiligte, sehr bereichernd empfanden. Die gute Zusammenarbeit mit den KünstlerInnen und SpeakerInnen motivierte und inspirierte zusätzlich. Und auch die positiven Rückmeldungen von BesucherInnen bestätigten uns, dass Kunstveranstaltungen gerne auch kontrovers verlaufen dürfen. So freute es uns zu hören, dass vor allem die eingehende Auseinandersetzung mit den einzelnen Arbeiten, das Sich-Zeit-Nehmen für die Werke und die Thematik wertgeschätzt wurden. Wenn es unsere persönlichen Ressourcen erlauben, würden wir sehr gerne sowohl an das Ausstellungs- und Kunstvermittlungskonzept als auch an die Thematik der Resistenz und Kontroverse anknüpfen. Wir halten uns da an Stephane Hessel, der sagt:

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Vielen Dank für eure Zeit!

// Interview geführt von Sabrina Möller

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