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Den Speer in Händen haltend, pathetisch am Boden kniend – in dieser Pose empfängt die jüngst vor dem Hamburger Bahnhof aufgestellte Bronzeskulptur die BesucherInnen vor dem Eingang des Museums für Gegenwart in Berlin. Eine zeitgenössische Skulptur? Nein. Es handelt sich dabei um ein Kriegerdenkmal für die im ersten Weltkrieg gefallenen Eisenbahner aus dem Jahre 1918. Was es damit auf sich hat, weiß Fanny Hauser …

„Where is the museum for contemporary art?“ – Der Museumsbesucher, der sich in die Pressekonferenz der kürzlich eröffneten Ausstellung Mariana Castillo Deballs verirrt hatte, war zurecht verwundert: Handbemalte Vorhänge, eine implodierte Feuerbüchse, Skulpturenfragmente und gestapelte Vitrinen – die Historische Halle des Museums für Gegenwart in Berlin beherbergt derzeit eine seltsame Sammlung an Objekten und Artefakten. Die ausgestellten Gegenstände sind Teil der aktuellen Ausstellung der in Berlin lebenden Künstlerin Mariana Castillo Deball. Die 1975 in Mexiko City geborene Künstlerin gewann 2013 den Preis der Nationalgalerie und bespielt nun mit ihrer Ausstellung Parergon (altgriechisch für „Beiwerk“ oder „Nebenwerk“) die geschichtsträchtigen Gemäuer des Museums. Die Räumlichkeiten des Hamburger Bahnhofs sind in diesem Fall nicht nur als beherbergende „Hülle“ der Ausstellung zu verstehen, sondern werden gleichzeitig selbst zum Protagonisten der Schau erhoben. Parergon erzählt die unzähligen Geschichten des Hamburger Bahnhofs, der Sammlung der Nationalgalerie aber auch die Biografien einzelner Objekte, die ihren Weg auf besondere Art und Weise in die Sammlung gefunden haben.

In diesem Sinne wurde auch das Eisenbahner-Denkmal vor dem Eingang des Museums aufgestellt, das vor rund 20 Jahren an fast exakt gleicher Stelle stand. Denn lange bevor der Hamburger Bahnhof 1996 in ein Museum für zeitgenössische Kunst umfunktioniert wurde, wurde in dem ehemaligen Bahnhof 1906 das Königliche Verkehrs- und Baumuseum eröffnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag der Bahnhof 40 Jahre ungenutzt und verschlossen still. Nun fungiert der Bahnhof als Museum für Gegenwart, wo Mariana Castillo Deball verschiedene Exponate und Gegenstände aus dem Bestand des ehemaligen Verkehrs- und Baumuseum zurückholte. Zu diesen Exponaten zählen folglich auch die inmitten der Historischen Halle stehende implodierte Feuerbüchse einer Lok oder die gestapelten Vitrinen, die samt ihrer verstaubten und mit Kreide beschrifteten Oberflächen aus dem Depot in den Hamburger Bahnhof gestellt wurden. Ebenfalls Protagonist der Ausstellung ist die berühmte Mschatta-Fassade, die sich aktuell in der Abteilung für Islamische Kunst im Pergamonmuseum befindet. Die Front des Wüstenschlosses wurde Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Seeweg nach Deutschland und in den 1930er Jahren zu ihrem heutigen Aufbewahrungsort gebracht, wo sie im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt wurde.

Castillo Deball macht sich die Geschichte der Fassade zu eigen: Auf handbemalten, der originalen Ornamentik nachempfundenen Vorhängen wurde die Fassade in Originalmaßen in den Hamburger Bahnhof übertragen. Der Audioguide, den die Künstlerin zusätzlich für Parergon konzipiert hat, beinhaltet nicht nur Interviews und fiktive Einschübe, sondern auch eine „Vertonung“ des Fassadenvorhangs, dessen raumteilende Leichtigkeit zweifelsohne einen der Höhepunkte der Ausstellung darstellt. Ein weiterer Erzählstrang führt uns in ein dunkles Kapitel der Geschichte: Zu sehen ist die Skulptur Stehendes Mädchen von Otto Baum, die 1931 der Nationalgalerie geschenkt wurde. Als „entartete Kunst“ von den Nazis beschlagnahmt und ausgestellt, verschwand die Skulptur nach dem Krieg und tauchte erst 2010 wieder auf („Berliner Skulpturenfund“). Die Bronzeskulptur, die aufgrund ihres robusten Materials „überlebte“, wird nun zum ersten Mal seit den 1930er Jahren gezeigt und verwandelt sich in ein archäologisches Objekt, dessen Geschichte, sich jahrzehntelang in die Oberfläche der Skulptur eingeschrieben hat. Der Propagandafilm Venus vor Gericht (1941) gibt den letzten Hinweis auf weitere Werke aus dem Skulpturenfund sowie auf weitere „entartete“ Werke, die als Requisiten in den Filmszenen eingesetzt wurden. In diesem Zusammenhang präsentiert Castillo Deball zwei Reproduktionen des bis heute verschollenen Gemäldes Zweierlei Rot von Wassily Kandinsky. In Anlehnung an den schwarzweiß gedrehten Propagandafilm sind die Reproduktionen des Gemäldes ebenfalls in grau gehalten und stehen neben einem weiteren, zentralen Objekt der Schau: der Totenmaske des jüdischen Malers Max Liebermann, die 1935 ausgerechnet vom NS-Bildhauer Arno Breker abgenommen wurde …

Die unzähligen Geschichten der Ausstellung können unmöglich alle erzählt werden. Ähnlich wie eine Archäologin begibt Castillo Deball sich auf die Suche nach neuen Spuren und alternativen Lesarten der unterschiedlichen Geschichten, ohne jedoch bereits Bestehendes widerlegen zu wollen oder den Anspruch auf Richtigkeit zu erheben. Wie in einer Collage löst die Künstlerin unterschiedliche Objekte und Erzählstränge aus ihrem Kontext und trägt sie in Parergon auf neue Art und Weise wieder zusammen. Zugegeben: Die Zusammenhänge zwischen den Objekten sind meist nicht sofort erkennbar oder selbsterklärend, weshalb die von der Künstlerin konzipierte Zeitung sowie der Audioguide unabdingbar sind. Die kommentierenden Hilfsmittel verstehen sich gewissermaßen ebenfalls als „Beiwerke“ und dienen dazu, eben genau diese Zusammenhänge deutlich werden zu lassen. Seit 2013 ist der Preis der Nationalgalerie nicht mehr mit einer Geldsumme verbunden, sondern besteht nun aus einer kuratierten und mit einer Monografie begleiteten Einzelausstellung in einem der Häuser der Nationalgalerie. Mariana Castillo Deball ist die erste Gewinnerin des neu konzipierten Preises, der eine deutlich respektvollere Ehrung künstlerischer Arbeit darstellt, gleichzeitig aber auch die Nationalgalerie selbst bereichert, hat diese der Künstlerin nicht nur eine gründliche Recherche- und Vermittlungsarbeit, sondern auch eine großartige und wahrlich unvergessliche Ausstellung zu verdanken.

// Fanny Hauser

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Die Ausstellung hat im Rahmen der Berlin Art Week am 19. September 2014 eröffnet und kann bis 1. März 2015 besucht werden. 

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