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Die Inoperable Gallery ist mit neuen Räumen zurück! 

Sie waren die erste Galerie für Urban Art in Wien und sind auch jetzt noch die erste Adresse. Sabrina Möller hat Nathalie Halgand, die gemeinsam mit Nicholas Platzer die Galerie leitet, in den neuen Räumen besucht und mit ihr über die Veränderungen gesprochen …

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Nathalie Halgand und Nicholas Platzer Inoperable Gallery © Die Presse (Clemens Fabry) Link: http://diepresse.com/home/leben/mensch/3883347/Inoperable-wird-erwachsen_Neue-Galerie-im-ersten-Stock

Nathalie Halgand und Nicholas Platzer
Inoperable Gallery
© Die Presse, Clemens Fabry
http://diepresse.com/home/leben/mensch/3883347/Inoperable-wird-erwachsen_Neue-Galerie-im-ersten-Stock

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Inoperable startete 2006 als Projektraum und war damit die erste Adresse für Street und Urban Art in Wien. Wie hat sich seither der Zugang und die Wahrnehmung dieser Kunstform verändert? 

Die Zeit um 2006 war auch die Zeit, in der Banksy so richtig aufgekommen ist. Er war das Zugpferd für diese Kunstform und hat viel Aufmerksamkeit erregt. Banksy hat viele Leute motiviert kreativ im öffentlichen Raum zu arbeiten. Am Beginn wurde die Galerie von Nicholas Platzer, dem Gründer der Galerie, als Projekt geführt. 2008, als ich dazukam und wir in die Burggasse gezogen sind, hatten wir den Anspruch neben den künstlerischen und sozio/ethischen Zielen die Galerie auch mit Verkaufsfokus aufzubauen. Von den Anfängen bis heute hat sich extrem viel verändert. Und das auch in dem Sinne, dass die Leute hier in Wien auf der Strasse viel weniger aktiv sind. Es war zuvor oft spielerisch, eine Art Hobby und Spaß – es waren nicht viele, die das seriös betrieben haben. Heute ist es nicht mehr neu und viele haben damit aufgehört. Dafür entstehen vermehrt großartige, riesige Wandprojekte, so genannte Murals.

Der Begriff ‚Street Art Galerie’ erscheint mir schwierig, weil die Medien diesen Begriff aufgegriffen haben. Im Endeffekt hätte man das so nie benennen sollen. Mit Strassenkunst assoziieren viele wirkliche Strassenkünstler, die vielleicht Planeten auf den Boden malen. Oft werde ich gefragt, wie man Street Art in einer Galerie ausstellen kann. Eigentlich geht das nicht. Vielmehr zeigen wir Künstler, die AUCH im öffentlichen Raum arbeiten. Dieser irrsinnige Hype zumindest ist ruhiger geworden und jetzt arbeiten die Künstler vielmehr auf genehmigten Wänden und auf riesigen Fassaden.

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Diese Kunstform musste um ihre Anerkennung auf dem internationalen Kunstmarkt kämpfen. Wie sieht es damit heute aus?

Dass diese spezifische Sorte an Künstlern sowohl das „Malen“ im öffentlichen Raum beherrscht als auch auf Leinwänden ist heute verständlich. Früher gab es entweder das Eine oder das Andere. Letztendlich ist es nur ein Vorteil für Künstler, wenn sie im öffentlichen Raum ebenso arbeiten können. Vielmehr ist es die Frage, ob der Künstler illegal arbeitet. Unsere Künstler, die meisten haben Kunst studiert, machen das eher nicht. Sie stehen morgens auf und wollen unbedingt Kunst machen – und davon auch leben. Es gibt immer wieder Kritik, dass sie ja aus einer Subkultur kommen und die Vermarktung dessen problematisch sei. Aber die Künstler, die in den Galerien ausstellen, sehen das nicht so. Sie haben in ihrer Jugend mit Dosen experimentiert, können auf einer Wand malen, realisieren grosse Wandprojekte und in ihrem Atelier arbeiten sie ebenso mit verschiedensten Medien. Es herrscht oft noch ein Schubladendenken.

Man sollte diese Künstler jedoch nicht kategorisieren, sondern man kann sie in Galerieprogramme mischen. Heute arbeiten Künstler, die zunächst nur als Street Art Künstler angesehen wurden, auch mit grossen Galerien zusammen. Da wird der Ursprung vielmehr zu einer guten Story, einem Background.

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Ausstellungsansicht 'REDUX' Inoperable Gallery, 2014 Foto: Julian Mullan

Ausstellungsansicht ‚REDUX‘
Inoperable Gallery, 2014
Foto: Julian Mullan

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Wie gut funktioniert Urban Art in Wien im Vergleich mit anderen Städten? 

Es ist bekannt, dass der Markt für diese Kunstform in London, New York und Paris größer ist, aber der Kunstmarkt ist in diesen Städten grundsätzlich größer. Als Nischensegment haben wir uns hier sehr gut etabliert und sind die Anlaufstelle Nummer Eins geworden. Wir profitieren auch vom internationalen Verkauf.

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Jetzt nach einem Jahr der Suche habt ihr neue Räumlichkeiten für Inoperable gefunden. Ihr habt euch damit nicht nur enorm vergrößert, sondern die Räume vermitteln einen völlig anderen Charakter. Inwieweit verändern sich mit diesen neuen Räumlichkeiten auch eure Möglichkeiten und was bedeutet das für euer Programm? 

Der Wechsel in die neuen Räumlichkeiten ist für uns auch eine Chance unser Programm zu erweitern. Es ist immer gut eine Nische zu bedienen und die muss man auch behalten, aber es schränkt zeitgleich auch ein. Irgendwann, wenn man alle guten Künstler in dem Bereich ausgestellt hat, sieht man nicht mehr viel neues. Diese Kunstrichtung entwickelt sich weiter – wie auch einige Künstler. Da müssen wir auch am selben Strang ziehen. Man selber wird auch älter und Geschmäcker verändern sich. Wir erweitern unser Programm damit es spannend bleibt.//

Ich vergleiche es immer gerne mit dem Hype rund um die Pop-Art. Ein Hype der irgendwann vorbei war. Der Hype um die urbanen Subkulturen herum war enorm und ich will nicht behaupten, dass er vorbei ist, vielmehr entwickeln sich aus dieser Energie heraus weitere Sachen. Und wir möchten diese Entwicklung gemeinsam mit den Künstlern gehen. Mit Künstlern, die auch in diesem Kontext funktionieren; oder vielleicht probieren wir auch ganz neue Sachen, die wir gut finden und die vielleicht überraschen mögen. Das Programm für die nächsten Jahren ist noch nicht fixiert, wir sind selber noch auf der Suche nach neuen Künstler, die gut reinpassen und diese Energie haben.

Ausstellungsansicht 'REDUX' Inoperable Gallery, 2014 Foto: Julian Mullan

Ausstellungsansicht ‚REDUX‘
Inoperable Gallery, 2014
Foto: Julian Mullan

Was sind eure Kriterien auf der Suche nach neuen Künstlern? 

Es ist immer leichter einen Künstler zu vermarkten, der schon eine Ausstellungshistorie vorzuweisen hat. Mir wäre es wichtig, dass sich schon eine Entwicklung durch verschiedene Ausstellungen hindurch abzeichnet, das ist aber nicht zwingend notwendig. Wir sind auf der Suche nach Leuten, die den Fokus ganz auf die Kunst setzen und sich darin vollends verwirklichen möchten. Es sollte auch Bezüge zur Kunstgeschichte geben oder es sollte zumindest eine gute Kenntnis der Kunstgeschichte vorliegen bzw. es schadet nicht, eine Kunstakademie besucht zu haben.

Ich glaube aber am wichtigsten ist es, dass es eine Art Spirit gibt, eine Energie, die gut in unsere Zeit passt und eine Auseinandersetzung mit aktuellen Themen. Das können eben Subkulturen sein, aber es muss inhaltlich auch was da sein.

Gibt es einen Künstler, der dich im Laufe der Zeit durch seine Entwicklung überrascht hat? 

Wir arbeiten sehr intensiv mit ROA – ein Künstler, der immer wieder schwarz-weiße Tiere malt. Er hat sich entwickelt, weil er immer wieder seine Grenzen überschritten hat. Am Beginn hat er schwarz-weiße Tiere auf Papier und irgendwann auf Karton gemalt. Bis der Punkt erreicht war, an dem er mehr daraus machen wollte. Er hat dann mit interaktiven, verrückten Installationen begonnen. Türen, die sich öffnen und hinter denen das Skelett des Tieres sichtbar wird oder Gucklöcher, durch die man einerseits das Tier mit Fell und dahinter die Blutgefäße sehen kann.

Auf riesengroßen Flächen malt er unkonventionelle Bilder. Man ist es gewohnt, dass die Tiere lieblich ausschauen, doch er hat es dann geschafft durchzubringen, dass ein Hase blutig und mit abgezogener Haut im öffentlichen Raum zu sehen ist. Das ist echt hart, aber ich finde es gut, dass nicht immer alles gefällig ist und er nicht nur das Schöne zeigt. Es ist gut zu polarisieren. Ich bin gespannt was sein nächster Schritt sein könnte.

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Worum geht es in eurer aktuellen Ausstellung ‚REDUX‘?  

Es ist ein Rückblick und ein Ausblick. REDUX bedeutet Wiederkehr, und steht daher für die Wiedereröffnung unserer Galerie in den neuen Räumen. Wir haben Künstler ausgestellt, mit denen wir schon gearbeitet haben, aber auch neue, mit denen wir vielleicht künftig arbeiten möchten. Alle passen gut zusammen und das Netzwerk der Künstler und der Galerie vermischen sich. Es gibt also einen roten Faden.

Mit der Ausstellung präsentiert ihr insgesamt 37 Künstler. Wie ist das machbar mit so vielen Künstlern zu arbeiten?  

Wir haben viel Platz in unseren neuen Räumen und natürlich hätte man auch weniger Positionen zeigen könnten. Wenn man eine so umfangreiche Ausstellung machen will, dann ist es vermutlich nur im Kontext eine Ausblicks und Rückblicks möglich. Aber wir wollten auch Danke sagen, weil die Galerie mit diesen Künstlern gewachsen ist. Es war viel Arbeit und wir haben auch viel Spass miteinander gehabt. Daher wollten wir alle dabei haben und auch ein paar neue Künstler, um neue Abenteuer entstehen zu lassen.

Etwa zeitgleich mit eurer Rückkehr hast du auch ein Buch veröffentlicht: Women, Street, Art & Studio. Damit sprichst du ein wichtiges Thema an. Schließlich erscheint die Street Art Szene sehr von Männern dominiert. Worum geht es in dieser Publikation genauer? 

Das Buch habe ich gemeinsam mit Robert Hinterleitner und Daniel Leidenfrost publiziert. Wir haben uns gefragt – vor dem Hintergrund, dass so viele Männer in der Street Art aktiv sind – wie die Frauen in dieser Szene zurechtkommen. Dazu haben wir Interviews mit 10 Frauen geführt, und es war gar nicht so einfach so viele in Österreich zu finden!

Wir wollten mehr über ihre Erfahrungen wissen und über ihre Akzeptanz. Die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich, sodass man überhaupt nicht pauschalisieren kann. Fakt ist, dass man schon Mumm haben muss, um das zu machen. Kübel in der Nacht zu schleppen, über Zäune zu hüpfen und Dosen im Rucksack zu tragen ist anstrengend. Das tut sich nicht jede Frau an – aber auch nicht jeder Mann. Es ist eben nicht gerade das Gemütlichste! Doch das störte nicht jede der Frauen, andere schätzen das damit verbundene Adrenalin.

Mit der Akzeptanz ist es sehr unterschiedlich. Sicher sind mindestens 90% Männer in der Graffiti Szene. Wenn du als Frau dazugehören möchtest, kann es schon zu einer Belastung werden, wenn du immerzu nur belächelt wirst. Doch es gibt ebenso Frauen, die keinerlei Probleme haben und sich in einem milderen Graffiti Umfeld aufhalten, wo die Männer so nicht denken. Das Spannende ist, dass es einfach nicht pauschalisierbar ist. Die Erfahrungen sind oft an die Persönlichkeit der Frau gebunden.

Wie viele Frauen sind in der Ausstellung ‚REDUX‘ vertreten? 

Insgesamt sind in der Ausstellung sieben Frauen vertreten.

Ihr organisiert selber auch Projekte im öffentlichen Raum … 

Einige der Wandprojekte sind in Zusammenarbeit mit KÖR und der Stadt Wien entstanden. Es gibt aber auch viel freie und Auftragsprojekte. Oft ist es so, dass wir Künstlern, die aus dem Bereich Urban Art kommen eine Wand anbieten, die sie parallel zur Ausstellung gestalten dürfen – als Promotion.

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Welche Projekte stehen bei euch in Zukunft an? 

Die nächste Ausstellung am 27. November ist zum Thema „Schwarz-Weiß“ geplant. Lucas Cuturi wird die Ausstellung kuratieren. Einmal im Jahr möchten wir von nun an einen Kurator einladen ein spannendes Projekt zu realisieren. Im Frühjahr folgen dann einige Wandprojekte und wir möchten wieder an einer Messe teilnehmen. Zu unserem Ausstellungsprogramm kann ich noch nicht viel sagen, wir sind noch mitten in den Planungen.

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Vielen lieben Dank für deine Zeit, Nathalie!

// Interview von Sabrina Möller

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INOPERABLE GALLERY

Stiegengasse 2/3, A-1060 Vienna

www.inoperable.at

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