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Die aktuelle Ausstellung im KUNST HAUS WIEN zeigt Unterschiede und Gemeinsamkeiten im fotografischen Werk des Ehepaares Bassman und Himmel, die 77 Jahre lang Leben und Leidenschaft teilten. Beide waren stark an experimenteller Fotografie interessiert, ob Nachbearbeitung in der Dunkelkammer bei Bassman, oder extreme Kameraeinstellungen bei Himmel. Die Direktorin Bettina Leidl nahm sich Zeit, um mit ‚Art and Signature‘ auf Entdeckungsreise zu gehen.

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An dem Ausstellungskonzept waren zwei deutsche Kuratoren beteiligt, Ingo Taubhorn & Brigitte Woischnik. Wie kam es zu diesem Teamwork? Woher kam die Idee zu dieser Ausstellung?

Wir pflegen eine enge Verbindung mit dem Haus der Fotografie in den Deichtorhallen Hamburg, die Idee kam auch von dort. Brigitte Woischnik und Ingo Taubhorn, die beiden Kuratoren, haben bereits die Ausstellung von Saul Leiter kuratiert, die vor einigen Jahren hier im KUNST HAUS Wien zu sehen war. Brigitte Woischnik hat durch Zufall Lillian Bassman kennengelernt und sich daraufhin in ihr Werk vertieft. Erst später ist sie dann auf Paul Himmel gestoßen. Die Beiden haben ihre künstlerische Arbeit immer voneinander getrennt gesehen, aber natürlich lässt sich nach 77 Jahren Ehe nicht alles klar voneinander trennen. Die Kuratoren haben die Ausstellung auch bewusst so gestaltet, dass bestimmte Werkszyklen selbständig nebeneinander stehen, aber doch auch Gemeinsamkeiten der beiden aufzeigen.

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Lillian Bassman bevorzugte einen Frauentypus, der für die damalige Zeit außergewöhnlich war. Wo liegt für Sie das Außergewöhnliche in ihren Arbeiten? Welche Rolle spielt die Nachbearbeitung ihrer Fotografien?

Wenn man ihren Frauentypus betrachtet, wird ihr starker Bezug zur Malerei deutlich. Ihr Frauentyp ist elegant und klassisch, ihr Lieblingsmodel war Barbara Mullen – die Frau mit femininem Schwanenhals. Sicher ungewöhnlich ist auch ihr Auge für das Detail, ob Kette, Hut oder Ohrringe.

Mitte der 1990er Jahre begann sie mit der digitalen Nachbearbeitung ihrer Fotografien. Die Bilder wurden eingescannt und dann noch einmal bearbeitet, so dass diese starken Kontraste entstehen konnten. Im Laufe der Ausstellung sehen wir immer wieder Arbeiten, die in den 40er und 50er Jahren gemacht wurden, aber ab den 90ern „neu erfunden“ werden.

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Paul Himmel bewegte sich durch seine radikale Experimentierfreudigkeit immer weiter weg von kommerziellen Modeaufnahmen, bis er schließlich 1969 seine Karriere als Fotograf beendete und Psychotherapeut wurde. Was sind die wesentlichen Züge seines fotografischen Experiments? Wie kam es zu diesem Berufswechsel?

Von Paul Himmel gibt es aus den 40er und 50er Jahren unterschiedliche Werkzyklen, die der Street-Photography zu zuordnen sind. In den 70er Jahren hat er dann mit dem beruflichem Fotografieren aufgehört und eine Ausbildung zum Psychotherapeuten begonnen. Während Bassman mit Auftragsfotografie sehr erfolgreich war, war das für Himmel keine Option. Er hat sich viel stärker als freier Fotograf gesehen und hatte einen starken künstlerischen Anspruch in seine Arbeit. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass es zu dieser Zeit noch keine Fotogalerien gab, nicht einmal in New York. Für Paul Himmel und seine experimentelle Fotografie wurde es also zunehmend schwerer Auftraggeber zu finden, bis er sich schließlich ganz von der Fotografie abwandte. Besonders wichtige Arbeiten sind die Serienbilder „Grand Central Station“ und das „Botticelli Girl“, welches in der Ausstellung „The Family of Man“ 1951 zu sehen war. Das Portrait des „Botticelli Girl“ war für Himmel der Idealtypus einer Frau der Nachkriegszeit. In Arbeiten der 60er Jahre lassen sich auch Pop-Art Tendenzen erkennen, als er beginnt mit Solarisation zu arbeiten.

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Was haben die Arbeiten von Lillian Bassman (1917-2012) und Paul Himmel (1914-2009) gemeinsam? Worin sehen Sie persönlich die Berührungspunkte des Paares? Lässt sich die Beziehung der beiden aus den Arbeiten herauslesen?

Wenn man so lange einen gemeinsamen beruflichen und privaten Weg miteinander geht, kommt es natürlich auch zu vielen privaten Momenten in der Arbeit. Die Ausstellung zeigt deshalb auch Bilder aus dem Leben des Ehepaares, die einen Einblick in die Beziehung der beiden Fotografen geben. Abgesehen davon lässt sich besonders in der Street Photography eine gegenseitige Beeinflussung erkennen. Dazu kommt, dass beide eine unglaubliche Neugierde und Offenheit für fotografische Experimente hatten.

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Es werden auch Führungen durch die Ausstellung speziell für Kinder und Jugendliche angeboten. Wie laufen solche Führungen ab? Wie wichtig ist Ihnen diese Art von Kunstvermittlung?

Die Kunstvermittlung spielt eine ganz große Rolle. Die nächste Generation für Kunst zu begeistern ist eine unserer zentralen Aufgaben. Man nimmt sich dann bestimmte Teile heraus, um sich auf einen Aspekt der Ausstellung konzentrieren zu können. Ca. 15.000 SchülerInnen besuchen das KUNST HAUS WIEN im Jahr, wir sollten die Wichtigkeit der Kunstvermittlung also nicht unterschätzen.

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Haben Sie ein absolutes Lieblingsbild in dieser Ausstellung? Wenn ja, welches und warum?

„A Report to Skeptics, Suzy Parker“ von Lillian Bassman, 1952. Auch dieses Bild wurde stark bearbeitet und nicht alles ist vollkommen sichtbar. Es enthält für mich viel Sehnsucht, speziell durch diese Bewegung im Sportwagen. Auch die Rahmung ist toll, es wirkt wie beiläufig aufgeklebt.

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Wenn Sie „Lillian Bassman & Paul Himmel – Zwei Leben für die Fotografie“ mit 3 Worten beschreiben müssten, welche wären es?

Das ist schwer, aber ganz spontan gesagt: experimentell, bestechend, wunderbar.

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Sie sind nun erst seit Anfang dieses Jahres Direktorin des KUNST HAUS WIEN. Welche Ideen haben Sie, welche Projekte stehen zukünftig an? Gab es bereits Veränderungen?

Wenn man durch das Haus geht sieht man schon, dass gewisse Adaptierungen vorgenommen wurden. Ich werde, gerade was die Wechselausstellungen anbelangt, verstärkt beim Thema Fotografie bleiben. In Wien gibt es kein Haus der Fotografie und keine öffentliche Einrichtung, die sich schwerpunktmäßig mit der Fotografie beschäftigt. Wir werden aber auch Bezüge zur Szene in Wien schaffen. Hier gibt es Räumlichkeiten, die uns die Möglichkeiten geben, auch junge, zeitgenössische Fotografie zu zeigen. Wir haben jedoch einen sehr hohen Eigenfinanzierungsanteil, deshalb brauchen wir natürlich auch Ausstellungen, die eine gewisse Zugkraft haben.

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Gibt es eine „Wunsch-Ausstellung“, die Sie gerne einmal realisieren würden?

Da darf ich jetzt nicht wirklich etwas sagen, ich will noch nicht verraten was im nächsten Jahr kommen wird. Aber sagen wir mal soviel: mit etwas Glück wird meine Wunsch-Ausstellung Wirklichkeit werden.

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Vielen lieben Dank für das Interview!

// Interview von Anna Maria Burgstaller

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Lillian Bassman & Paul Himmel

Zwei Leben für die Fotografie

KUNST HAUS WIEN. Museum Hundertwasser
Untere Weißgerberstraße 13, 1030 Wien

www.kunsthauswien.com

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