INTERVIEW MIT ANEMONA CRISAN

Raum und Körper sind ein zentrales Sujet deiner Arbeiten. Gab es eine Art Ursprungsmoment, der dich zu dieser Auseinandersetzung motiviert hat?

Einen konkreten Ursprungsmoment kann ich eigentlich nicht nennen. Es war vielmehr eine Entwicklung, die zunächst handwerklich begann und sich später thematisch herauskristallisiert hat. Ich bin in einer Künstlerfamilie groß geworden und hatte daher ein Umfeld, in dem es früh viele Möglichkeiten künstlerischer Auseinandersetzung gab. Das Thema Körper und Architektur tauchte oft in meinen Zeichnungen auf. Später, als ich an der Akademie der bildenden Künste in Wien studierte, haben mich Architekturpläne und Anatomiezeichnungen fasziniert. Beide stellen eigentlich technische Baupläne dar, die einen für den gebauten architektonischen Raum, die anderen bilden die Konstruktion des menschlichen Körpers nach. Aus dieser Auseinandersetzung entstanden später auch die raumgreifenden Arbeiten, die anatomische und architektonische Elemente verknüpfen.

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Wann war für dich der Punkt erreicht, an dem du zu deiner eigenen Formensprache gefunden hast? 

„Zwang-Los“, mein Diplom, war eine der ersten raumgreifenden Arbeiten, in denen sich meine Überlegungen zum Verhältnis Raum und Körper verdichtet haben. Zugleich war es auch eine emanzipatorische Geste, ein symbolischer Aus- und Aufbruch aus der starren, beengenden Akademie, die für mich ein problematischer Raum gewesen war.

Dieser Schritt vom Bild in den Raum war der Moment, an dem ich spürte, dass ich eine eigene künstlerische Position gefunden habe.

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Neben der Zeichnung als Medium sind deine Arbeiten von roten Linien geprägt, mit denen du auch über die Grenzen der Leinwand hinaus im Raum arbeitest. Was hat es mit diesen roten Linien auf sich? 

Die roten Linien, und Rot als Farbe überhaupt, sind für mich Referenzen zum lebendigen Körper. Inspiriert von anatomischen Zeichnungen erinnern sie an Adern oder Muskeln, die von der Figur in den Raum geworfen werden oder als Spur ihrer Bewegung im Raum gelesen werden können. Ich übertrage damit die Körperlichkeit der Figur auf den architektonischen Raum, um ihn damit zu verzerren und ihm zugleich eine lebendige, körperliche Ebene zu verleihen.

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Vor kurzem hast du ein neues Buch herausgebracht: „Die Anatomie des Raums“. Warum hast du diesen Titel gewählt? 

Der Titel beschreibt meine künstlerische Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen Architektur und Mensch. Wenn man einen architektonischen Raum betritt, hat man ganz unmittelbar ein bestimmtes – körperliches Gefühl für diesen Raum, eine Verbindung.

In den Raumarbeiten geht es genau um diese Raum-Körper / Körper-Raum Beziehung: Ein Körper überträgt sich auf den Raum, der dadurch zu einem äußeren Körper wird. Die Anatomie als Bauplan des Körpers ist der formale Ursprung meiner Annäherung an die Architektur.

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Die Verflechtung von Körper und Raum wird häufig mittels des Motivs der Haare suggeriert, die in dein Liniengeflecht fließen… Warum sind die Haare für deine Arbeiten ein so zentrales Element? 

Haare sind der grafischste Teil des Körpers, daher liegt es auf der Hand, sie zeichnerisch einzusetzen. Meine Arbeiten bestehen häufig aus Köpfen, die ich aus der Scheitelperspektive zeige, um die Figur anonym und androgyn darzustellen. Obwohl Haare eigentlich tote Materie und damit passiv sind, werden sie in meinen Arbeiten lebendig, aktiv und dynamisch. Sie brauen sich zu raumgreifenden Wirbeln zusammen, wie Gedankenbahnen, die aus den Köpfen in den Raum strömen und einen neuen, geistig-körperlichen Raum formen.

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Auffällig erscheint mir auch, dass du dich auf den Körper der Frau konzentrierst. Warum klammerst Du den männlichen Körper aus? 

Ich bin eine Frau, also ist mein Zugang ein weiblicher. Es ist aber kein Ausklammern des männlichen Körpers, sondern eher die Annäherung an den Menschen aus der Sicht der Künstlerin. Ich zeige in vielen Arbeiten androgyne Körper. Interessanterweise werden diese als weiblich gelesen, wenn sie lange Haare haben, und als Männer, wenn sie dynamisch und muskulös sind. Das hängt stark mit unserer visuellen Prägung zusammen. Darstellungen des weiblichen Körpers waren in der Kunstgeschichte lange Zeit Projektionsflächen des männlichen Blickes, da kreisen die Themen um Verführung, Reiz, Sinnlichkeit und Passivität. Ich blicke nun als Künstlerin auf den Körper und zeige starke weibliche Figuren, die körperliche, geistige Autonomie und Freiheit kraftvoll fordern und behaupten.

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Inhaltlich beschäftigst du dich mit Fragen der Identitätsfindung als auch mit dem Kampf gegen ein selbst geschaffenes System. Inwiefern visualisiert sich diese Thematik und wird für den Betrachter greifbar? 

Ich wurde 1980 in Rumänien geboren und habe 1989 die Wende erlebt, bevor ich 1991 nach Österreich kam. Die Erfahrung eines einengenden, alle Lebensbereiche kontrollierenden Systems, sein Zusammenbruch und die plötzlich entstandene Freiheit waren sehr prägende Erfahrungen in meiner Kindheit, die sicher in den Arbeiten nachwirken: Wer soll ich sein, wer will ich sein und wer bin ich wirklich?

Das Abgleichen innerer Vorstellungen und äußerer Vorgaben ist ein wichtiger Prozess jeder Identitätsfindung. Die Arbeit „Who is afraid of Red“ thematisiert diese ambivalente Situation: Ein Mensch/Frau im Netz seiner Verbindlichkeiten die er – darin gefangen und geschützt zugleich – klar in eine Richtung dirigiert. Der Mensch, mit seinem Wollen und Können setzt das System unter Zug, ist aber gleichzeitig/gleichräumlich nicht in der Lage es gänzlich zu überwinden.

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Du stellst gewohnte Ordnungen infrage und irritierst damit auch die räumlichen Wahrnehmungsgewohnheiten des Betrachters. Ist das für dich ein unerschöpfliches Sujet? 

Jede Installation ist in und für einen bestimmten Raum konzipiert. Da jeder Raum anders ist, gibt es immer neue Möglichkeiten die gewohnte Raumwahrnehmung zu brechen. Eine der ersten Fragen bei einer Raumarbeit ist immer: Was steckt in dieser Architektur? Was macht sie mit meiner Raumempfindung? Und welche Wirkung hat sie auf die Menschen, die darin leben? Meine Arbeit nimmt diese Fragen auf, verzerrt, bricht und definiert den Raum neu und ermöglicht dem Publikum dadurch eine ganz neue Raumwahrnehmung.

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Die Farb- und Formensprache, der du treu bleibst, kann man als künstlerisches Merkmal betrachten, aber auch als Wiederholung deiner selbst. Wie würdest du das beurteilen? 

Ich arbeite gerne in Zyklen, in denen ich über einen längeren Zeitraum eine Idee detailliert und systematisch aus verschiedenen Perspektiven auslote und dadurch weiterentwickle. Es ist für mich keine Wiederholung, sondern eine Vertiefung, die oft zu einer neuen Idee führt. Das aktuelle Buch „Die Anatomie des Raums“, umfasst einen Zeitraum von fünf Jahren und zeigt einen solchen Zyklus künstlerischer Auseinandersetzung.

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Was steht am Beginn einer neuen Arbeit? Wie gehst du vor? 

Das ist sehr unterschiedlich und hängt davon ab, ob ich im Atelier arbeite oder eine Raumarbeit in situ ausführe.

Im Atelier arbeite ich vorwiegend an Zeichnungen auf Leinwand und Papier. Ich entwickle die Sujets vorher frei in Skizzen. Die anschließende zeichnerische Ausarbeitung ist ein präziser, fast meditativer Prozess.

Ganz anders gehe ich an eine Raumarbeit heran. Hier beginnt der künstlerische Prozess am „Ort der Tat“ im Raum selbst. Ich beobachte meine Raumwahrnehmung, ich beobachte die Menschen, die sich im Raum bewegen, ich verweile eine Zeit lang dort bis sich plötzlich an den Wänden eine Handlung vor meinem inneren Auge abspielt, die zur späteren Raumarbeit wird. Auch dazu mache ich zuerst Skizzen, manchmal auch Modelle. Manche Räume sind öffentlich zugänglich, sodass ich während der Arbeit in Kontakt mit dem Publikum komme. Raumarbeiten sind ein Kraftakt und eine physische Herausforderung, eine buchstäbliche und unmittelbare Auseinandersetzung meines Körpers mit dem Raum.

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Deine neuen Arbeiten sind weniger linear und werden zunehmend dynamischer. Warum? 

Ich war 2012 als Artist in Residence in Peking und habe dort begonnen mit Tusche zu arbeiten. Dieser technische Schritt hat mir ganz neue Möglichkeiten eröffnet Körperlichkeit und Raum darzustellen. Der Körper löst sich nun in Bewegungsbahnen auf und wird selbst zum Raum.

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Woran arbeitest du zur Zeit?

Im Moment arbeite ich vor allem im Atelier an Werken, in denen sich der Körper zunehmend in abstrakte, räumliche Gebilde verwandelt. Dabei spielt Licht als raumdefinierender Aspekt eine neue Rolle. Ich entdecke also gerade neue Dimensionen von Raum und Körperlichkeit und bin gespannt, welche Auswirkungen das in den nächsten Raumarbeiten haben wird.

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Vielen Dank für deine Zeit!

// Interview von Sabrina Möller

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ANEMONA CRISAN

Anatomie des Raums

Erschienen anlässlich der Ausstellung „Inwards“ Zacheta – National Gallery of Art, Warschau

Kerber Verlag, Berlin, 2014

ISBN: 978-3-86678-985-2

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