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David Lieske ist Labelmitbegründer von Dial Records, Künstler und Betreiber der Mathew Gallery in Berlin und New York. In seiner aktuellen Ausstellung ‚Platoon (RL-X)‘ im mumok thematisiert er das Spannungsverhältnis zwischen Künstler und Werk. Das Kernstück der Ausstellung bildet seine eigene Autobiografie ‚I tried to make this work‘. Sabrina Möller sprach mit der Kuratorin Barbara Rüdiger über die Idee der Ausstellung und den Künstler David Lieske.

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Der Titel der Ausstellung Platoon (RL-X) wirft Fragen auf. Platoon – übersetzt mit ‚Zug‘ – ist militärisch konnotiert und steht für Teileinheiten von Soldaten. Ebenso verweist Platoon auf einen bekannten Antikriegs- oder Kriegsfilm, der sich den Auswüchsen des Vietnamkrieges widmet. Militärische Objekte finden sich auch in der Ausstellung… Wie ist der Titel zu lesen? 

Das war auch meine Frage an David Lieske, als wir gemeinsam an diesem Projekt gearbeitet haben. Es ist sowohl eine Referenz an den Begriff als auch an diesen bekannten Film. Der Titel beschreibt das Setting und die Idee, wie das Buch von Lieske präsentiert werden soll.

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Wofür steht RL-X? 

Die Abkürzung steht für eine Luxury Sports Wear von Ralph Lauren. Es dient als Verweis auf die Mode und einen gewissen Lifestyle.

 

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Inwieweit steht das im Zusammenhang mit dem Leben von David Lieske, das in dem Buch dargestellt wird? 

Die Idee von David Lieske zu diesem Buch entstand, als er in New York eine Annonce gesehen hat. Dort stand in etwa übersetzt: „Jeder Star hat seine Autobiografie. Mach auch du deine selbst!“ Das Angebot beinhaltete, dass man eine Biografie inklusive Cover kaufen kann. Lieske dachte sich, dass das für eine Ausstellung spannend sein könnte.

Vor der Entstehung dieses Buches hatte Lieske seine Pressetexte und Ausstellungen immer mit einem sogenannten ‚Appendix‘ kommentiert. Auch hier schrieb er aus der Ich-Position heraus. Insofern ist das Buch, das 2015 erschienen ist, eine Konsequenz aus diesen Formaten, die er bereits vorher entwickelt hat.

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Lieske bezieht sich immer wieder auf Machtgruppen und Organisationen, die außerhalb der staatlichen Ordnung operieren. Worin liegt der Ursprung dieser Thematik in seinem Werk?

In dem Buch kann man nachlesen, dass Lieske in jungen Jahren auch Hausbesetzer war. Es ist teilweise sehr politisch und greift Themen wie die Rote Flora in Hamburg in den neunziger Jahren auf. Ich vermute, dass das ein Interesse aus seinem Leben heraus ist.

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Das Buch von Lieske „I tried to make it work“ wird als autobiografische Skizze beschrieben. Der Begriff der Skizze ist in der Literatur mehrdeutig, sodass sich verschiedene Möglichkeiten ergeben: Es kann eine vorläufige Fassung sein oder eben eine Art Theaterstück mit satirischen Inhalt. Nun ist die zentrale Fragestellung der Ausstellung, inwieweit Person und Produkt voneinander zu trennen sind. Wie dieses Buch und die Hauptfigur Daniel Lieske zu lesen? Inwieweit ist der Ich-Erzähler konstruiert? Oder ist es das Fragmentarische, das dem Betrachter verschiedene Deutungsmöglichkeiten offeriert? 

In diesem Buch schwingt die Celebrity Culture mit. Das wird durch Übersetzung in Englische wesentlich verstärkt. Viele Ghostwriter schreiben Biografien für Hollywood Stars. So war die Idee auch, dass Lieske 2007 dem bekannten Pop-Literaten Ingo Niermann – auf einer Couch liegend – sein Leben erzählt. Niermann nahm diese Sessions auf und extrahierte aus diesen 700 Stunden das Buch. Natürlich hat sich hier teilweise eine Verschiebung ergeben, weil für David die Gewichtung eine andere war. So waren für Niermann aus der Erzählung heraus bestimmte Figuren oder Menschen wesentlich wichtiger, als aus David’s Perspektive.

Als das Buch 2007 in deutscher Fassung fertig war, wurde es als Konzept für einen Messestand auf der Art Basel eingereicht – und abgelehnt. Dabei ging es natürlich auch um das Thema der Zeitökonomie: Wie kann man auf einer Kunstmesse, wo man durch die vielen Gänge eilt, überhaupt ein Buch erfassen und daraus etwas mitnehmen? In der Ausstellung ‚Platoon (RL-X)’ kann man sich wesentlich mehr Zeit nehmen und öfters zurückkommen. Lieske thematisiert damit, was es heißt auszustellen und unter welchen Bedingungen. Sowohl im Zusammenhang mit dem Publikum als auch mit der Institution.

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Wie hat Lieske selber reagiert, als er das erste Mal seine fertige Biografie gelesen hat, die vielleicht auch gewisse Verschiebungen aufwies? 

Als er das Buch für diese Ausstellung nochmals in die Hand genommen hat, war es ihm wichtig, alles nochmal durchzugehen. Zwischen der Finalisierung der deutschen Ausgabe 2007 und 2014 hat sich in seinem Leben sehr viel verändert. Zur Stärkung des Celebrity Culture Phänomens lies er das Buch ins Englische übersetzen und editierte es gemeinsam mit Michael Ladner. Es kam zu Streichungen und Hinzufügungen. Ingo Niermann hat ein Vorwort dazu verfasst, um seine Position zu kommentieren. Dadurch wird das Buch komplettiert.

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Wie ist kam es letztendlich dazu, dass ihr entschieden habt, das Buch zum Konzept der Ausstellung zu machen? 

David Lieske hat 2011 die Mathew Gallery gegründet, nachdem er nicht mehr als Künstler arbeiten wollte. Er hat sehr jung bereits viele große Ausstellungen in wichtigen Galerien gehabt. Irgendwann hat er gemerkt, dass er mit diesem System selber nicht zurechtkommt. Ähnlich wie bei seinem Plattenlabel, dass er zu dem Zeitpunkt bereits hatte, war es ihm lieber sich um andere Künstler zu kümmern und sie aufzubauen. Insofern war die Anfrage vom mumok an ihn auch ein kleines Risiko. Es war nicht klar, ob er das Format der Ausstellung noch umsetzen möchte.

In seinem ‚Appendixen‘ hat Lieske beschrieben, warum er aufhört Künstler zu sein. Sein Buch ist so viel näher dran an dem, was er erzählen will, als jedes andere Kunstwerk. Sich wieder so mit seinem Leben zu konfrontieren, war nach sieben Jahren für ihn eine große Anstrengung. Innerhalb weniger Monate bearbeitete er alles neu. Immer mit dem Wissen, dass es viele Leute lesen werden. Es ist privat und damit auch ein gewisses Risiko.

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Nach welchen Kriterien bist du bei der Konzeption der Ausstellung vorgegangen? Was war dir wichtig? 

Parallel läuft die Ausstellung ‚Ludwig goes Pop‘ im mumok. Es ist wunderbar, dass wir diese Werke nun auch hier präsentieren dürfen. In das Thema Pop Art fließen auch Netzwerkgedanken mit rein, die Populärkultur und das Post-Internet. Zwar war es keine Auflage, aber ich fand es spannend mit diesem Thema zu arbeiten und es in unserer heutigen Zeit zu verorten. David Lieske kam mir gleich in den Sinn, der er in seinem Leben multiple Rollen für sich gefunden hat. Er agiert in einem Netzwerk zwischen Berlin, New York und L.A.. Seine Galerie ist ein Treffpunkt für eine internationale Szene und genau das wollte ich gerne zeigen.

Als David zum ersten Mal den Raum sah, wollte er ihn gleich so annehmen wie er ist. Statt die perfekte Beleuchtung einzusetzen, entschied er sich einen schummrigen Raum zu erzeugen. Durch die Geräusche und die Lichtsituation kippt man viel leichter ins Lesen hinein. Auf der dritten Ebene des mumok hätte er dann – als Teil der Pop-Art Ausstellung – noch eine zusätzliche Fläche gehabt. Er fand es aber sehr viel spannender, hier als Galerist zu agieren und hat die Villa Design Group eingeladen. Diese arbeitet mit Verschränkungen, die sehr passend für das Thema sind. So konnten wir innerhalb der Ausstellung ‚Ludwig goes Pop‘ auch jüngere Positionen zeigen.

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Wie war deine Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Lieske? 

Er ist wahnsinnig professionell und kann eine Ausstellung aus sehr vielen verschiedenen Ebenen mitdenken. Das ist ein Unterschied zu vielen anderen Künstlern, die sich nur in der Künstlerrolle befinden und gewisse Dinge nicht wissen und auch nicht zu wissen brauchen.

Sehr schön finde ich, dass wir den Katalog als PDF Format anbieten werden. International ist mittlerweile auch sehr üblich. Es ermöglicht, dass man ihn weltweit in diesem Netzwerk downloaden kann und so können wir noch mehr internationale Akteure nach Wien holen. Das mumok kann damit eine Szenenanbindung ausstellen.

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Wie würdest du das Ziel der Ausstellung formulieren? Was möchtest du den Betrachtern in erster Instanz vermitteln? 

Die Ausstellung funktioniert auf verschiedenen Ebenen. Einerseits gibt es diese räumliche, sinnliche Erfahrung. David hat Wert darauf gelegt, dass man durch das Setting und die Geräuschkulisse direkt in das Buch abtauchen kann. Andererseits widerspricht das Buch den heutigen neoliberalen Verhältnissen. Man kann seinen Job einfach wechseln, man darf scheitern, man muss nicht erfolgreich sein. David war als Künstler sehr erfolgreich. Sich dennoch in einer Zeit, in der es für ihn großartig lief, dagegen zu entscheiden, finde ich wahnsinnig mutig. Die Geste das Netzwerk, das man für sich selber erarbeitet hat, zur Verfügung zu stellen… das ist eine großzügige Geste in Zeiten, in denen Kontakte Geld und Macht sind. Auf der Metaebene schwingt das natürlich mit.

// Interview von Sabrina Möller

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DAVID LIESKE. PLATOON (RL-X)

mumok. Wien.

Ausstellungsdauer: 12. Februar 2015 bis 14. Juni 2015

www.mumok.at

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