PIPILOTTI RIST MACHT SICH DIE WELT WIDDEWIDDE WIE SIE IHR GEFÄLLT!

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Als erstes Fazit zur aktuellen Ausstellung in der Kunsthalle Krems „Pipilotti Rist. Komm Schatz wir stellen die Medien um & fangen nochmals von vorne an“ fiel mir nur eines ein: Do legst di nieda. Denn Pipilotti Rist zwingt die BetrachterInnen ihrer raumfüllenden Videoinstallationen fortlaufend in ungewohnte Perspektiven. Egal ob Bett, Polster oder Teppichboden – ich habe bei einer Ausstellung wirklich noch nie soviel Zeit liegend verbracht.

Vorbei am Kronleuchter aus Unterhosen Cape Cod Chandelier (2011), kommt man direkt in einen Raum voller Betten. Kaum macht man es sich auf einem der Betten gemütlich, saugt die Deckenprojektion des Videos Homo Sapien Sapiens (2005) einen aus der Realität, hinein in Pipilotti Rist grellbunte Traumwelt, wo alles möglich scheint – selbst Hodensack-Pfirsich Metaphern. Im Jahr 2005 führte dasselbe Video in der Kirche San Stae in Venedig zu großen Protesten. Durch die übergroße Projektion an der Decke der Kirche wurde der Betrachter in eine liegende Position gezwängt. Die überdimensionale Wandprojektion löst die Raumgrenzen stückweit auf, bis diese völlig mit ihrer bunten Bildwelt verschmelzen.

Das Motiv der kindlichen Neugierde zieht sich durch das gesamte Werk der Schweizer Videokünstlerin (*1962) und äußert sich in ihrem Künstlernamen, der sich von Pippi Langstrumpf ableiten lässt. Heute gilt sie als eine als eine der international bedeutendsten Videokünstlerinnen der Gegenwart. Die Konventionen der Kunst und des stereotypen Sehens sind ein zentrales Thema im Werk von Pipilotti Rist. Sie thematisiert das unbekannte Universum des alltäglich Unauffälligen und befördert den Begriff der Videokunst in neue Dimensionen. Aus dem Lateinischen übersetzt bedeutet video „ich sehe“ – Rist hält sich eng an diese Übersetzung und konzipiert ihre Videokunst wortwörtlich als eine Kunst des Sehens. Genauer: Die Kunst des Sehens im Zeitalter des technischen Fortschritts, ohne die Auswirkungen von Fotografie und Fernsehen auf unsere Sichtweise außer Acht zu lassen. Rists utopische Bilder sollen durch die Kraft des Visuellen, des Figurativen und der Töne den Blick weiter modifizieren, ausdehnen und von Vorurteilen befreien. Anstelle von Stereotypen treten Utopien – Rist will aus tiefer Verankerung und Gewissheit agieren, nicht reagieren. Als Pionierin im Bereich der zeitgenössischen Videokunst erschafft sie neue Welten, die den Betrachter und all dessen Sinne herausfordern. Ihre Arbeiten führen die politischen Veränderungen und den technischen Fortschritt des 20. Jahrhunderts fort und etablieren eine neue Bildsprache, die Grenzen von Raum, Körper und Geschlecht auflösen soll. Pipilotti Rist spielt mit den Sinnen der Betrachter und entführt sie in neue Welten, die sich dem Unterbewusstsein annähern sollen und an verzerrte Traumwelten erinnern. So finden sich Videos nicht nur an Decke, Boden und allen Wänden, auch in Kinderbett, Handtasche, Muschel, Vase, Baumstamm, Bett, Tisch und sogar am Erste-Hilfe-Kasten.

Pipilotti Rist produziert kurze Filme, die durch technische Effekte gesteigert und verfremdet werden. Egal ob das frühe Video „(Entlastung) Pipilottis Fehler“ (1988) oder der Rist Klassiker „Pickelporno“ (1992) – Ihre Videoarbeiten, obwohl zweidimensional, beanspruchen den gesamten dreidimensionalen Raum für sich. Durch die Verwendung von Bildstörungen, veränderter Geschwindigkeit und verstörenden Tonspuren gelingt es Rist Stück für Stück ein neues Verhältnis zwischen Betrachter und Werk zu etablieren. Als Betrachter wird man sich seinem eigenen individuellen Blick bewusst indem man über bestimmte Ebenen mit konventionellen Sehmodellen konfrontiert wird. Sie sind oft konzipiert wie Traumvorstellungen, wie bunte schräge Halluzinationen, die vom Unterbewusstsein des Betrachters selbst stammen könnten. Man sieht also etwas, dessen Ursprung nicht ganz klar ist. Es sind keine herkömmlichen kommerziellen Filme mit fixem Happy End, vielmehr sind es kurze verzerrte Einblicke in eine träumerische Vision. Der Körper im Raum agiert nach kulturellen Konventionen, wird aber durch Pipilotti Rists Videos davon abgebracht rational zu entscheiden. Verzerrte Bilder, hysterischer Gesang, riesige Augen, die sich verselbstständigt haben. Lässt man sich auf diese grellbunte Bilderflut ein, verändert sich das eigene Sehen, verändert sich die eigene Existenz in einem Raum, den man zuvor noch unter Kontrolle hatte, oder es zumindest glaubte. Egal ob Grenzverhältnisse, Blickbeziehungen oder feministische Sehtheorien – Pipilotti Rist agiert mit ihren Videoarbeiten auf einer Ebene, die verschiedenste Modelle miteinander vereinen kann, auch wenn der Fokus variiert. Durch ihren Blick auf unsere Welt öffnen sich neue Dimensionen, die auf die kollektive historisch determinierte Seherfahrung einwirken. Alte Modelle werden durch neue getauscht, die Gesellschaft und ihre Kunst haben eine neue Art des Sehens hervorgebracht.

Etwa so wie in Luis Buñuels surrealistischen Film Un Chien Andalou (1929), der gemäß dem surrealistischen Manifest Unmögliches zeigt, will auch Rist stückweit eine Schockwirkung erzielen und provozieren. Wenn Rist die Bildstörung so sehr als künstlerisches Medium einsetzt, dass sich das gesamte Bild verfremdet und man nicht mehr genau weiß, was man eigentlich gerade sieht, kommt das dem berühmten Schnitt mit der Rasierklinge durch das geöffnete Auge gleich. Ich sehe mit offenen Augen ein Pipilotti Rist Video, bin mir aber manchmal gar nicht so sicher, ob ich denn nicht gerade mit geschlossenen Augen träume. Das ist Rists Kunst. Eine Kunst, die den Betrachter an seinem eigenen Blick zweifeln lässt und die mehrdimensionale Sinnlichkeit an ihre Grenzen bringt. Also, komm Schatz, wir stellen die Medien um und fangen nochmals von vorne an.[i]

// Anna Burgstaller

PIPILOTTI RIST.

Komm Schatz wir stellen die Medien um & fangen nochmals von vorne an

22/03 – 28/06/2015

Kunsthalle Krems

Mehr unter www.kunsthalle.at

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[i]Teilweise Auszug aus: Raum, Körper und Geschlecht. Aspekte des Sehens in Videos von Pipilotti Rist, Anna Burgstaller, Bachelorarbeit 2015.