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JOSEPH KOSUTH fordert das Grazer Kunstpublikum mit einer wortgetreu „brillanten“ Installation abermals dazu auf, die Grenzverschiebung zwischen Kunst, Philosophie und Wissenschaft weiter voranzutreiben. Sein Werk ist ein konzeptueller Brückenschlag zwischen dem einst aus der Stadt vertriebenen Mathematiker Johannes Kepler und dem 200 Jahre später an gewählter Stelle gegründeten Landesmuseum. Paula Watzl berichtet … 

“Artists work with meaning.” – Mit diesem Satz enthüllte Joseph Kosuth Ende März zeitgleich zur partiellen Sonnenfinsternis die Neonschrift Nicht Im Vorliegenden Sachverhalt, welche er für den barocken Lesliehof des Universalmuseums Joanneum in Graz im Rahmen der Tagung „Licht“ entworfen hatte, und die nun für ein Jahrzehnt Teil der Grazer Kunstlandschaft sein soll. Auch Siegrun Appelt und Michael Schuster wurden von Kunst im öffentlichen Raum Steiermark geladen, Graz 2015 – dem internationalen Jahr des Lichts – mit künstlerischen Beiträgen auszugestalten.

Kosuth leistet damit bereits seinen zweiten Auftritt innerhalb der diesjährigen Ausstellungssaison, nachdem er bereits zur Jahreswende im 21er Haus eine erweiterte Fassung von Zero & Not installiert hatte. Dass er mit seiner direkten Auseinandersetzung mit Sigmund Freud in Wien und andernorts sowie aktuell in Graz mit dem Astronomen Johannes Kepler auf den Spuren großer Denker unseres Landes schleicht, ist nur ein möglicher Anstoß, sich das umfangreiche Werk eines der maßgeblichen Begründer der Konzeptkunst noch einmal umfassend vor Augen zu führen.

Kepler hat das heliozentrische Weltbild nach Galilei und Kopernikus fixiert und Kosuth das Ad Reinhardtsche „Art for Art’s Sake“(1), indem er in der Nachfolge Duchamps feststellte: „Der einzige Anspruch der Kunst gilt der Kunst. Kunst ist die Definition von Kunst“ (2). Der 1969 veröffentlichte Aufsatz „Art after Philosophy“ kann neben den Auseinandersetzungen von Art & Language und Sol LeWitt als eines der signifikantesten Manifeste der Konzeptkunst gelesen werden, deren mannigfaltige Erscheinungen nicht auf einen einzigen theoretischen Ansatz reduziert werden können. Als Kosuth Kunst näher an eine wissenschaftliche Disziplin rückte, indem er Überlegungen der Philosophie in den Rahmen des Kunstschaffens stellte, erweiterte er den Kunstbegriff nicht nur hin zu Logik, Idee und Zeitlosigkeit, sondern auch um die Komponente eines ständig vorhandenen Publikums, dem es selbst überlassen ist, sich zu interessieren und informieren, dem es gleichzeitig aber auch freisteht, dies eben nicht zu tun.

Ähnlich allgemeingültig präsentiert sich der in Graz projizierte Ausschnitt aus Keplers Schriften, der, isoliert aus seinem wissenschaftlichen Kontext dargestellt, Perspektive, Wahrnehmung und Welt- wie Selbstbild thematisiert:

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„Diese Kraft nun, die den Aspekten ihre Bedeutung verleiht, ist nicht in den Sternen selbst.

Denn diese Aspekte, von denen die Rede ist, kommen auf der Erde zustande und

sind eine bloße Konfiguration (σχέσις), die sich nicht eigentlich aus der

Bewegung der Sterne ergibt, sondern aus der zufälligen Lage jeweils zweier Sterne

im Verhältnis zur Erde. Wie also die Seele, die den Körper bewegt,

sich nicht im vorliegenden Sachverhalt befindet, sondern dort,

wo dieser sichtbar zum Ausdruck kommt, so kann diese Kraft,

die die Aspekte wirksam werden läßt, nicht anders als allen sublunarischen Körpern

innewohnen, vor allem aber der großen Masse der Erde selbst.“

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Kosuth, der in den 1960er und 70er-Jahren gerne Neonschriften im Stil von Protokollsätzen installierte, indem er das Gesehene als empirisch Gegebenes annahm und so ein Tautologie veranschaulichte, erkannte im Laufe seines Oeuvres semiotische Leseprozesse als essentiell an und erweiterte seine Arbeiten um jene Zwischenebene, die erst über das erlernte Lesen ein Erkennen bedingen kann. Die Theoriebeladenheit unserer Beobachtungen im Sinne von kulturell erzogenen voreingenommenen Denkmustern sowie der Zwiespalt zwischen einem konstruierten und einem abgebildeten Weltbild sind nur singuläre Aspekte einer Kunstbewegung, deren Hauptanliegen am besten in den eigentlichen Urfragen „Was ist Kunst?“ bzw. „Welche sind die dahinterliegenden Konzepte, oder welche Konzepte können wiederum als Kunst definiert werden?“ beschrieben wird.

Eine der ersten Annäherungen an eine umfassende Darstellung der Möglichkeiten, welche der Kunstbegriff in sich birgt, nahm Joseph Kosuth ab 1965 mit seinen One and Three Chairs vor, ehe er sich mit seinen Investigations weiter abstrahierte und lexikalische Definitionen schwer fassbarer Begrifflichkeiten abbildete.

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“A work of art is a kind of proposition presented within the context of art as comments on art…

A work of art is a tautology in that it is a presentation of the artist’s intention…

that a particular work of art is art, which means, is a definition of art.

Thus, that it is art is true a priori.” (3)

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Der sprachliche Winkel, unter dem viele Konzeptkünstler ihre Beobachtungen anstellten, ist deutlich der Kunsttheorie, Linguistik und Sprachphilosophie nach Ludwig Wittgenstein geschuldet. Sein Paradigma „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“ wurde Ausgangspunkt zahlreicher Arbeiten. In diesem Sinne hat Joseph Kosuths Einleitung in “Art after Philosophy“ nicht begrenzt in den 1960ern Gültigkeit, sondern kann auch heute einen Zugang zu vielen Kunsterscheinungen stellen und verdient damit, wieder und wieder gelesen und reflektiert zu werden, um vielleicht bald eine ‚Art after Art after Philosophy‘ zu benennen. Die Ausdehnung des Kunstbegriffes bleibt unabgeschlossen:

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“Traditional philosophy, almost by definition, has concerned itself with the unsaid.

The nearly exclusive focus on the said by twentieth-century analytical linguistic philosophers

is the shared contention that the unsaid is unsaid because it is unsayable. […]

One begins to get the impression that there “is nothing more to be said.” […]

The twentieth century brought in a time that could be called

“the end of philosophy and the beginning of art.” (4)

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// von Paula Watzl

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JOANNEUMSVIERTEL, LESLIEHOF

Joanneumsviertelplatz, A-8010 Graz

www.museum-joanneum.at

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1. Vgl. “Art is art-as-art and everything else is everything else. Art as art is nothing but art. Art is not what is not art.” – Ad Reinhardt (1963) zit. nach Kosuth, Joseph, Art After Philosophy, 1969.
2. Zit. nach Marzona, Daniel, Conceptual Art, 2005, S. 72.
3. Kosuth, Joseph zit. nach Barker, Ruth, The Philosophy of Art after ‚Art After Philosophy‘, 2013.
4. Kosuth, Joseph, Art After Philosophy, 1969.