INTERVIEW ANNE FAUCHERET | DESTINATION WIEN

Die Kunsthalle Wien zeigt mit Destination Wien 2015 eine Auswahl von über 70 Positionen zeitgenössischer Kunst, die weniger als eine Schau Wiener Künstlerinnen und Künstler zu verstehen ist, sondern sich vielmehr Fragestellungen nach den Strukturen und dem Zusammenleben in einer europäischen Großstadt wie Wien widmet. Sabrina Möller traf die Kuratorin Anne Faucheret und sprach mit ihr über die Hintergründe zur Ausstellung und die Konzeption …

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Die Ausstellung „Destination Wien“ knüpft an die Ausstellung „Lebt und arbeitet in Wien“ an, die zuletzt 2010 initiiert wurde. Der Begriff Destination ist sehr touristisch konnotiert, wodurch die Umbenennung eine völlig neue Perspektive und den Blick auf die Stadt von Außen reflektiert. Warum habt ihr euch für diesen neuen Titel entschieden und inwieweit wirkt sich das inhaltlich auf die Ausstellungskonzeption aus?

Es ist eine sehr dezidierte Entscheidung gewesen, die Ausstellung nicht mehr auf Wien als Standort der Produktion zu beschränken, sondern auf Wien als Projektionsraum. Für mich spielt mit rein, dass Wien als Hauptstadt eines mitteleuropäischen Landes von migratorischen Bewegungen gekennzeichnet ist – und das nicht nur im allgemeinen sozialpolitischen Rahmen, sondern auch im Kunstbetrieb: Wien ist eine extrem wichtige Stadt für Residencies von Künstlern. Sie streben danach, nach Wien zu kommen und stammen aus völlig unterschiedlichen Milieu’s. Kunst, die für die Stadt wichtig ist, ist nicht unbedingt eine Kunst, die in der Stadt verankert ist oder sich dort jahrzehntelang entfaltet hat, sondern die vielleicht auch nur für eine kurze Zeitdauer dort zu sehen war und dennoch markieren konnte. Ich denke zum Beispiel an Ken Lum, der hier nie  gelebt und dennoch wirklich entscheidende Kunstwerke im öffentlichen Raum positioniert hat. Das war sehr wichtig. Wien ist aber auch eine Destination für uns als Kuratoren. Luca Lo Pinto und ich – um nur zwei aus dem 5-köpfigen Kuratorium der Ausstellung zu nennen -kommen nicht aus Wien.

Wie du auch gerade angedeutet hast, kommst du nicht aus Wien und bist auch erst einige Monate vor Ort. Wie würdest du für dich die Wiener Kunstlandschaft definieren? Was macht die Szene aus deiner Sicht aus?

Es ist die Unterschiedlichkeit von verschiedenen Szenen in einer nicht allzu großen Stadt, die mich sehr erstaunt hat. In Wien gibt es eine spannende Verbindung zwischen einem internationalen Anspruch und einer starken lokalen Verankerung der Künstlerinnen und Künstler. Sehr interessant finde ich auch die große Independent-Szene, die tatsächlich im Vergleich zu z.B. Paris mit vielen tollen Offspaces aufwarten kann: Von wellwellwell, das seit 2014 existiert, bis zum Ve.Sch, das ja schon seit vielen Jahr etabliert ist und mit Künstlern arbeitet, die sie an den Akademien entdeckt bzw. mit Künstlern, die überhaupt keine klassische Ausbildung haben. Aber auch die Inklusion der Kunst in den Markt ist ein wichtiges Thema für z.B. Ve.Sch. Das ist der Punkt, wo ich die Originalität von Wien sehe.

Viele künstlerische Praxen setzen sich damit auseinander, was es heißt in einer Stadt Kunst zu machen, die eine unglaublich dichte Vergangenheit hat: Stellt man sich dagegen oder führt man die Genealogie fort? Es  ist interessant zu beobachten, wie das ganze System zwischen Kunstproduktion, Kunstvermarktung und Kunsterziehung in Wien funktioniert. Es gibt zwei Akademien, die die Landschaft sehr prägen, und über  auratische Professorenfiguren funktionieren. Dieser Fokus auf einzelne Personen hat mich in Wien sehr erstaunt. Bei wem man studiert hat, ist ein sehr wichtiges Kriterium, das ich so aus anderen Städten nicht kenne. Da geht es vielmehr um Strategien, um eine Einstellung zur Welt und weniger um die Künstlerpraxis des Lehrenden.

Es stimmt, dass es sehr typisch für Wien ist bei wem man gelernt hat. Aber findest du nicht genau dieses System problematisch?

Dieses „Jünger-Phänomen“ ist erstaunlich und nicht unproblematisch. Charakteristisch für Wien ist auch die große Macht der Galerienszene. Die Galeristen verstehen sich selbst als DIE entdeckende Instanz, obwohl die Offspaces hier auch einen großen Teil der Arbeit leisten. Es gibt viele unterschiedliche Strukturen in Wien, die miteinander nicht kooperieren. Aber das wäre sehr wichtig. Auch für die Kunsthalle Wien ist es wichtig diesen Dialog einzuführen. Genau das war auch unsere Motivation für Destination Wien EXTENDED. Die Ausstellung in der Kunsthalle Wien allein kann nicht repräsentativ für eine Szene sein, weil wir innerhalb der Kunsthalle Wien allein nicht die ganze Breite der Szene aufzeigen können. Es gibt sicherlich Praxen, die uns aufgrund unserer Position als große städtische Institution unsichtbar bleiben, wodurch es umso wichtiger war, dass wir andere Initiativen, Vereine und Organisationen eingeladen haben, mitzumachen. Wichtig ist uns dabei, dass diese selber entschieden haben, mit welcher Ausstellung, mit welchem Projekt sie mitmachen. Es gab keine Kontrolle von Seiten der Kunsthalle Wien, keine Einflussnahme. Es geht mehr darum, etwas zu zeigen, was die unterschiedlichen Veranstalter als einen Beitrag zur Vitalität der Wiener Landschaft verstehen. Das ist als Gestus gut und wichtig. Mehr integrativ als kompetitiv.

Durch den Open Call sind bis zu 700 Bewerbungen bei euch eingelangt. Ergänzt durch eure eigene Recherche musstet ihr am Ende aus 900 Positionen auswählen. Eure Auswahl berücksichtigt auch Künstler, die Residencies in Wien hatten oder nicht direkt mit Wien assoziiert sind. Das wirft die Frage nach euren Kernkriterien bei der Auswahl auf. Welche Kriterien gab es?

Tatsächlich haben wir wirklich keine Kernkriterien formuliert. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Natürlich ist die Denkstruktur eines jeden Kurators sehr unterschiedlich, überhaupt wie man Ausstellungen konzipiert. Für mich waren Themen wichtig, die ich nicht unbedingt für Wien als Standort als relevant erachte, viel mehr für meine Idee von dem, was Kunst heutzutage zu bieten oder zu reflektieren hat. Themen  oder künstlerische Strategien, die mit dem Zusammenleben verknüpft sind wie auch mit Überlegungen, wie man in einer internationalen Großstadt jenseits vom Schubladendenken Querdenken kann. Es war für mich wichtig, dass die Kunstwerke dieser Ausstellung nicht nur für Wien relevant sind, das wäre dann doch ein sehr provinzieller Gestus.

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