ZU BESUCH BEI ERMENEGILDO ZEGNA IN TRIVERO

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Es ist die Innovation, nach der nicht nur die Avantgarde strebte. Bisher unbekannte Ausdrucksformen zu finden ist ein kreativer Prozess – und einer der schwierigsten. Um so spannender ist es herauszufinden, woher die Inspiration für neue Ideen kommt. Und das ist nicht nur in der Kunst spannend, sondern auch in der Mode. Wie entstehen neue Stoffe oder neue Schnitte in einer Zeit, in der man den Eindruck bekommen könnte, dass alles schon einmal da war?

Es gibt sie, die Musen in der Modebranche – wie auch in der Kunst. Ob nun Männlein oder Weiblein: Sie sind es die andere Menschen inspirieren und ihren kreativen Prozess beschleunigen oder sogar beflügeln. Kein Wunder also, dass die Musen in der Antike bereits als göttliche Quelle galten. Doch nicht nur der Mensch kann die Kreativität anregen, sondern auch unsere Geschichte und damit das, was von Menschen seit jeher geschaffen wurde: Architektur, Kultur, Kunst, Musik oder Literatur. Ebenso wie Alltagsgegenstände aller Zeiten. Es kann eine Farbe, ein Muster oder eine Form sein, die neue Assoziationen entstehen lässt. Es muss aber weder groß, noch imposant sein: Manchmal sind es die kleinen Dinge, die inspirieren. Wie etwa eine Tasse.

In Trivero, einer lieblichen Gemeinde in der italienischen Provinz Biella, kann man sehen, wie neue Stoffe entstehen. Vielmehr noch, wie ein Prozess vollzogen wird: Von der Inspirationsquelle bis hin zum finalen Stoff. Die Fondazione Zegna hat uns eingeladen, hinter die Kulissen zu blicken. Am Beginn steht jedoch eine Ausstellung: „Flower, Landscapes. Fabrics Flowers Recipes.“ – kuratiert von Maria Luisa Frisa. Bereits der Titel der Ausstellung eröffnet eine weitere Dimension: Die Landschaft mit all ihren Pflanzen und Blumen. Man könnte meinen, dass mit den Rezepten auf das Essen als Inspirationsquelle verwiesen sei – und das möchten wir hier auch keinesfalls negieren. Doch in diesem Zusammenhang wird vielmehr auf die Regionalität verwiesen. Denn die Pflanzen der Umgebung von Trivero sind für den Designer Ermenegildo Zegna stets ein wesentlicher Einfluss gewesen. Umgebung inspiriert. Rezepte gibt es in dieser Ausstellung bzw. im korrespondierenden Katalog dennoch: Nämlich solche, die sich aus den Pflanzen der Umgebung zusammensetzen.

Doch zurück zur Ausstellung selbst: Mehrere Glasvitrinen sind auf einem kreisförmigen, von Blumen geprägten Teppich platziert. Neben ganzen Gedecken und von Blumenmustern geprägten Tassen finden sich hier nicht nur einzelne Kleidungsstücke, die auf das Ergebnis verweisen, sondern vor allem viele Stoffe. Es sind allerdings nicht irgendwelche Stoffe, sondern Stoffe aus dem Zegna Archiv. Genauer aus dem Heberlein Fund – und zwar solche, die bisher noch nie der Öffentlichkeit gezeigt wurden. Aus über 2.200 Stoffstücken – gesammelt seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die späten 1980er Jahre – hat die Kuratorin Maria Luisa Frisa solche ausgesucht, die von Blumen geprägt sind. Wie unterschiedlich und vielfältig Blumenmuster eigentlich sein können, beweist diese Ausstellung selbst: von realistischen bis hin zu abstrakten, graphischen und dekorativen Mustern ist alles dabei. Das Spannende: Frisa hat jene Blumen ausgewählt, die auch in der Umgebung von Trivero vorkommen. Damit verweist sie auf ein Projekt von Ermenegildo Zegna, in dem er rund um die Panoramastrasse wilde Blumen und Pflanzen platzierte, die nicht nur jeder pflücken darf, sondern aus denen sich eben auch hervorragende Gerichte zaubern lassen. Die passenden Rezepte dazu gibt es im Katalog.

// Sabrina Möller

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FLOWER LANDSCAPES. FABRICS.FLOWERS.RECIPES.

EXHIBITION: until 27/09/2015

CASA ZEGNA, VIA MARCONI, 23, 13835 TRIVERO (BI), ITALY