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Zwischen Berlin (01/05 – 03/05) und Wien (29/05 – 31/05/2015) lud am vergangenen Wochenende auch Graz wieder zu seinen jährlichen Galerientagen. Verteilt über drei Tage baten 27 Institutionen und Galerien zu einer aktuellen Auseinandersetzung mit dem gegenwärtigen stadtspezifischen Ausstellungswesen. Ein Rundgang von Paula Watzl. 

Von Applaus geleitet, kehrte Peter Weibel zum Auftakt des Galerienwochenendes zurück in jenes kreative Graz, das er einst so maßgeblich mitprägte. Der Medienkünstler eröffnete mit seiner Ausstellung “Scanned World” in Petra und Ralph Schilchers Artelier Contemporary die Veranstaltungsreihe mit einem Arrangement mehrerer in Streifen zersägte Objekte. Seine Werke spielen mit der – nicht nur digital herbeigeführten – Verzerrung unserer Welt und zeigen die Einzelteile, die jedes Ganze bestimmen, auf.

„DIE SKULPTUREN, DIE SIE SEHEN, GIBT ES SCHON. WIR HABEN SIE NUR VERBESSERT, INDEM WIR SIE GESCANNT HABEN.“ so der Künstler. Die heute so präsenten Verfahren der 3D-Drucktechnologie debattierte Weibel damit bereits vorweggenommen über die letzten Jahrzehnte.

Nur wenige Meter weiter richtete Camera Austria die zweite von insgesamt drei Ausstellungen unter dem übergeordneten Titel “Disputed Landscape” aus. In “Uncovering History” werden Beziehungsaspekte von Landschaften mit dem Instrument aktueller fotografischer Positionen sichtbar gemacht. Gelungen artikuliert die Ausstellung die Komplexität der Trias Ort-Geschichte-Ansicht und schult den umsichtigen Blick hinter das Offensichtliche. Die Künstler Anthony Haughey, Tatiana Lecomte, Jo Ractliffe, Ahlam Shibli und Efrat Shvili gestalten die Auseinandersetzung, die sich im Dialog mit der empfehlenswerten im Kunsthaus gezeigten Rundschau „Landschaft in Bewegung“ versteht.

Ganz anders arbeitet sich Martin Roth, gezeigt bei Reinisch Contemporary, am Thema Natur ab. Der in New York lebende Steirer setzt an der Überschneidung der Kunstbewegungen an, indem er Minimal Art, Conceptual Art und Land Art hin zu einer Environmental Art erweitert, welche die artifizielle Natur und ihre Funktionalitäten innerhalb der Kunst thematisiert. So werden beispielsweise Donald Judds „Stacks“ als Regenwurmhabitat belebt, oder einem Papageien die Kommunikation mit einem Autonavigationssystem überlassen, was so zu einer Grenzverschiebung der Natur/Kultur Barriere anregen möge und eine Neukodierung gängiger Kommunikationsmuster vorschlägt.

Eine weitere österreichische Künstlerin bespielte das Rhizom. Claudia Märzendorfer strickt LKW-Ersatzteile, installiert Staubpartikel und arbeitet mit unkonventionellen Eisskulpturen. Während der Galerientage zeigte die anwesende Künstlerin unter anderem die Plakatarbeit VERÄNDERE DIE WELT! (2015), für die sie den Soziologen Jean Ziegler dazu aufforderte, seine Widmung für Claudia durchzustreichen und durch Claude zu ersetzen, wie dies einst Simone de Beauvoir mit ihm selbst tat, als sie „Hans“ ausstrich und ihn zu „Jean“ werden ließ. Der Buch- wurde so zum Werktitel.

Partizipation forderte unterdessen das esc medien kunst labor mit der kollaborativen Ausstellung „The Tech Oracle TTO“, welche als Studie zum eigenen Medienverhalten sowie als ironischer Kommentar zum Konzept des „watching big brothers“ gesehen werden kann. In einem interaktiven Durchgang bieten die Künstler dem Besucher anhand der Abgabe von Fingerabdrücken, Fragebögen, Kreditkarten und Vertrauen ein personalisiertes Orakel, dem Prinzip Folge leistend, dass für die Angabe der eigenen Daten im Internet oftmals „erkauft“ werden kann, was auch immer gerade an Programmen benötigt wird. Die Balance des Gebens und Nehmens im Web 2.0 wird von den Künstlern Pascale Barret, Julien Deswaef, Heidrun Primas, Ushi Reiter, Agnese Trocchi und IOhannes m zmölnig spielerisch aufbereitet zu einem Thema von allgemeiner Relevanz. Im Rahmen der mehrteiligen Reihe „Iterationen“ sind auch internationale Auseinandersetzungen mit der Verwendung freier digitaler Werkzeuge geplant.

Eine klassisch elegante und gut konsumierbare Galerieausstellung präsentierte sich zeitgleich in der Galerie Leonhard mit einer Vorstellung des deutschen Künstlers Horst Kuhnert. Annäherungen an verschiedene Raumsituationen, Dimensionenwechsel und Tiefenillusionen gepaart mit frühen raumgreifenden Arbeiten bleiben als Eindrücke. Ausgestellt werden sowohl erste Polyesterreliefs ab 1964 als auch aktuelle Malerei und Skulptur des italienisch geprägten Künstlers, der einen gangbaren Weg zwischen der Strenge der konkreten Kunst und der Instabilität organischer Formen fand.

 

Im allgemeinen Resümee lässt sich feststellen, dass die 15. Galerientage einen vielfältigen Blick über das Galeriewesen der Stadt, konturiert von ihren Institutionen, anboten, bei dem viele relevante Künstler Vertretung fanden. So präsentierte die Galerie Zimmermann Kratochwill beispielsweise eine Zusammenschau von Clemens Hollerer mit der derzeit auch in der Kunsthalle Wien präsenten Künstlerin Melitta Moschik, während das Kulturzentrum bei den Minoriten eine Einzelausstellung Claudia Schinks initiierte. Das KM-Künstlerhaus lieferte in der Ausstellung „DIDING Ein Innen, das ein Außen bleibt?“ einen breiten Blick über junge amerikanische Künstler, die größtenteils erstmalig in Österreich ausgestellt werden und allesamt Verkettungen zwischen digital und analog sowie Subjekt und Objekt aufgreifen. Das Rahmenprogramm bot neben zahlreichen Künstlergesprächen, Konzerten und Vorträgen auch heuer wieder fünf geführte Rundgänge, unter anderem geleiteten Sabine Flach, Daniel Pies und Slaven Tolj, durch den bunten Ausstellungsparcours der unter der Projektleitung von Tanja Gassler gestaltet wurde und zahlreiche Annahme fand.

// von Paula Watzl

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GALERIENTAGE GRAZ

Allgemeine Infos unter: www.galerientage-graz.at

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Artelier Contemporary

Peter Weibel – Scanned World (15/05 – 30/06/2015)

Griesgasse 3, 8020 Graz

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Camera Austria

Disputed Landscape: Uncovering History (16/05 – 05/07/2015)

Lendkai 1, 8020 Graz

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esc medien kunst labor

Iterationen (15/05 – 26/06/2015)

Bürgergasse 5, 8010 Graz

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Galerie Leonhard

Horst Kuhnett (09/04 – 17/05/2015)

Leonhardstraße 3, 8010 Graz

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Galerie Zimmermann Kratochwill

Clemens Hollerer: Aftermath (06/03 – 16/05/2015)

Melitta Moschik: Touching Reality (10/04 – 17/05/2015)

Opernring 7, 8010 Graz

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Kunsthaus Graz

Landschaft in Bewegung (13/03 – 26/10/2015)

Lendkai 1, 8010 Graz

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Reinisch Contemporary

Martin Roth – untitled (specific environments) (12/05 – 06/06/2015)

Hauptplatz 6, 8010 Graz

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Rhizom

Palais Attems, Sackstraße 17, 8010 Graz

Claudia Märzendorfer – Shared Space Attems (15/05 – 17/05/2015)

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