INTERVIEW ANNE FAUCHERET | DESTINATION WIEN – PART 2

Seite 2/2: Zum Auswahlprozess und Kritik

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Bereits im Vorfeld gab es Kritik, inwieweit etwa ein Berliner Künstler wie Julian Charrière, gebürtiger Schweizer, repräsentativer als ein Wiener Künstler für diese Ausstellung sein kann. Kannst du mir anhand seiner Arbeit erläutern, inwieweit seine Videoarbeit inhaltlich in die Ausstellungsthematik einbettet?

Das Video von Julian Charrière zeigt etwas, das eine Art alpine Idylle sein könnte: Aufgenommen in der Schweiz, in Österreich, Italien oder Frankreich? Letztendlich nebensächlich, da es doch um Projektionen und Identifikation geht. Am Ende sind die vermeindlichen Berge in Charrières Arbeit Bauschutt: Eine Baustelle, die überall in den Städten zu finden ist, ein universeller Ort zur Ankündigung von Gentrifizierungsprozessen. Letztendlich spiegelt sich in dieser Arbeit das Konzept hinter Destination Wien wider.

Ihr habt euch bewusst entschieden Markttendenzen und Künstlerrankings außer Acht zu lassen und habt euch unter anderem auch für junge Absolventen von der Akademie entschieden. Inwieweit repräsentieren die Wien als Standort besser bzw. was macht ihre Position in der Ausstellung so spannend?

Wie gesagt, es handelt sich nicht um eine repräsentative Ausstellung sondern um eine Ausstellung die der Vielstimmigkeit gewidmet ist. Um so heterogener, um so besser, wenn man will. Wichtiger als das Alter ist in der Auswahl folgendes gewesen: die Reflexion gegenüber der eigenen Geschichte und gegenüber dem Kunstsystem im Allgemeinen. Jüngere Künstler bekommen natürlich durch die Ausstellung eine frühe institutionelle Sichtbarkeit, die vielleicht zum Zeitpunkt ihrer beginnenden Karriere nicht möglich wäre. Aber das gilt auch für ältere Positionen, die unserer Meinung nicht genug institutionelle Bekanntheit erlangt haben. Eine „junge Szene“ definiert sich nicht nur durch junge Künstler sondern durch alle Künstler, die sich in einem bestimmten Moment mit relevanten Thematiken und Strategien auseinandersetzen. Wir denken in anderen Projekten viel darüber nach, was es bedeutet einem jungen Künstler bereits eine Show in der Kunsthalle Wien zu ermöglichen: Inwieweit bestimme ich damit schon seinen Werdegang? Für Destination Wien waren aber andere Fragen wichtiger.

Diese Überlegungen sind natürlich sehr interessant, nachdem es aus der Künstlerperspektive eher als eine riesige Ehre und großer Vorteil betrachtet wird, so früh bereits in einer Institution ausstellen zu dürfen…

Es gab sehr unterschiedliche Wahrnehmungen seitens der Künstler, als wir an sie herangetreten sind um sie zu dieser Ausstellung einzuladen. Die sehr jungen Künstler waren tatsächlich sehr happy.

Die Auswahl habt ihr im Team mit den anderen Kuratoren getroffen. Luca Lo Pinto und du sind eben erst seit einigen Monaten in Wien, während Lucas Gehrmann die Wiener Kunstszenen seit vielen Jahren kennt. Welche Herausforderungen und Schwierigkeiten gab es im gemeinsamen Auswahlprozess?

Die waren unterschiedlicher Natur. Natürlich kennt Lucas die Szene sehr gut und hat Künstler, die ihn am meisten interessieren und die er unterstützt. Für mich waren diese wiederum außerhalb meines Fokus – nicht nur aufgrund des Generationsunterschiedes, sondern auch aufgrund der Art und Weise des Umgangs mit Medien. Es war für mich unglaublich bereichernd mich auf einem sehr intensiven inhaltlichen Niveau mit Lucas auseinanderzusetzen. Im Alltag hat jeder seine Projekte, sodass es nur wenige Momente gibt, in denen man kollektiv als Kuratorenteam einen solchen Austausch vollziehen kann und das fand ich sehr schön. Differenzen gab es natürlich, Kompromisse mussten geschlossen werden.

Die Konzeption des Ausstellungsdisplays habt ihr Künstlern überlassen. Wie kam es dazu?

Das war uns besonders wichtig. Die Ausstellungen in der Kunsthalle Wien werden manchmal von Architekten erstellt – aber eben nicht immer. Häufig sind sie auch weniger integrativ angelegt und in diesem Fall wollte ich nicht einem Architekten die Aufgabe geben, sondern mehreren um verschiedene Atmosphären zu erzeugen. Wir haben Leute einladen, die sich als  Architekt und Künstler verstehen. Die ihre Arbeit als Displaymacher auch als Kunstwerk verstehen und sich der daraus resultierenden Konsequenzen bewusst sind. Denn die gibt es zwangsläufig. Die teilnehmenden Künstler fühlen sich oft gefährdet, wenn hinter ihren Kunstwerken nun doch kein vermeintlich neutraler Hintergrund ist. Für mich war es super interessant zu sehen, was sich daraus für Diskussionen mit den Künstlern ergeben. Haben sie wirklich Angst, dass das Display ihre Arbeiten absorbiert? Sehen sie, im Gegenteil, dass ihre Arbeit sich so vollkommen anders entfaltet – im positiven Sinn? Sehen sie auch, dass es darum geht zu zeigen, dass der White Cube – der heute immer noch als universeller neutraler Raum zur Betrachtung der Kunst angesehen wird – eine Konvention ist, die in einem bestimmten Moment in Amerika sowie Europa innerhalb eines politisch-ökonomischen Systems entstanden ist? Wir  fanden diese Überlegungen wichtig, und wollten, dass darüber nachgedacht wird.

Aufgrund der Sticker-Aktion – die bereits im Vorfeld zu der Ausstellung auf vielen Plakaten von Destination Wien auf das Ungleichgewicht der Geschlechterverteilung und Frauenquoten verwies – kam bei der Pressekonferenz die Genderthematik auf. Doch wurde auch Kritik daran geäußert, dass ihr mit der Ausstellung keine konkreten Trends formulieren möchtet bzw. keine konkreten Themen behandelt. Wie stehst du zu dieser Kritik?

Ich bin total für Genderthematiken, doch glaube ich eben, dass es ein bisschen altmodisch ist immer noch im „High-Gender“ zu denken. Natürlich entspringt es dem feministischen Diskurs und wir brauchen immer noch Quoten in unserer Gesellschaft. Dennoch ist es schade, wenn man das Thema auf einem so oberflächlichen Niveau behandelt und nur anhand von Namen wertet. Es gibt Männer, die viel feministischer denken als Frauen, wodurch es keinen Sinn macht, eine Auswahl auf Zahlen herunter zu brechen. Mir war es aus kuratorischer Sicht wichtig, mich mit verschiedenen künstlerischen Praxen auseinanderzusetzen – unabhängig vom Geschlecht.

Vor Kurzem wurde ich in einem Interview gefragt, was derzeit für Trends in der Wiener Kunstszene herrschen – eben auch eine Frage, die in der Konferenz aufkam. Ich habe wirklich Probleme mit dieser Frage gehabt, weil es für mich solche Trends in Wien eigentlich nicht gibt, sondern sich die Szene vielmehr durch ihre Vielfältigkeit charakterisiert. Deswegen war ich überrascht, als Lucas Gehrmann in der Diskussion dann einen Berlin-Hauch ansprach, den er gegenwärtig spürt. Jetzt frag ich mich – ist der nicht eher durch kuratorische Auswahl in dieser Ausstellung begründet, oder erkennt ihr den Berlin-Hauch derzeit wirklich in der Wiener Kunstszene?

Wir haben insgesamt vier Künstler aus Berlin in dieser Ausstellung : das ist bei 70 vertretenen Künstlern wirklich nicht viel. Aber vielleicht sind es mittlerweile schon mehr, die nach Berlin gezogen sind oder umgekehrt von Berlin weg sind. Die Mobilität von Künstlern, Professoren und Kunstagenten ist heute sehr groß und es ist gut so. Natürlich zieht Berlin, als eine der wichtigsten internationale Kunststädte besonders viele Künstler an. Die Frage nach besonderen ästhetischen Codes, die dadurch und nur dort entstehen ist eine andere. Ich spüre diesen Berlin-Hauch in der Ausstellung nicht, die ich eher als international bezeichnen würde, anhand den Profilen der Künstler, ihrer künstlerischen Strategien, ihrer inhaltlichen Auseinandersetzungen und natürlich auch anhand der ästhetischen Ausformungen. Man kann genauso sagen, dass es zur Zeit ein Wiener Hauch in Berlin gibt. Es gibt nach wie vor einen starken Austausch zwischen den beiden Städten – und dementsprechend Wechselwirkungen.

Natürlich gibt es trotzdem Trends, international wie lokal. Diese konnte man durchaus in den Bewerbungen des Open Calls beobachten: einer davon ist die extrem große Zuneigung dem Medium der schönen zierlichen Installation gegenüber. Wir sind in der Auswahl der Künstler diesem Trend nicht nachgegangen.

Vielen Dank für das Interview, Anne!

// von Sabrina Möller

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DESTINATION WIEN 2015

Kunsthalle Wien

17/4 2015 – 31/5 2015
Museumsquartier/ Karlsplatz
www.kunsthallewien.at