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FUNCTION FOLLOWS VISION, VISION FOLLOWS REALITY

 

Die komplette Fensterfront der Kunsthalle Wien am Karlsplatz ist von farbigen, lichtdurchlässigen Seidenpapier überzogen. Die Rechtecke sind übereinander geschichtet, weisen verschiedene Stufen der Lichtdurchlässigkeit auf und differieren dadurch in der Farbintensität. Was zunächst eine gewisse Analogie zu den Glasmosaiken in Kirchen aufweist, wird zu einem sich verändernden Element der Ausstellung. Es ist die Sonneneinstrahlung, durch die das empfindliche, nicht-farbbeständige Papier mit der Zeit verblassen wird. Inwieweit dadurch die durch die Schichtung entstehenden, unterschiedlichen Rechtecke und Quadrate formal in ihrer Wirkung unterstrichen werden, wird sich am Ende der Ausstellung zeigen. Ein Eingriff in die Architektur des Raumes, mit der die Arbeit von Charlotte Moth auf eine der Ideen Friedrich Kieslers verweisen kann:

FARBEN UND FORMEN SIND DAS EINFACHSTE, DAS BILLIGSTE, DAS RASCHESTE MITTEL, EINEN RAUM VISIONÄR UMZUGESTALTEN.

Die Ausstellung „Function follows vision, vision follows reality“ zitiert ein Credo Friedrich Kieslers und rückt damit nicht nur sein Interesse wie auch seine Überlegungen zum Display ins Zentrum, sondern macht bis heute bestehende Einflüsse auf die zeitgenössische Kunst sichtbar. In diesem Jahr ist der 125. Geburtstag und der 50. Todestag Kieslers. Dennoch versteht sich diese Ausstellung nicht als eine biographische Anknüpfung an das Werk, während die Personale im MAK im nächsten Jahr diesem Anspruch wohl eher gerecht wird. Die Konzeption der Ausstellung in der Kunsthalle ist maßgeblich von Peggy Guggenheims New Yorker Privatmuseum Art of This Century beeinflusst. Das Museum, welches von 1942-47 geöffnet war, wurde von Friedrich Kiesler gestaltet und fungiert wohl als Antithese zum White Cube: Unregelmäßig geschwungene Wände, eine sich ständig veränderte Beleuchtung von Bildern, mit blauen Stoffen verhängte Wände und an Schnüren hängende Bilder.

Tatsächlich wird man auch in der Kunsthalle Wien am Karlsplatz fast vergeblich nach freien, weißen Flächen suchen, schließlich sind die Wände großteils mit Tapeten von Fotos überzogen, die die Schaufensterinstallationen Kieslers demonstrieren. Doch auch wenn der Eindruck entstehen könnte: Die Künstler beziehen sich nicht alle explizit auf Friedrich Kiesler. Vielmehr vermag die kuratorische Auswahl Überschneidungen in der Denkweise zu verdeutlichen. So greifen die Arbeiten der kürzlich für den Turner Prize nominierten Künstlerin Nicole Wermers eine fast schon schaufensterähnliche Anordnung oder Konstruktion auf: Auf adaptierten Modellen von Marcel Breuers Thonet Stühlen sind Pelzmäntel platziert. Die Stühle, von den Wermers die Rückenlehne entfernte und die Sitzfläche mit Samt überzog, greifen die gängige Vorgehensweise auf, sich mittels der Jacke einen Platz zu markieren oder temporär zu sichern. Wermers thematisiert soziale Beziehungen und inwieweit diese mittels von Objekten als auch Materialien transportiert werden. Die Mäntel suggerieren, dass der Besitzer nur kurzzeitig den Raum verlassen hätte. Oder eher… die Besitzerin, sind die Mäntel doch durchaus weiblich konnotiert.

Die Platzierung der Objekte im Raum wird zu einem Kerncharakteristikum der Ausstellung: Der Weg des Betrachters wird immer wieder unterbrochen und bedarf einer erhöhten Vorsicht und Konzentration. Etwa wenn man vor einer der Arbeiten von Luca Trevisani steht: Ein frei hängendes Mobile aus Pflanzen mit einer sich stetig vergrößernden Wasserlacke am Boden. Denn nicht nur die Farbinstallation von Moth ist einer Veränderung unterworfen, auch die Objekte von Trevisani arbeiten. Die Blüten an den Mobiles sind schockgefrostet und tauen in den ersten Tagen der Ausstellung auf. Das sich dadurch verändernde Gewicht an einzelnen Stellen des Mobiles führt zu einer sanften Bewegung des Objektes.

Auch die Zeichnungen von Kiesler, die einerseits die Ideen zum Museum von Peggy Guggenheim visualisieren und bisher kaum bekannt sind, sind an dünnen Drahtseilen befestigt, die vertikal von der Decke bis zum Boden des Raumes führen. Ein kleiner Parcours, der die Geschwindigkeit des Betrachter drosselt und den Betrachter vorsichtig werden lässt, sobald er sich zwischen den Zeichnungen bewegt. Leonor Atunes hingegen unterbricht den Raum und die Bewegung durch eine Art Raumteiler aus geflochtenen Lederbahnen, die man auch am Geruch noch eindeutig identifizieren kann. Die Ausstellung kann damit unterschiedlichste Sinne adressieren: So verändert sich auch die Geräuschkulisse im Raum durch die Soundinstallation von Francesco Pedraglio, die auf Schriften zur Schaufenstergestaltung von Kiesler basiert, ständig. Und auch Céline Condorellis „Swindelier“ adressiert unterschiedliche Sinne mittels von Fotografie, Sound, Film und einem Ventilator.

Inwieweit man durch die Negierung der White Cube Konventionen eine spannende und durchaus atmosphärische Wirkung erzielen kann, wird durch die Ausstellung und das Display demonstriert. Wie stark sich die einzelnen Künstler nun tatsächlich mit den Arbeiten von Kiesler und seinen Ideen auseinandersetzen, sei dahingestellt. Am Ende dominiert die Auswahl spannender junger Positionen, die gemeinsam einen wunderbar inszenierten Raum kreiert haben.

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Function Follows Vision, Vision Follows Reality

Kunsthalle Wien, Karlsplatz
Ausstellungsdauer: 27/5 – 23/8 2015
www.kunsthallewien.at