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Kunst am Berg – Teil I

Der Samstagvormittag gehörte dann ganz dem Basler Künstlerduo Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger, die auch für das Hotel Castell vor einigen Jahren eine Installation im Jägerstübli realisiert haben. Die beiden Schweizer sangen zur Einstimmung ein mundartliches A-capella-Lied, bevor sie ihre Präsentation mit frühen Arbeiten starteten. Schon in ihren ersten Kooperationen zeigt sich ihr ausgeprägter Humor und ihr Sinn für Details und ortsspezifische Situationen: von Besuchern mitgebrachte Dessertvariationen zu bestimmten Bildern in der Kunsthalle Basel und die Fotoserie der so genannten „Lift ups“, die während einer langen Reise um die Welt entstanden. Gerda Steiner positionierte sich dafür hinter Personen, die sie während ihrer Reise trafen und hob sie kurzerhand in die Höhe, während Jörg Lenzlinger auf den Auslöser drückte. Einen korpulenten Schiffskapitän schulterte sie ebenso wie einen schmalen Inder.

 

PIPPI-LANGSTRUMPF-WELT FÜR ERWACHSENE

Die Orte, an denen das Künstlerduo arbeitet, inspirieren sie immer wieder zu komplexen Installationen, die aus vielen kleinen Dingen, Fundstücken, Pflanzen und Tieren, Abfall und künstlichen Elementen bestehen, die sie vor Ort finden, mitbringen, herstellen oder ausleihen. Was dabei herauskommt, sind wundersame Environments voller traumwandlerischer Kombinatorik, die den Betrachter in eine fantastische Gegenwelt abseits jeglicher Rationalität und gesellschaftlicher Zwänge entführen. Das rationale Denken darf bei Steiner & Lenzlinger – zumindest zeitweise – ausgeschaltet werden. Eine zwar zivilisationskritische, stets aber auch ironisch unterfütterte Pippi-Langstrumpf-Welt für Erwachsene, in der Zauberei und Alchemie, Wildwuchs und Ordnung, Totes und Lebendiges aufeinandertreffen. So arbeiteten sie in einer mittelalterlichen Silbermine im Elsass, in einer Stiftsbibliothek in St. Gallen, im Mito Art Museum zwischen Tokio und Fukushima in Japan oder auf der Sydney Biennale 2014.  Dort ließen sie sich vom unzähmbaren Fitnesskult der Australier anregen und richteten in einer ehemaligen Werfthalle einen benutzbaren Fitnessraum mit allerlei kuriosen Trainingsgeräten ein. Die Energie der sportiven Besucher wurde benutzt, um Seifenblasen herzustellen, ein Skelett zum Tanzen zu bringen oder eine Hollywoodschaukel in Schwingungen zu versetzen.

Im Bündner Kunstmuseum Chur arbeiteten Steiner & Lenzlinger im Jahr 2013 eng mit dessen Direktor Stephan Kunz zusammen. Er lud das Künstlerpaar ein, in den Räumen des ehemaligen „Naturhistorischen und Nationalparkmuseum“ die letzte Ausstellung vor dem Abriss des Gebäudes zu realisieren. Die beiden ließen sich gern auf dieses Experiment ein. Sie verwandelten das alte Gebäude durch bauliche Eingriffe und kleine Zerstörungsakte, Wachstumsexperimente mit Harnstoff, aus dem sich die wundersamsten Kristalle herstellen lassen, sowie durch von Besuchern gespendete Zimmerpflanzen, die die Räume überwucherten, in eine Wunderkammer aus Sammelsurien und Fundstücken, die langsam dem Verfall ausgeliefert war. Programmatisch war auch die Ausstellungsdauer: vom längsten bis zum kürzesten Tag des Jahres.

Am dritten und letzten Tag des „Art Weekends“ stellte Stephan Kunz dann den Entwurf des Erweiterungsbaus vor. Ein neu entworfener Kubus fügt sich städtebaulich perfekt in die vorgefundene Situation in Chur ein. Der größte Teil der neu hinzugewonnenen Ausstellungsfläche für die Sammlung und Wechselausstellungen wird unterirdisch errichtet. Möglich wurde dieser Bau durch eine private Spende von 20 Millionen Schweizer Franken. Aus einem Wettbewerb gingen die spanischen Architekten Barozzi Veiga aus Barcelona als Sieger hervor. Die Baumaßnahmen verlaufen nach Plan. Die Eröffnung des Erweiterungsbaus, der das Museum, so hofft Stephan Kunz, in eine andere Liga katapultieren wird, ist für Juni 2016 geplant.

Im Engadin haben sich in den letzten Jahren einige namhafte Galerien angesiedelt. Fester Bestandteil der „Art Weekends“ sind daher auch gemeinsame Besuche ausgewählter Galerien, die in architektonisch interessanten, historischen Gebäuden untergebracht sind. Der St. Moritzer Architekt Hans-Jörg Ruch, der auch einen Teil des Hotel Castell renoviert hat, hat die Galerien Tschudi und Monica de Cardenas in Zuoz und von Bartha in S-chanf zu attraktiven Ausstellungsorten umgebaut. Zum Abschluss des diesjährigen „Art Weekends“ empfing Monica de Cardenas die Teilnehmergruppe und erläuterte ihre aktuelle Ausstellung mit kinetischen Objekten, Lichtobjekten und begehbaren Treppenskulpturen des 1993 verstorbenen Mailänder Künstlers Gianni Colombo, die sie in enger Zusammenarbeit mit dessen Estate realisiert hat. Einen Ort weiter in S-chanf in der Galerie von Bartha führte der extra angereiste Künstler Beat Zoderer in seine Ausstellung mit Rasterbildern aus drei Jahrzehnten ein, die zum Saisonstart Ende Juli eröffnen wird, aber bereits gehängt ist. Eine Exklusiv-Preview für „Art Weekend“-Teilnehmer also.

Nach einem Abschlusslunch auf der sonnigen Terrasse mit toller Sicht auf die Berge gab es für die Unermüdlichen noch eine Kunstführung durchs Hotel Castell mit dem Hausherrn Ruedi Bechtler. Begeistert erläuterte der Sammler Arbeiten von   Künstlern wie Simon Starling, Martin Kippenberger, Carsten Höller, Fischli/Weiss, Roman Signer, Christine Streuli oder Mai-Thu Perret. Viele der hier präsentierten Künstler gehören auch zu den Stammgästen des Hotels. Einige Arbeiten sind hier entstanden, andere Künstler haben Ruedi Bechtler und Regula Kunz durch Anregungen von „Art Weekend“-Teilnehmern entdeckt.

Die Tradition der jährlichen „Art Weekends“ soll auch in Zukunft fortgesetzt und weiterentwickelt werden. Wer einmal das Hotel Castell für sich entdeckt hat, kommt gerne wieder. Gemeinsame Erlebnisse schweißen die Gruppe der Kunstbegeisterten zusammen. Ein Ritual wird bei jedem „Art Weekend“ wiederholt: Zur Stunde der Dämmerung trifft man sich, ausgerüstet mit Sitzkissen oder Schaffellen, im Skyspace von James Turrell etwas oberhalb des Hotelgeländes. Nach wenigen Minuten verstummen die Gespräche. Alle Gäste verfolgen gebannt das nuancenreiche Lichtspiel im steinernen Rund mit der kreisrunden Öffnung zum Himmel. Jemand stimmt ein gesummtes Lied an. Ruedi Bechtler schnalzt mit der Zunge. Es wird Nacht im Hotel Castell. Zeit, das neu Erlebte in Ruhe auf sich wirken zu lassen.

// Text von Nicole Büsing & Heiko Klaas 

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ART WEEKEND IM HOTEL CASTELL

Das nächste Art Weekend findet im Sommer 2016 statt. Der genaue Termin wird rechtzeitig bekannt gegeben.

Anlässlich des „Art Weekends“ sind sowohl von Elodie Pong als auch von Steiner & Lenzlinger neue Editionen entstanden, die exklusiv über den Art Shop des Hotel Castell erworben werden können.

Mehr Informationen gibt es online unter www.hotelcastell.ch

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Nicole Buesing and Heiko Klaas © Cathryn Drake

Nicole Buesing and Heiko Klaas © Cathryn Drake

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Nicole Büsing & Heiko Klaas

Nicole Büsing und Heiko Klaas sind seit 1997 als freie Kunstjournalisten und Kritiker für zahlreiche Magazine, Tageszeitungen und Online-Magazine tätig. Daneben schreiben sie auch Katalogbeiträge. Sie gehören zum Autorenteam des BMW Art Guides, der im Hatje Cantz Verlag erscheint. Sie leben in Hamburg und Berlin.