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Beim gerade zu Ende gegangenen Art Weekend im Hotel Castell in Zuoz im Engadin wurden Ideen und Perspektiven zu spannenden künstlerischen Projekten ausgetauscht. Mit dabei: die Videokünstlerin Elodie Pong sowie das Duo Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger. Ein Bericht von Nicole Büsing und Heiko Klaas.

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Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger: „Jardin de Lune“ (Mondgarten), 2007/2008
© Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger

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Marilyn Monroe trifft auf Karl Marx, freilaufende Hühner in bunten Blumenwiesen auf Allover-Installationen in einem Museumsbau, der anschließend unter die Abrissbirne kommt. Am gerade vergangenen Wochenende fand im Hotel Castell in Zuoz im Engadin ein weiteres „Art Weekend“ statt. Unter dem Titel „Liquid Stories“ hatte der Zürcher Sammler, Künstler und Hotelier Ruedi Bechtler ein dichtes Programm mit Vorträgen, Filmvorführungen, Diskussionen und Galerierundgängen kuratiert. Als Gastkünstler waren die in Zürich lebende Schweizer Videokünstlerin Elodie Pong und das Basler Künstlerduo Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger angereist, um ihre Arbeiten vorzustellen. Unterstützt wurden sie dabei von der Kuratorin Filipa Ramos und Stephan Kunz, dem Direktor des Bündner Kunstmuseums Chur. Knapp 60 Teilnehmer, überwiegend aus der Schweiz, aber auch aus Deutschland und Österreich, waren angereist.//

SPRÖDER SEMINARCHARAKTER KOMMT HIER NICHT AUF.

Seit 1996 veranstalten Ruedi Bechtler und seine Frau Regula Kunz im familieneigenen Hotel Castell regelmäßig „Art Weekends“. Die ersten Veranstaltungen hatten dabei eher den Charakter von Künstler-Happenings. Roman Signer ließ hier einen mit Feuerwerkskörpern präparierten Tisch durch die verschneite Winterlandschaft fliegen. Erwin Wurm animierte die Teilnehmer zu absurden One-Minute-Sculptures. Und Pipilotti Rist veranstaltete nach dem Motto „Was will der Mensch an der Bar?“ eine Art Workshop, aus dem die Konstruktion der  legendären „Bar Rouge“ hervorging, die sie zusammen mit der Architektin Gabrielle Hächler realisierte – heute einer der beliebtesten Treffpunkte im Hotel Castell. Das Format „Art Weekend“ wurde über die Jahre weiterentwickelt und bekam unter dem Label „Collectors Days“ zwischenzeitlich eine Partnerveranstaltung an die Seite gestellt, auf welcher Privatsammler, Galeristen und Kunstmarktexperten mit einem fachkundigen Kunstpublikum vornehmlich über Trends und Strategien des Kunstsammelns diskutierten. Die „Collectors Days“, die über mehrere Jahre im Hotel Castell stattfanden und als Format bisher einzigartig sind, wurden maßgeblich von Ruedi Bechtler und dem Schweizer Kurator Daniel Baumann entwickelt, der nach mehrjähriger Tätigkeit für die Carnegie International in Pittsburgh/USA, mittlerweile die Kunsthalle Zürich leitet.

INSIDERTIPPS AUF 1.800 METERN HÖHE

In den letzten Jahren entwickelten sich die „Art Weekends“ wieder zu einem offeneren Format als Diskussionsplattform für Künstler, Kuratoren, Sammler, Kritiker und Kunstinteressierte. Man trifft sich einmal im Jahr auf 1.800 Metern Höhe, um mehr über Kunst zu erfahren, Insidertipps auszutauschen, Künstler hautnah zu erleben und unverkrampft miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Teilnehmer der „Art Weekends“ sind langjährige Sammler, Kunstfreunde, Künstler, Galeristen, aber auch Neueinsteiger, Architekten, Grafikdesigner oder Studierende. Bei gemeinsamen Wanderungen, von Künstlern angeregten Spielen, Kunstführungen durchs Hotel oder bei den Gesprächen während der gemeinsamen Essen auf der Sonnenterrasse von Tadashi Kawamata oder im eleganten Speisesaal werden in zwanglosen Runden die Gespräche vertieft und neue Kontakte geknüpft. Immer wieder erstaunlich ist die lockere und saloppe Atmosphäre. Spröder Seminarcharakter jedenfalls kommt hier nicht auf.

Im Zentrum des gerade zu Ende gegangenen „Art Weekends“ standen die Videoarbeiten von Elodie Pong, die vielteiligen und überaus fantasievollen Installationen, die Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger auf der ganzen Welt realisieren, sowie die Vorstellung des gerade entstehenden Erweiterungsbaus für das Bündner Kunstmuseum Chur.

JE SUIS UNE BOMBE.

Filipa Ramos, die in London lebende portugiesischen Co-Kuratorin der Videoplattform Vdrome und Chefredakteurin des Online-Magazins art-agenda, vermittelte den Teilnehmern ihre Begeisterung für das Werk der in Boston geborenen Schweizer Videokünstlerin Elodie Pong. In freier Rede lieferte sie profunde Einblicke in die Dialektik von Zeigen und Verbergen, die fast allen Arbeiten Elodie Pongs innewohnt. Ramos verortete Pongs Werk im kunsthistorischen Kontext. Sie wagte Querverweise zu Sigmund Freuds Maskentheorie, einer zentralen Arbeit des US-Konzeptkünstlers Douglas Huebler aus den späten 1960er Jahren oder Fischli/Weiss’ Film „Der geringste Widerstand“ (1980), in welchem die beiden als Ratte und Bär verkleidet staunend durch die Welt wandern.

Elodie Pongs frühe Videoarbeiten haben einen eher popkulturellen und performativen Charakter. In „After the Empire“ (2008) arbeitet sie mit Tänzern und Performern, die in die Rollen von Ikonen wie Marilyn Monroe, Elvis, Batman, Mickey Mouse oder Karl Marx schlüpfen. In einem humorvollen Mix aus anspielungsreichen Zitaten, Dialogen, kleinen Szenen, Posen und Songs entfaltet Elodie Pong ein Panorama der westlichen Kultur, ihrer Klischees und Stereotype, die dann wiederum geschickt aufgebrochen, hinterfragt und ins Absurde überführt werden. Eingängige Popsongs machen das Video zu einem kurzweiligen visuellen Trip, in dem melancholische Momente sich immer wieder mit humorvollen Wendungen abwechseln.

Etwas nachdenklicher wurde es dann, als nach dem gemeinsamen Nachtessen Elodie Pong ihren einstündigen Videofilm „Secrets For Sale“ aus dem Jahr 2003 vorstellte. In einem Bunker hatte die Künstlerin ein Setting aus mehreren Räumen mit Überwachungskameras aufgebaut. Freiwillige wurden dabei gefilmt, wie sie einer nach dem anderen von einer Stimme aus dem Off angeleitet wurden, vor der Kamera ihr persönliches Geheimnis zu erzählen. Dabei konnten sie sich wahlweise hinter einer Maske verbergen, die Stimme verzerren lassen oder auch ganz ohne Anonymisierung auftreten. Nach der häufig intimen, manchmal peinlichen und oft emotional vorgetragenen Offenlegung ihres Geheimnisses betraten die Protagonisten den letzten Raum der Installation. Dort trafen sie die dort wartende Künstlerin, die mit ihnen über das Honorar verhandelte. Eine Aufwandsentschädigung von zehn Schweizer Franken empfanden viele als angemessen. Andere pokerten hoch und versuchten, einen höheren Preis für ihr Geheimnis herauszuschlagen. Die entlarvende Offenheit der höchst unterschiedlichen Teilnehmer erinnerte an das katholische Beichtritual oder an psychotherapeutische Sitzungen. Ob sexueller Missbrauch, die Angst vor dem Tod oder das schlechte Gewissen einer Hobbygärtnerin, die Maulwürfe tödlichen Gefahren aussetzt – Geheimnisse vor der Kamera preiszugeben und als Teil einer Kunstaktion zu verkaufen, war für die rund 700 Personen, die Elodie Pong ursprünglich für ihr Video gecastet hat, offenbar kein Problem. Der Zuschauer jedoch wird in ein Wechselbad der Gefühle zwischen Anziehung und Abstoßung, Mitleid und Schadenfreude, Voyeurismus und Fremdschämen versetzt. Am Ende räumte auch Pong ein, dass sie die Arbeit an diesem Film mitunter als emotional belastend empfunden hat.

Kunst am Berg – Teil II//

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