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INTERVIEW MIT EUGEN LENDL | 3 x 3

Drei Jahrzehnte lang hat die Galerie Eugen Lendl bald das Grazer Kunstgeschehen mitgeprägt. Darauf ist man dreifach stolz und lädt mit „3 x 3“ zu einem ungewöhnlichen Geburtstagsfest: Drei Kuratoren präsentieren jeweils drei Künstler in insgesamt drei Ausstellungen. Eugen Lendl, einer der „paar guten Wahnsinnigen, die dem Kunstgeschehen der Stadt Lebenskraft verleihen“ im Interview mit Paula Watzl…

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Ausstellungsansicht 3x3 Detail: Michael Kienzer © Paula Watzl

Ausstellungsansicht 3×3, Galerie Eugen Lendl, 2015
Detail: Michael Kienzer
© Paula Watzl

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Erzählen Sie uns von Ihren Pläne zum Jubiläum und dem Projekt „3 x 3“. 

Aktuell gibt es zwei Jubiläen, die zusammenfallen: einerseits werde ich 70 Jahre alt – das ist sicher – andererseits feiern wir das dreißigjährige Bestehen der Galerie. Das ist zugegebenermaßen ein bisschen verfrüht, denn offiziell begehen wir erst im September das 30. Jahr. Trotzdem fallen die Feierlichkeiten zusammen, denn man weiß in Galerien nie, wie lange sie Kraft und Lust haben und wie lange es mich noch freut. Denn eigentlich bin ich seit fünf Jahren in Pension. Man sieht es hoffentlich nicht, aber es ist so. Trotzdem bin ich noch nicht müde und ich hoffe, es macht mir weiterhin Spaß.

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Wie fügen sich die ausgewählten Kuratoren und Künstler der drei Ausstellungen in Ihr Gesamtwerk? 

Die drei Kuratoren sind nicht ganz zufällig ausgewählt. Vitus H. Weh kuratierte vor einigen Jahren eine sehr schöne Ausstellung für uns und ist sozusagen ein alter Kuratorenfreund. Die „3 x 3“-Ausstellung ist fast ohne Vorgaben, wobei natürlich trotzdem überlegt wurde, etwas aus dem Stammteam der Galerie zu nehmen und mit frischen Sachen zusammenzubringen. Bei der jetzigen Ausstellung sieht man Michael Kienzer, den wir schon 1988 das erste Mal und dann mehrfach immer wieder ausstellten. Die anderen beiden Künstler waren auch mir unbekannt, die habe ich mir so richtig von Weh empfehlen lassen. Eva Maltrovsky, Kuratorin des 2. Ausstellungsteils,  bringt Gerlinde Wurth mit, die mit sehr feinen Zeichnungen arbeitet. Dazu kommt Markus Wilfling, der in Graz lebt und ebenso wie Kienzer einer der profiliertesten Bildhauer Österreichs ist. Der dritte Künstler, Tobias Hermeling, ist ein im Burgenland lebender Deutscher und war mir bisher unbekannt. Er ist aber eine ausgesprochen spannende Person mit einem vielfältigen Werk, das von Film über Malerei reicht. Wir werden Malerei zeigen. Der dritte Kurator, Julien Robson, ist Engländer und kuratierte bereits 1992 eine Ausstellung für uns. „The American Dream“ wurde damals zum Amerikajahr ausgestellt und brachte uns in Folge eine ganze Serie von englischen Künstlern zum Steirischen Herbst. Helen Chadwick ist die berühmteste von ihnen. Robson konnte ich für die dritte Serie gewinnen und weiß bis dato nicht, was er machen wird. Ich nehme aber an, er wird auch eine heimische Position haben und evtl. zwei Amerikaner. Ich sagte zu ihm: „Nimm etwas, das du in den Koffer geben kannst“.

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Vitus H. Weh meinte in seiner Eröffnungsrede, die Ausstellung sei so intendiert, wie er Sie als Person wahrnimmt: „riskant“. Wie empfinden Sie dieses Wagnis?

Naja, Wagnis… Wenn sie mein Programm anschauen, dann ist es sowieso ziemlich gewagt und ich weiß oft nicht, was herauskommt. Ich verlasse mich sehr stark auf meinen Instinkt: Oder auf die Mischung aus Instinkt und dem, was ich gelernt oder erfahren habe. Dem vertraue ich sehr und berechne nicht sonderlich viel. Das ist das Abenteuer daran – für mich und für den Besucher.

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Ausstellungsansicht 3 x 3, Galerie Eugen Lendl, 2015 © Paula Watzl

Ausstellungsansicht 3 x 3, Galerie Eugen Lendl, 2015
© Paula Watzl

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Wie schätzen Sie die Position von Galeristen im Bezug zu der von Kuratoren ein? Widersprechen oder ergänzen sich die unterschiedlichen Ideale der Kunstvermittlung? 

Es sind natürlich verschiedene Aufgabenstellungen, um die es hier geht, das muss einem schon klar sein. Kuratoren meinen meistens, sie haben unendlich viel Bedeutung. Der Galerist meint, er hat auch alle Bedeutung und diese Mischung ergibt oft Spannendes. Kuratoren machen ebenso Künstler, wie Galerien Künstler machen, das ist schließlich unsere Aufgabe. Es bleibt die Frage, als was ein Galerist sich selbst sieht. Sieht er sich als Händler, der Einkauf und Verkauf mit möglichst maximalem Gewinn betreibt, oder sieht er sich im Extremfall als Helfer der Künstler auf ihrem Weg zu einer Karriere? So sehe ich mich. Natürlich muss ich verkaufen, natürlich muss ich den Betrieb aufrechterhalten. Es gilt, diesen Spagat zu schaffen.

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Sie sagten einmal, Sie seien von Ihren Künstlern mitentwickelt worden. Welche Begegnungen waren besonders prägend? 

Da gibt es einige ganz massive. Als wir mit unserer Arbeit begannen, hieß das Programm „Väter und Söhne“. Es sollte sagen, alles stammt von irgendwo. Wir zeigten damals in gewissen Rhythmen Altmeister, oder eben Väter. Was damals Väter waren, sind heute natürlich Großväter und die meisten davon sind tot. Väter sehen heute anders aus: Die Leute, die wir zum Teil auch groß gemacht haben, sind die Väter von heute. Insofern hat sich nichts geändert – geändert hat sich nur, dass auch das Interesse an Manchem abgerissen ist. Die Vätergeneration war auch mir zum Teil nicht mehr interessant genug und man bespricht sein Programm natürlich mit den Künstlern und erhält Vorschläge.

Es gibt einige prägende Personen, mit denen man mehr redet. (Blickt auf die Bücher am Tisch) Weil er da gerade liegt: Werner Reiterer ist für mich eine der Schlüsselfiguren. Einerseits arbeite ich schon lange mit ihm, andererseits – ich höre gerne auf ihn. Natürlich nicht immer, ich habe ja einen eigenen Schädel, aber man hört bei Manchem genauer hin. Es gibt Künstler, die können reden, andere können es nicht. Auch Helen Chadwick war für mich eine Schlüsselfigur aufgrund ihrer Art, wie sie agierte. Das muss ich anerkennen. Es ist ja auch in Ordnung, wenn man ein bisschen gelenkt wird, sei es absichtlich oder nicht. Ich lasse mich auch gerne lenken, denn ich bin ja nicht gescheit geboren.

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Galeristen sind Entscheidungsträger: Sie sortieren vor, was Sammler und Museen oft erst viel später in ihr Repertoire aufnehmen. Mit welcher Haltung blicken Sie auf Ihre großen Entscheidungen zurück? Hat Sie der Markt manchmal überrascht oder gar enttäuscht?

Sowohl als auch. Bei Manchem kann man sagen, man lag richtig, manche haben wunderbare Karrieren gemacht. Ein Beispiel: Erwin Wurm stellte ich 1988 zum ersten Mal aus. Drei Ausstellungen waren ohne Verkauf und heute macht eine Ausstellung keinen Sinn mehr, weil man die Sachen nicht mehr kaufen kann. Franz West und Herbert Brandl stellte ich 1987 aus und sie verkauften eine Arbeit, wobei sie den Kunden selbst mitbrachten. So ist die Realität. Manches geht auf, meistens ist man dann aber nicht mehr dabei, weil wir am Ende der Welt leben. Das ist leider das Schicksal des Provinzlers. Und aus anderen, auf die man eigentlich setzte, wird nichts. Aber ich lag deshalb ja nicht unbedingt inhaltlich falsch, nur weil die große Karriere nicht kam. Der Markt hat ja mit Qualität nur teilweise zu tun. Gute Kunst ist noch lange nicht erfolgreiche Kunst. Und was ist Erfolg? Das ist sowieso eine Frage für sich.

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Wenn Künstler weiterziehen, geht dann auch immer ein Stück von Ihnen mit?

Die Frage ist vielmehr: wie funktioniert das Weiterziehen? Einerseits, wenn man die Erkenntnis gewinnt, dass man nur begrenzte Möglichkeiten hat, muss man den Künstler eigentlich wegschicken oder an den nächst Stärkeren weitergeben. Die Frage ist, vergisst er dich dann oder geht die Kontinuität der Arbeit in irgendeiner Form weiter? Ein Herr Wurm braucht eine Ausstellung in Graz nicht. Das ist die eine Seite. Die andere ist, will er auch einen Heimmarkt aufrechterhalten oder alte Freundschaften pflegen? Das kann der Künstler mit dem Galeristen machen, aber auch umgekehrt. Hätte der Künstler zum Beispiel eine Krise, wie hilft man ihm, sie zu überwinden? Kann man das? Ist man geistig und finanziell dazu in der Lage? Und wie geht die Kommunikation dann weiter? Nicht jeder entwickelt sich so, wie man meint. Ein wunderbares Beispiel ist Josef Danner. Mit ihm habe ich 1986 meine Galerie eröffnet, wir haben große Erfolge gefeiert. Dann wandte er sich mehr politischen Geschichten zu, was schwer zu präsentieren war, bis er dann wieder in die Malerei ging, was mein Revier ist.

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Galerist Eugen Lendl © Paula Watzl

Galerist Eugen Lendl
© Paula Watzl

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Welches allgemeine Resümee ziehen Sie nach 30 Jahren in der Grazer Kunstlandschaft? Wie charakterisiert sich die hiesige Kunstszene und was hat Sie zum Bleiben animiert?

Graz ist natürlich eine der schönsten Städte zum Leben. Für das Geschäft ist es aber ungefähr das Blödeste, was man machen kann. In dieser Beziehung müsste ich mich eigentlich fragen, was mich hier gehalten hat. Ich habe mehrere Anläufe gemacht, wegzugehen, es ist immer irgendwie schief gegangen. Vielleicht war es Feigheit, vielleicht war es richtig. Mit der Anstrengung, die man hier machen muss, um zu überleben, ist man wo anders schon erfolgreich. Graz ist eine besonders schwierige Stadt. Das liegt zum Beispiel daran, dass es die zweitgrößte Stadt in Österreich ist und dass es durch die Museen und Kunstvereine einen unheimlich großen Anspruch hat. Wir nehmen uns selbst vor, international standfähig zu sein. Ich glaube, dass mir das gelungen ist, aber trotzdem fehlt mir der Heimmarkt. Mit demselben Programm in Köln wäre es wahrscheinlich kein Problem.

Graz hat natürlich den Nachteil, keine Kunsthochschule zu haben. Dadurch fehlen die Professoren und es fehlen die Studenten. Wenn man in Wien studiert hat, ist der nächste Schritt nicht nach Graz, sondern in eine Großstadt. Der nächste Studienschritt heißt Amsterdam, Paris, New York. Nur ja nicht Graz.

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Würden Sie es noch einmal tun? Galerist (in Graz) werden?

Nein, mit den heutigen Erkenntnissen sicher nicht. Eine Galerie muss heute ganz etwas anderes sein, als das, was ich gemacht habe. Ich bin ein Saurier, eine aussterbende Rasse. Ich habe mein Konzept bei der Galerie Würthle oder bei der Galerie Welz abgeschaut, aber das ist lange vorbei. Wie sieht aktiver Kunsthandel heute aus? Zu meiner Zeit gab es einen Festnetzanschluss, nach Jahren kaufte ich mir ein Fax. Heute hat jeder Künstler eine Website, ist weltweit gängig. Welche Information muss ein Galerist heute bringen, damit er überhaupt jemanden interessiert? Man kann ja alles recherchieren, jeder weiß, was in Tokyo ausgestellt wird. Überhaupt keine Affäre. Früher waren wir die Privilegierten, die sich teure Zeitschriften leisteten. Heute läuft Handel teilweise nur übers Internet. Wie geht das? Wenn man das beherrscht, muss man natürlich nicht in der Hauptstadt sitzen, das ist die andere Seite. Aber es ist, glaube ich, trotzdem nicht möglich, ohne Ausstellungsräume, ohne Programm und ohne Heimmarkt etwas Gehobenes zu machen.

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Was raten Sie der jungen Szene?

Ihr müsst euch alles eigentlich neu erfinden. Die alten Modelle sind nur mehr begrenzt brauchbar. Ich würde es als sinnvoll erachten, sich die Erfahrungen der Alten zunutze zu machen. Ich habe manchmal das Gefühl, ich bin nicht interessant. Aber das ist vielleicht auch richtig, wenn man sagt, es ist eine neue Generation, eine andere. Man muss einfach wirklich hinaus. Graz kann man heute als Basis nehmen, aber man muss eigentlich nach Graz zurückkehren und dann schon gut verankert sein. Wenn man von Graz aus die Welt erobern will, dann muss man ziemlich viel weg sein. Und eines muss man sagen: die erfolgreichen Künstler sind durch die Bank sehr gescheit und auf den Musenkuss zu warten, ist völlig überholt. Die Frage ist, wann ist man zufrieden? Der eine ist mit überleben zufrieden, der andere will in den Olymp, das heißt eine Einzelausstellung im MoMA. Die Frage, wie man dorthin kommt, ist Aufgabenstellung der Galeristen. Er ist nur ein Teil, aber ohne den Galeristen geht es nicht.

// Interview geführt von Paula Watzl

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3 x 3

1. Teil: 16/06 – 11/07/2015

Kurator: Vitus H. Weh

Künstler: Michael Kienzer / Haruko Maeda / Florian Pfaffenberger

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2. Teil: 14/07 – 14/08/2015

Kuratorin: Eva Maltrovsky

Künstler: Tobias Hermeling / Markus Wilfling / Gerlinde Wurth

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3. Teil: 18/08 – 19/09/2015

Kurator: Julien Robson

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Galerie Eugen Lendl

Bürgergasse 4/1, A-8010 Graz

www.eugenlendl.com