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GIGANTENTREFFEN | LÜPERTZ & RAINER

Das Arnulf Rainer Museum im beschaulichen Kurort Baden bei Wien ist derzeit Treffpunkt von Giganten. Nicht nur antike Helden haben sich hier versammelt, sondern auch zwei Giganten der Gegenwartskunst: Markus Lüpertz und Arnulf Rainer …

Wer derzeit das Arnulf Rainer Museum in Baden betritt, sieht sich einem riesigen, abgeschlagenen Kopf gegenüber. Welchen Giganten hat es hier getroffen? Die Flügel am Helm verraten ihn: Es ist Merkur. Der römische Gott des Handels und des Reichtums. Doch weder sein Zustand, noch das zu klein wirkende Podest zeugen hier noch von einer Gottheit oder Reichtum: Der Kopf liegt auf einer Europalette und zwei massiven Holzböcken.

Dort, wo man sonst mit dem Selbst konfrontiert wird, sind die Spiegel im Saal mit grauen Vorhängen verdeckt. Nichts soll von den Skulpturen ablenken. Skulpturen? Irgendwie sind die im Saal verteilten Objekte auch nur Teile eines Ganzen: Hier findet sich die Hand, dort das Bein oder der Torso von Merkur. Seine Körperteile sind im Raum verstreut. Versucht man die einzelnen Teile vor dem inneren Auge wieder zusammenzuführen, fällt auf, dass das nicht möglich ist. Das Puzzle ist unvollständig. Doch wo sind sie fehlenden Teile hin verschwunden?

Wer herausfinden möchte, was hier passiert ist, der wird vielleicht in den Holzböcken und Europaletten ein gutes Indiz finden. Diese wurden nämlich bewusst vom Kurator und Künstler dieses Ensembles gewählt: Markus Lüpertz. Für die diesjährige Dialogausstellung im Arnulf Rainer Museum in Baden hat man sich für den Dandyman unter den deutschen Malern entschieden: Nur, dass man hier von ihm keine Malerei sehen wird. Stattdessen präsentiert er sich in dieser Ausstellung als Bildhauer.

Es ist nicht der einzige Merkur, den wir von Lüpertz kennen. Einer seiner Götterboten, aus Bronze gegossen, surft seit 2007 auf einer Kugel vor dem Bonner „Post Tower“. Ein Sinnbild für die „Kernkompetenz des weltumspannenden Unternehmens“. Dem Entwurf ging eine lange Planung voraus. Ein ganzes Jahr arbeitete Lüpertz in seinem Atelier mit Gips an dem Elf-Meter-Koloss. Das Ergebnis dieses Prozess findet sich nun im Rainer Museum. Riesige Gipsteile, bemalt in Pastelltönen. Abgelegt auf Europaletten. Der Ateliercharakter kontrastiert mit der klassizistischen Architektur des Museums.

Während das Tageslicht sanft durch die historische Laterne auf die Überreste von Merkur fällt, verändert sich die Lichtführung mit dem Verlassen des Spiegelsaals schlagartig: Es herrscht Dunkelheit. Einzelne Spots strahlen kleine Bronzeskulpturen in den historischen Umkleidekabinen an: Sie treten aus dem Dunkel hervor. Expressiv. Kunterbunt. Doch sicher nicht fröhlich. Eher wie in einer Gruft trifft man hier auf antike Superhelden.

Expressiv sind nicht nur die Skulpturen von Lüpertz, sondern auch die Malereien, die er von Rainer wählte. Ausgestattet mit einer Carte Blanche entschied der Malerfürst sich für Arbeiten, die mit dem antiken Vokabular seiner Skulpturen korrespondieren: Farbintensive, übermalte Anatomien menschlicher Körper aus den achtziger Jahren. Doch auch neuere Arbeiten werden gezeigt, bei denen Rainer klassische Skulpturen übermalt hat. Nur nicht mit der gleichen expressiven Geste der achtziger Jahre. Vielmehr ist es eine zurückgenommene Übermalung. Als hätte man die Skulpturen mit einem farbigen Spot lediglich sanft beleuchtet. Eine gewisse Poetik ist diesen Arbeiten eingeschrieben, die im obersten Teil der Ausstellung mit den hauchdünn in Pastellfarben bemalten Gipsköpfen harmonieren.

Ein Zusammentreffen zweier Giganten der Gegenwartskunst: Dramatisch inszeniert und dennoch harmonisch.

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MARKUS LÜPERTZ & ARNULF RAINER

BILDENDE KUNST

Ausstellungsdauer: 29/05 – 26/10/2015

Arnulf Rainer Museum, Josefsplatz 5, 2500 Baden

Mehr unter: www.arnulf-rainer-museum.at