GEHEIMNISKRÄMEREI | RITA MCBRIDE

GEHEIMNISKRÄMEREI | RITA MCBRIDE

Der Blick durch ein Schlüsselloch ist sowohl intim als auch verboten. Und doch hat ein Jeder von uns schon mal durch eines hindurch geschaut. Es ist die unbändige Neugier: Die Frage nach dem, was sich hinter der verschlossenen Tür verbirgt. Ein voyeuristisches Moment.

Was, wenn man wie Alice im Wunderland nur einen Trunk bräuchte, um durch ein Schlüsselloch zu schlüpfen? In der aktuellen Ausstellung von Rita McBride in der Konrad Fischer Galerie Düsseldorf ist genau das möglich – auch ohne Zaubertrank. Durch ein überdimensionales Schlüsselloch kann man von einem Raum in den anderen gelangen: In leicht geduckter Haltung steigt man nicht nur durch eine riesige Schablone – in der sich mehrere in der Größe variierende Schlüssellöcher befinden – sondern auch durch die Wandöffnung, vor die sie gelehnt wurde. Man hätte die Schablone auch hängen können, die dazu gehörige Vorrichtung ist schon da. Wie würde sich unsere Wahrnehmung ändern? Würde man dennoch durch die Öffnung hindurch steigen? Nehmen wir es im gehängten Zustand nur mehr als Bild wahr?

In den Ausstellungsräumen sind nicht nur die Stahlschablonen an die Wände gelehnt oder gehängt, sondern auch die (dazugehörigen) Positive: Schlüssel, Schlösser und Türrosetten. Sie sind überdimensional, flach und aus Stahl. Sie stehen am Boden, sind an die Wand gelehnt und sehr sporadisch im Raum verteilt. Kein Schlüssel gleicht dem anderen. Sie gehören alle einer Familie an und sind trotzdem unterschiedlich. Aber nicht einzigartig: Die Lasercut Methode verrät eine mögliche, serielle Produktion. Doch welche Funktion haben diese Schlüssel noch? Sie öffnen keine Schlösser, keine Türen und geben keine Geheimnisse preis. Oder vielleicht doch?

Der Titel der Ausstellung: Gesellschaft. Welche Funktion hat der Schlüssel in unserer Gesellschaft? Zunächst gibt es zwei Seiten der Betrachtung: Bleibt mir etwas verborgen oder beschütze ich etwas? Was ist ein Schlüssel wert, wenn ich nichts über das dazugehörige Schloss weiss? Wird er dann zu einem Symbol? Zu bloßen Kitsch?

Der Schlüssel kann aber auch Macht bedeuten: Desto mehr Schlüssel man besitzt, desto mehr Zugang hat man zu Räumen und Inhalten, die Anderen verwehrt bleiben. So wird der gigantische Schlüsselbund im oberen Geschoss der Hinterhofarchitektur zu einem Machtsymbol, dessen immenses Gewicht nur mehr von einem Flaschenzug gehalten werden kann. Reicht der bloße Besitz eines Schlüssels, um Macht oder Kompetenz zu erlangen?

Diese Frage könnte man Rita McBride stellen: Seit 2013 ist sie die Rektorin der Kunstakademie Düsseldorf. Ihr Schlüsselbund und ihre vermeintliche Macht dürfte folglich auch gewachsen sein, trotz aller Kritik. Sie hat versucht die Strukturen der Institution und damit auch unserer Gesellschaft zu verstehen. All die Barrieren und Kontrollpunkte, die man nur mit den richtigen Schlüsseln oder Passwörtern überwinden kann. Sieht so eine Kunstakademie aus? Oder unsere Gesellschaft? McBride, die sich mehr als Künstlerin denn als Rektorin versteht wie sie kürzlich in einem Interview betonte, findet in dieser reduzierten und dennoch starken Ausstellung ein Sprachrohr: Persönlich und kritisch. Getarnt als Nostalgie. Ein Plädoyer für eine offene Kunstakademie.

Am Ende bleiben dennoch Geheimnisse ungelüftet: Etwa, was es mit dem Thermometer auf sich hat, das McBride in jedem Raum auf einem Schlüssel angebracht hat. Denn die Gradzahlen lassen sich nicht einfach ablesen. Um dieses Zahlsystem zu entschlüsseln, bräuchte man wohl selber einen „Schlüssel“.

// Sabrina Möller

//

RITA MCBRIDE. GESELLSCHAFT

Ausstellungsdauer: läuft bis zum 25. Juli 2015

Konrad Fischer Galerie, Platanenstrasse 7, DE-40233 Düsseldorf

Mehr unter: www.konradfischergalerie.de