Cody Choi
The Thinker, December #3, 1996
Toilettenpapier, Pepto-Bismol, Holz, Leim 
111,8 x 91,4 x 27,9 cm
Courtesy of PKM Gallery
Foto: Katja Illner

DAVID IN DER KRISE | CODY CHOI

In der Bibel ist er ein Superheld: David. Für seine unerschrockene Tat, den mächtigen Goliath mit nur einem Stein zu erschlagen, ehrte ihn auch Michelangelo: In einer Skulptur, die den Moment vor dem Abwurf des Steines festhält. Ein Körper, der von Spannung und Muskelkraft geprägt ist. Eine Kämpferpose, die westliche Kunstgeschichte geschrieben hat. In der weltweit ersten Retrospektive von Cody Choi (*1961, Seoul) – mit dem Titel „Culture Cuts“ – in der Kunsthalle Düsseldorf gibt es auch einen David. Die Pose verrät, dass es sich um ein Zitat Michelangelos handelt. Doch von David, dem unerschrockenen Kämpfer, ist hier nicht mehr viel zu sehen. Der Stein, den er einst an seine linke Schulter presste, ist in die rechte Hand gewandert. Der linke Fuss steht in einem koreanischen Zinn-Waschbecken. Keine Spur von angespannten Muskeln, kein Zeichen eines baldigen Kampfes. Vielmehr ist es eine lasche Haltung. Und tatsächlich ist es auch nicht David, sondern ein Selbstporträt von Choi – als David.

Choi als Superheld? Was im ersten Moment nach einem gewissen Narzissmus schreit, weist eine durchaus kritische Dimension auf: Denn wer ist David nun wirklich? Der junge Schönling, wie er in der Bibel beschrieben wird? Der männliche Kämpfer, wie Michelangelo ihn zeigt? Oder das Symbol der Homosexuellenszene in New York? David hat seine Identität verloren. Oder seine Identität wurde vielfach fremdbestimmt. Choi möchte also nicht in die Rolle des Helden schlüpfen. Es ist die Identitätskrise, die ihn mit David vereint. Wie war es wohl, als Choi 1983 mit seiner Familie aus Südkorea nach Amerika fliehen musste? Wie groß waren die Welten, die dort aufeinander prallten? In Zeiten, in denen es noch kein Google gab und die Globalisierung visuell noch nicht greifbar war? Das kann ein Schock sein. Für Choi ein kultureller Einschnitt, den er nicht verdauen konnte. Und das nicht nur im metaphorischen Sinne: Pepto-Bismol, eine knallpinke, magenberuhigende Volksmedizin in Amerika, wurde zu seinem täglichen Getränk.

Die Frage nach der eigenen Identität konfrontiert auch den Betrachter beim Betreten der multimedialen Ausstellung. Im ersten Raum ist ein riesiger Spiegel von Gerhard Richter angebracht: Man kann sich einer kurzen Selbstprüfung kaum entziehen. Doch die Aufmerksamkeit wird schnell auf das neon-pinke Objekt in der Mitte des Raumes gelenkt. Es ist eine der wichtigsten Arbeiten von Choi: Der Denker. Ein Rodin Zitat aus Toilettenpapier, getaucht in das pinke Pepto-Bismol, das Choi im Übrigen auch zum Malen verwendet. Da hockt er also auf einer Transportkiste mitten im Raum, umgeben von einer Vielzahl kleinerer Klopapier-Skulpturen. Nur, warum ist da so ein großes Loch in der Kiste? Ein Foto an der Wand gibt Aufschluss: Unbekleidet sitzt Choi in der „Denker“- Pose in einer Öffnung. Sein Gesäß und die Genitalien verschwinden in der Kiste. Er sitzt auf der Toilette; im westlichen Stil. Damit visualisiert er den eh schon schreienden Verweis auf seine Verdauungsprobleme, der sowohl dem Klopapier wie auch dem pinken Chemiecocktail eingeschrieben ist. Eine Wunderwaffe, die er auf dem „Golden Boy Poster“ wie in einer poppigen Werbung in Richtung Kamera hält.

Es bleiben nicht die einzigen Zitate: Denn sich zu assimilieren, ist eine Herausforderung und assimilieren ist auch der Appropriation Art eigen. Während sich in einem Seitenraum Zitate von Van Gogh oder Francis Bacon finden, gibt es hier – im ersten Raum – neben Manet’s Olympia Malereien im Stil von Gerhard Richter. Eine dieser Malereien ist an die Wand gelehnt. Sie steht nicht auf dem Boden, sondern auf kleinen Stoffschuhen, die bemalt sind mit den Logos bekannter Sportfirmen. Ein Verweis auf eine Zeit, in der sich die Kinder in Südkorea noch keine Markenschuhe leisten konnte. Das blonde Haar der Malerei reflektiert den Traum Choi’s – und vieler anderer Koreaner – nach blonden Haar. Richters Werke – die sämtliche Rekorde sprengen – als Vertreter des Westens, des Kapitalismus, auf Kinderschuhen?

Mobiles aus Gewehren und M&M’s verweisen im zweiten Geschoss auf die Militärdiktatur, die im Kindesalter von Choi in Südkorea herrschte. Der restliche Raum ist von Holzboxen durchzogen. Die Löcher erinnern an das Podest vom „Denker“. Aus kleinen Kisten – gehalten durch Gurte – wurde ein Turm gebaut. Die Boxen sind Selbstporträts auf Energieniveau. Denn im Buddhismus geht man davon aus, dass die Energie eines Körpers im Raum bleibt. Die Boxen bestehen aus zwei Teilen: So kann ein Körperteil für eine gewisse Dauer in die Box gelegt werden. Der kulturelle Einschnitt wurde demnach materialisiert. Im Macho Tower war es ein Penis, der wie beim Geschlechtsakt eingeführt wurde. Was im ersten Raum in seiner Singularität noch funktionierte, wird in seiner ständigen Wiederholung oder durch die sexuelle Dimension nicht provokativer, sondern irgendwie plump. Eine Ausstellung, die zwischen high und low, zwischen kritisch und amüsant korreliert.

// von Sabrina Möller

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CODY CHOI. CULTURE CUTS

Ausstellungsdauer: 09/05 – 02/08/2015

Kunsthalle Düsseldorf, Grabbeplatz 4, D-40213 Düsseldorf

Mehr unter www.kunsthalle-duesseldorf.de