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MICHAEL KIENZER – ERFAHRUNGSRÄUME

 

DIE ZEITGENÖSSISCHE KUNST IST VON DER IDEE DER PASSAGE BESESSEN.

„Die zeitgenössische Kunst ist von der Idee der Passage besessen“, schrieb die renommierte Kunstkritikerin Rosalind Krauss Anfang der 1980er Jahre. Tatsächlich schaffte das neue Paradigma der Skulptur Passagen, Wege, Plätze und vor allem Erfahrungsräume. Die Idee der Passage im Sinne eines Durchganges oder eines Überganges erfordert einen Betrachter, der sich in Raum und Zeit bewegt. Doch was, wenn uns der Zutritt verwehrt bleibt? Wird die Passage dann zu einer unüberwindbaren Mauer, zu einer Grenze?

Diese Fragen könnte man sich stellen, wenn man die aktuelle Ausstellung von Michael Kienzer in der Galerie Thoman in Wien betritt. Ein riesiges Konstrukt aus kantigen Aluminiumstangen und -platten, die direkt aus dem Baumarkt zu kommen scheinen, wird in drei potentielle Passagen unterteilt. Eine fast schon leicht erscheinende Konstruktion, die erst durch das, was den Durchgang versperrt, eine massive Wirkung erhält: Gestapelte, massive Betonklötze, gekreuzte Aluminiumstangen und Bahnen aus schwarzen, vulkanisierten Gummi. Diese Objekte versperren nicht bloß den Durchgang, sondern legen unterschiedlich viel Raum frei – und damit auch den Blick auf das, was sich hinter dieser scheinbaren Grenze befindet. Eine Grenze oder eine Skulptur, die wie es scheint, noch wachsen will: Die Aluminiumkonstruktion im oberen, rechten Teil der Skulptur reicht weiter in den leeren Raum hinein und deutet eine Verlängerung an.

Man schafft es nicht, angesichts dieser Skulptur keinen Bezug zu aktuellen Problematiken herzustellen: Zu all den Flüchtlingen, die an den Grenzen abgelehnt werden. Zu den grausamen, unmenschlichen Szenarien, die sich an diesen Zwischenorten abspielen. Auch wenn es vielleicht nicht die explizit formulierte Intention von Haltung Vol. 9 ist: Sie rüttelt auf. Selbst, wenn sich diese Grenze hier in der Galerie einfach umgehen lässt.

WHO’S AFRAID OF RED, BLUE AND YELLOW?

Es sind die einfachsten, vorgefertigten Mittel, mit denen Kienzer die Raumwahrnehmung verändert. Auch für die Arbeit Three Colours Piece hat er sich im Baumarkt bedient: Styrodurplatten in den Farben grün, gelb und rosa werden zu tunnelartigen Gebilden zusammengesetzt und übereinander gestapelt. Jede Oberfläche reflektiert das Licht, doch durch die Tunnelkonstruktion wird der Effekt und dadurch auch die Intensität der Farben gebündelt. Ein kleines Metallobjekt in jedem der Tunnel fungiert als Blickpunkt und verstärkt so die Konzentration des Blickes.

Die Arbeit erinnert an die Installation Trailer, die Kienzer 2009 im Museumsquartier Wien installierte: Drei lange LKW Anhänger wurden im Inneren verkleidet, um präzise Räume zu erzeugen. Bemalt in den Grundfarben Rot, Blau und Gelb, wurden sie mit grellen, weißen Licht intensiv ausgeleuchtet: „Who’s afraid of Red, Yellow and Blue?“, hätte die Fragestellung mit Barnett Newman auch lauten können. In der Galerie Thoman hingegen sehen wir Material pur. Vorgefertigt, aber nicht weiter modifiziert.

Spannend ist, dass in der Arbeit Trailer die Begehung der LKW Anhänger durch den Betrachter ein wesentliches Moment war. Nun erscheint der Betrachter zwar immer noch eine wesentliche Rolle zu spielen, doch wieder einmal wurde ihm der Zugang verwehrt. Vielmehr ist er zu einem Beobachter geworden. Von außen. Doch nicht nur. Denn die Arbeiten von Kienzer scheinen nicht das Material in den Vordergrund zu stellen, sondern vielmehr den Zwischenraum zu formen. Und damit auch das, was außer- und innerhalb der Skulptur im nur scheinbar leeren Raum passiert.

Die Vermessung des leeren Raumes oder wie die Leere auf einfachste Art und Weise modellierbar ist, zeigt sich auch in der Skulptur Übertragung. Wieder eine Aluminiumkonstruktion, die in sich nicht abgeschlossen erscheint. Die Aluminiumstangen deuten eine Fortsetzung der Konstruktion hin zu einem rechteckigen Objekt hin an, die der Betrachter automatisch wahrnimmt. Man könnte den leeren Raum betreten. Doch irgendwie gibt es dennoch eine Art imaginäre Grenze, die einen davon abhält. Der Titel der Arbeit Übertragung könnte ein Indiz dafür sein, oder auch dafür, dass sich die Erfahrungen aus der Arbeit Haltung Vol. 9 hier wiederholen. Es gibt auch kleine, spannende Momente, die sich hier entdecken lassen: Eine dieser Aluminiumstangen ist tatsächlich eine Wasserwaage. Doch was ist das für ein kleines, quadratisches Metallobjekt in der Mitte, am Boden der Skulptur? Eine Art verschlossene Öffnung? Diese Frage bleibt offen.

Am Ende sind es simple Formen, simple Materialien und simple Eingriffe mit denen Kienzer überraschend komplexe Erfahrungsräume schafft.

// Sabrina Möller

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MICHAEL KIENZER

Ausstellungsdauer: noch bis zum 05. September 2015

Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, Seilerstätte 7, A-1010 Wien

Mehr unter: www.galeriethoman.com