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Künstler sind exzentrische Individualisten, meistens jedenfalls. Christian Eder (*1964) und Peter Paszkiewicz (*1943) beweisen, dass es auch gemeinsam funktionieren kann. Trotz Individualismus und dem scheinbar ewig andauernden Wettstreit zwischen Malerei und Bildhauerei. In der Artmark Galerie vereint die aktuelle Ausstellung Linie – Dichte konkrete Malerei mit minimalistischer Skulptur. Paragone delle arti 2.0? Anna Maria Burgstaller hat nachgefragt …

Wie kommt es dazu, dass zwei Individualisten aus verschiedenen Bereichen der Kunst bereits zum vierten Mal gemeinsam ausstellen? Wo nahm die Geschichte ihren Anfang?

Christian Eder: Ich wurde vom Künstlerhaus Wien dazu eingeladen eine Ausstellung zu machen. Bis dahin kannte ich wenige Bildhauer, die reduziert und abstrakt arbeiten. Die Kuratorin Silvie Aigner konnte mir aber einiges an Material zur Verfügung stellen – darunter auch Arbeiten von Peter Paszkiewicz. Ich hatte sofort den Eindruck, dass er mit einer extremen Sensibilität an das Material herangeht und dass er mit scheinbar minimalen Eingriffen den Stein schweben lässt. Es ist ein Spiel mit ganz leichten Abweichungen von einer Form, von einer Linie. Genau hier sehe ich das Bindeglied zu meiner Malerei, da ich nicht versuche einen Gegenstand abzubilden, sondern ebenfalls den Betrachter herausfordere. Malerei als Auseinandersetzung mit Farbe, Linie und Materie.

In der aktuellen Ausstellung Linie – Dichte sind zwei Medien vertreten: Malerei und Skulptur. Der gewählte Titel deutet bereits Unterschiede an, während die Malerei im Wesentlichen auf die Linie konzentriert ist, präsentiert sich die Skulptur dicht und undurchdringlich. Was hat es mit dieser Begrifflichkeit auf sich?

Peter Paszkiewicz: Ganz einfach: die Malerei findet auf der Fläche statt und die Skulptur arbeitet mit Materie. Insofern gibt es ein Volumen und eine Dichte, wobei die Räumlichkeit auf beides zutrifft. Ich sehe hier keine Kollision.

Christian Eder: Der Ausstellungstitel verdeutlicht unsere Ansätze, die sich überschneiden und zeitgleich auch konträr sind. Das Spannende dabei ist, dass der Betrachter zum Rätseln kommt. Man erkennt sehr viele Berührungspunkte, und trotzdem ist es bei gleichzeitiger Harmonie so konträr. Diese verbindenden Widersprüche spielen bei uns beiden eine Rolle. Der Titel Linie – Dichte spielt genau mit eben diesem Gegensatz. Bei Peter ist die Oberfläche eine Linie, die gekrümmt wird. Auch bei mir gibt es eine Linie, die dicht neben die anderen gesetzt wird.

Darf man diese Konstellation als neue Interpretation des ewigen Wettstreits der Künste verstehen? Wie ist die Diskussion um die Rangfolge von Malerei und Skulptur im heutigen Kontext zu sehen?

Peter Paszkiewicz: Es gibt natürlich eine Rangfolge, aber nicht zwischen Skulptur und Malerei, sondern ganz allgemein. Es geht rein um die Qualität, nur dadurch entsteht eine Rangfolge. Denn Qualität ist die intelligentere Lösung. Wir fühlen uns wohl in der Kunst, weil wir keine Antworten zu geben brauchen, denn Kunst funktioniert nicht über die Vernunft.

Christian Eder: Die neue Wahrnehmung hat sich über die Digitalisierung stark verändert. Es macht einen Unterschied, ob ich etwas unmittelbar vor einem Bild begreife, oder ob ich etwas von einem Computerbildschirm aus wahrnehme. Das sinnliche Begreifen funktioniert über einen Computer nicht. Um Dinge zu begreifen, muss man sie unmittelbar wahrnehmen, eine Skulptur will man angreifen. Was bei der Skulptur der Meißel ist, ist in der Malerei der Pinsel – beides dient der Übertragung von der Idee auf den Gegenstand. Mich hat die Diskussion um die Stellung von Malerei und Skulptur nie wirklich aufgeregt. Es sind zwei mögliche Zugangsformen, die sich ergänzen können. Die Bildhauerei hat aber einen klaren Vorteil gegenüber der Malerei: man kann sie im wahrsten Sinne des Wortes begreifen. Das Betasten des Gegenstandes leitet einen Prozess des Verstehens ein.

Die Paragone delle arti begann bereits in der Renaissance, nun scheint aber bis heute keine befriedigende Antwort darauf gefunden zu sein. Ein Grund dafür könnte die Unfähigkeit der Sprache sein, das tatsächliche Werk genügend zu erfassen. Doch wie sollte man Kunst bestenfalls erfahren, wenn Sprache an ihre Grenzen stößt?

Peter Paszkiewicz: Kunst muss man erleben. Wir nehmen Kunst über das Visuelle wahr, bei der Skulptur kommt dann noch das Haptische dazu. Nichts existiert ohne Gegenüber. Wenn es eine konstruktive Korrespondenz mit dem Gegenüber gibt, dann ist das ein Glücksfall – eine Multiplikation an Sinn. Das tritt unter Umständen ein, wenn Skulptur und Malerei in einem Raum gemeinsam präsent sind. Es ist aber keine Symbiose in dem Sinn, weil es seine eigene Position behält. Bei solchen Individualisten ist das auch nicht weiter verwunderlich. Aber die Werke korrespondieren, denn was kein Gegenüber hat existiert praktisch nicht. Wenn zwei Künstler nur an sich denken, dann kann das nicht funktionieren.

Christian Eder: Die Skulpturen ergeben eine unglaubliche Bereicherung. Ich hab mir auch schon öfters überlegt, warum das genau bei uns beiden so gut funktioniert, denn so eine Zusammenarbeit gibt es eher selten zwischen Künstlern. Die Antwort ist einfach: Es funktioniert, weil der Inhalt so wichtig ist und es keine Eitelkeiten gibt. Niemand von uns hätte ein Problem damit, Arbeiten umzuhängen oder wegzuschieben. Es geht uns immer um den Inhalt, das ist das Zentrale. Irgendwie gibt es zwischen uns immer eine stillschweigende Übereinkunft ohne viel darüber zu diskutieren.

Nun beginnt jede Ausstellung mit einem leeren Raum. Welche Punkte waren Ihnen bei der Auswahl und Aufteilung der Werke wichtig?

Peter Paszkiewicz: Wir hängen und positionieren miteinander, wir kennen die Haltung vom Anderen. Der springende Punkt dabei ist die soziale Kompetenz. Das Korrespondieren ist in der Kunst sehr wichtig, man sollte keine Isolation anstreben. Wir haben ein Gegenüber und wir müssen uns damit auseinandersetzen, nur dadurch lernt man.

Christian Eder: Mir ist ziemlich egal, ob wir mit der Hängung meiner Bilder oder mit der Platzierung der Skulpturen beginnen. Die Vorarbeiten sind die zahlreichen Gespräche, der Rest läuft praktisch intuitiv ab. Peter stellt seine Arbeiten hin und wir sehen Entsprechungen, und die Anordnung ergibt sich ohne große Kommunikation meist von selber.

Welche Rolle spielt die Beziehung zwischen Kunst und Raum?

Peter Paszkiewicz: Es sollte möglichst eine Multiplikation zu Stande kommen. Ein Raum kann sehr vielfältig sein, mit der Geometrie zwischen den Dingen kann einiges passieren.  Wenn man intuitiv vorgeht, hat man die Ratio auch immer dabei. Im besten Fall findet man einen Ort, für den die Skulptur bestimmt ist. In dem Fall kann man die Skulptur dazu komponieren und in die bestehende Ordnung harmonisch einfügen.

Christian Eder: Das läuft bei uns so automatisch ab, auch wenn meine Bilder nicht unbedingt Räumlichkeit suggerieren. Peter kann das mit seinen Objekten viel besser, warum soll ein Bild immer räumlich sein? Ich wollte in einem Bild nicht das machen, was die Fotografie viel besser kann. Mich haben starke Zweifel beschlichen, ob diese abendländische Vorstellungs- und Interpretationsweise von räumlicher Darstellung überhaupt stimmt. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich über die Fläche alles ausdrücken kann, da braucht es nicht mehr. So kam es zu der Auseinandersetzung zwischen Fläche und Linie, oder zwischen den Linien selbst.

Wie kommt es von der Idee zum fertigen Werk? Erfordern verschiedene Medien verschiedene Arbeitsweisen?

Peter Paszkiewicz: Generell ist es so, dass wir alle Individuen sind. Im Äußeren sowie Inneren unterscheiden wir uns. Wir denken verschieden und formulieren Ideen anders. Ich kann nichts Dreidimensionales zweidimensional planen. Außerdem lasse ich keine Arbeitsspuren stehen. Skulptur ist für mich ein geistiges Ding, ich will dieses martialische nicht an der Skulptur dranlassen. Erst beim Schleifen des Steines sieht man die Materie, dann wird die Oberfläche durchsichtig.

Christian Eder: Ich wurde einmal gefragt, wo meine Skizzen zu den Bildern sind. Doch ich bin kein Architekt, ich muss keinen Nachweis führen. In meinen Bildern ist alles drin, der ganze Prozess. Insofern ist das fertige Bild ein Protokoll. Der Begriff des Spiels ist für mich etwas ganz Elementares. Es bezeichnet das Herantasten an eine Situation, in der grundsätzlich alles möglich ist und gleichzeitig nichts. Ein Spiel zwischen Kontrolle und Scheitern.

Peter Paszkiewicz: … das bedeutet, man will was. Die Faszination lässt einen zittern, aber man weiß noch nicht, wie es sich formulieren wird. Es entsteht erst und wird immer klarer, indem man es tut. Wenn man dabei zu zwanghaft ist, wird es problematisch: Das Eine darf nicht sein, das Andere muss sein, und dazwischen ist kein Lebensraum. So geht es nicht, man braucht einen Spielraum. In unserer Arbeit riskieren wir das Scheitern. Dieses Scheitern hat aber etwas Konstruktives, vorausgesetzt man zieht die Konsequenzen daraus. Das Bild ist Definition des Zeitraumes, in dem es passiert. Es ist keine Hypothese, aber ein Beleg. Insofern ist das Werk eine Mitteilung, man macht es nicht für sich allein.

Vielen Dank!

// Interview von Anna Maria Burgstaller

 

Linie – Dichte | Christian Eder.  Peter Paszkiewicz

Ausstellungsdauer: 13.8. – 12.9.2015

Artmark Galerie, Singerstraße 17, 1010 Wien

Mehr unter www.artmark-galerie.at