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Der Designer Maximilian Rittler (*1990) war bei den Austrian Fashion Awards 2015, die am 08. September in Wien stattfanden, unter den vier Nominierten für den Modepreis des Bundeskanzleramts. Sein Interesse an Kunst und Architekturgeschichte ist die Quelle seiner Inspiration. Er verwendet, verändert und verwandelt semiotische Codes aus der Kunstgeschichte in seiner kreativen Arbeit. Sabrina Möller besuchte Maximilian Rittler und hat mit ihm über seine Arbeitsweise und seine Leidenschaft für die Alte Meister gesprochen …

Maximilian Rittler Courtesy: Maximilian Rittler

Maximilian Rittler
© Naa Teki Lebar www.naateki.co.uk

Kunst und Fashion. Fashion und Kunst. Zwei Themenbereiche, die sehr viele Schnittstellen zueinander aufweisen. Mit der Louis Vuitton und Prada Foundation wird diese Verbindung nun auch immer stärker demonstriert. Warum ist die Kunst zur Zeit bei großen Labels ein so großes Thema?

Die Kunst und Künstler sind wie ein riesengroßer Pool an Inspiration. Kunst ist unfassbar wertvoll – und das ganz abgesehen von dem reellen Wert, den ein solches Kunstwerk hat. Modelabels können darüber hinaus diese Kunstwerken verarbeiten, indem sie die Inspirationen in ihre Entwürfe einfliessen lassen. Das ist rechtlich im Übrigen auch leichter, wenn man das Kunstwerk selber besitzt. Für mich ist die Auseinandersetzung mit Kunst wichtig. Vielleicht ist das Sammeln von Kunst auch prestigeträchtig: Interesse an Dingen zu zeigen, die allgemein als schön oder wertvoll verstanden werden.

Für dich ist die Kunst eine sehr wichtige Inspirationsquelle. Wie kam es dazu?

Ich habe schon immer leidenschaftlich gerne gezeichnet und gemalt – seit dem Kindergarten. Oft hat meine Schwester für mich die Hausaufgaben gemacht, während ich Dinge gezeichnet habe, die mich beeindruckt haben. Eine Art der Verarbeitung von Geschehnissen und Erlebnissen. Danach war ich auf einem Kunstgymnasium, das war das absolut Richtige für mich. Man weiß in einem Alter von 10 Jahren vielleicht noch nicht, was man werden will, wenn man groß wird. Doch mir war klar, dass ich die Kunst brauche.

Wie kam dann der Sprung zur Mode?

Für mich ist die Mode auch ein Teil der Kunst.  Tatsächlich hatte ich mich vor dem Beginn meines Studiums mit Mode noch nicht auseinandergesetzt. Mich hat der Sprung von der zweidimensionalen Zeichnung zum dreidimensionalen Objekt interessiert. Für mich war die Idee ganz verrückt, dass jemand das dann sogar tragen könnte. Wenn du Mode macht, kreierst du nicht nur etwas kreatives, sondern auch etwas, das nützlich ist. Eine Jacke braucht man schließlich, wenn es kalt ist. Dieser funktionale Aspekte hat mich interessiert.

Wie funktioniert bei dir der Schaffensprozess von der Idee zum finalen Kleidungsstück? 

Es ist vergleichbar mit dem Malen eines Bildes. Ich beginne mit einer Idee und entwerfe dazu Skizze, die ich permanent weiterentwickle. Man macht einen Schnitt, probiert verschiedene Dinge aus und – das ist auch sehr wichtig – sucht nach passenden Materialien. So wie sich der Künstler die passenden Farben für ein Ölgemälde aussucht, so suche ich mir Stoffe aus, bearbeite sie oder entwickle eine Idee von einem Stoff. Natürlich ist man dabei bis zu einem gewissen Grad an das Material gebunden, aber die Textilindustrie ist sehr erfinderisch, sodass es nie fad wird. Mich macht die Mode fast schon süchtig. Wenn du die einmal Mode dein Ding ist, dann kommt man so leicht nicht mehr davon los, sie ist sehr erfüllend. Auch wenn es dennoch manchmal schwierig ist.

AFA Austrian Fashion Awards2015 Designer: Maximilian Rittler ©Maximilian Pramatarov

AFA Austrian Fashion Awards2015
Designer: Maximilian Rittler
©Maximilian Pramatarov

Das erscheint mir fast schon charakteristisch für kreative Jobs: die Prozesse sind ständig von ups and downs geprägt.

Ich hasse und liebe es. Selbst, wenn ich es manchmal hinwerfen möchte: Ich kann nicht ohne leben. Es ist katastrophal, aber nie langweilig. Doch am Ende hast du etwas mit deinen eigenen Händen geschaffen, das die Leute wirklich benutzen können. Das ist wirklich erfüllend.

Inwiefern wirst du in diesem Prozess von der Kunst beeinflusst? Besuchst du tatsächlich das Kunsthistorische Museum und greifst mögliche Inspirationen und Eindrücke direkt in deinen Arbeiten auf?

Grundsätzlich bin ich von ganzen vielen Dingen inspiriert: Das kann ein Musikstück sein, eine spannende Architektur oder eben Kunst. Man kann theoretisch sämtliche Bereiche aus dem Alltag miteinbeziehen. Ausstellungen im Kunsthistorischen Museum inspirieren mich. Gerade das Schmuckhandwerk und die Vielzahl an Ausformungen ist phänomenal. Ich muss kein Juwelier oder Goldschmied sein, um zu erkennen, wie viel Arbeit dahinter steckt. Doch um ein Kunstwerk besser zu verstehen oder es besser wertschätzen zu können, muss man mehr über den Hintergrund erfahren. Wer hat es kreiert? In welchem Land ist es zu welcher Zeit entstanden und unter welchen Umständen. Wenn man ein Renaissance Gemälde betrachtet, muss man sich schon vergegenwärtigen, was die Renaissance ausgemacht hat und was zu dieser Zeit geschichtlich und politisch passiert ist. Wenn ich ein Museum betrete, will ich das wissen und es verstehen.

Auch andere junge österreichische Designer wie Arthur Arbesser lassen sich durch die Kunst inspirieren. Während es bei ihm eher zeitgenössische KünstlerInnen wie Isa Genzken sind, sind es bei eher historische Bezüge und die schönen Künste. Was fasziniert dich an den Alten Meistern?

Vielleicht sind es die Motive, die mich besonders ansprechen. Auf den Werken passiert so viel auf einmal. Wenn du dir ein barockes Gemälde anschaust, erzählt es eine Geschichte. Es ist fast wie in einem Buch, das du liest: du schaust von links oben nach rechts unten und erst dann fallen dir all diese phantastischen, kleinen Szenen auf.

Heute hat alles ein so schnelles Tempo: etwa Filme mit über 20 Bildern pro Sekunde. Alles was langsamer ist, wirkt fast schon langweilig. Doch diese Bilder sind anders: du wirst unterhalten, erkennst Dinge und die Gleichzeitig von Geschehnissen in einer Aufnahme. Als Designer lege ich Wert auf das Material und diese Bilder spiegeln für mich dieses Kunsthandwerk und die Wertschätzung im Umgang mit Material wider.

Maximilian Rittler Fall Winter 2015/16 Foto:© Teki/ gutekatzephoto.com

Maximilian Rittler
Fall Winter 2015/16
Foto:© Teki/ gutekatzephoto.com

Die Farben in deiner Kollektion sind eher zurückhaltend. Wobei es im Barock auch sehr farbenprächtige Malereien oder Landschaften gibt… Woran liegt das?

Ich verwende neben dunklen Tönen hauptsächlich die Farbe Rot. Es ist die wichtigste, schönste und tollste Farbe für mich.

Warum?

Rot ist sehr stimulierend. Rot ist mit Leidenschaft konnotiert, in welcher Geschichte auch immer – sei es nun Liebe, Wut oder einfach nur Tatendrang. Doch es hat auch etwas Humanes: Rot hat etwas mit unserer eigenen Sterblichkeit zu tun. Mit dem Bewusstsein, das man lebt, auch wenn das jetzt extrem schwulstig klingen mag. Rot ist allgemein eine Signalfarbe, die einen anspricht und die jeder versteht.

Mode muss dir entweder Spaß machen oder du bist am falschen Ort. Wenn es nicht intensiv ist, kommt auch nicht Gutes dabei heraus. Es muss dich faszinieren und einnehmen, dich überwältigen und dich auch ein bisschen kaputt machen. Rot ist super.

Sind grelle Farben ein Tabu?

Eigentlich nicht, aber dadurch dass ich zumeist Rot verwende, sind die anderen Farben eher eine Art Rahmung. In meiner jetzigen Kollektion habe ich eigentlich immer nur Beige- und Brauntöne verwendet. Weiß und Schwarz gelegentlich. Ich will nicht sagen, dass es einen geschlechtsspezifischen Unterschied zwischen den Farben gibt, aber natürlich stellt man sich als Designer die Frage, welche Farben ein Mann oder eine Frau tragen würde. Mode zu machen, die einfach nur total verrückt und wild ist, hat auch seinen Wert, aber ich möchte auch immer den Aspekt der Funktionalität berücksichtigen.

Formal betrachtet gehst du da etwas „verrückter“ dran. Für deine derzeitige Kollektion hast du Kleider für Herren entworfen.

Ich bin mir sicher, dass der Prozentsatz an Herren, die Kleider tragen, sehr gering ist. Meine Inspiration war das klassische Herrenhemd. Ein Produkt, das eindeutig als maskulin identifiziert wird. Für diese Kollektion war die Rüstung ein Thema, sodass das Kettenhemd mit eingeflossen ist und mich motiviert hat, ein langes Kleid zu entwerfen. Früher haben die Herren auch oft Kleider  getragen. Für mich passt das gut zusammen.

Maximilian Rittler Fall Winter 2015/16 Foto:© Teki/ gutekatzephoto.com

Maximilian Rittler
Fall Winter 2015/16
Foto:© Teki/ gutekatzephoto.com

Das Thema Rüstung ist ja unglaublich männlich konnotiert und vermittelt zudem eine gewisse Brutalität. Wie kam dir die Idee dazu?

Tatsächlich wurde ich durch eine Fernsehserie – einen Ritterepos – dazu inspiriert. Rüstungen haben mich schon immer fasziniert .

Was ist das Spannende an dem Thema Rüstung?

Die Auseinandersetzung mit dem Material von Rüstungen ist sehr anders. Es ist ein Bekleidungsstück, dessen einzige Funktion es ist zu schützen. Und obwohl alles auf diese einfache Funktion ausgerichtet ist, den Körper unverwundbar einzuhüllen, gab es kleine gestalterische Ausformungen und Details. Gewissermaßen ist das auch eine Annäherung an die griechische Mythologie, an diese Götterwelten, die eigentlich wie Menschen sind aber die doch nicht sterben können. Das Anlegen einer Rüstung ist vergleichbar mit dem Ablegen eines Gelübdes. Denn man muss auf seine Bewegungsfreiheit verzichten und das schwere Gewicht von 25kg bis 50kg ertragen. Doch dafür bekommst du eine gewisse Unverwundbarkeit im Gegenzug. Der Körper wird quasi aufgetuned. Großartiges Stück! Tolle Qualität! Mein neues Lieblingsteil!

Wie war dann der Übersetzungs- bzw. Übertragungsprozess des Themas in deine Kollektion?

Als ich mir die Frage gestellt habe, wie ich diese semiotischen Codes als Bekleidungsstück umsetzen kann, kam mir direkt die Daunen- bzw. die Winterjacke in den Sinn. Sie sind wuchtig und die Absteppungen erinnern an die Zusammensetzung einzelner Rüstungsglieder. Bei dem Thema und in dieser Kollektion habe ich mich wesentlich stärker auf Oberbekleidungen konzentriert – was durchaus durch das Thema selber begründet ist.

Vielen Dank für deine Zeit!

// Interview von Sabrina Möller

MAXIMILIAN RITTLER

Mehr unter: www.maximilianrittler.com