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Text von Janina Hoth

Unterschiedliche Düfte von Muskatnuss bis Pfefferminze treten beim Betreten des Ausstellungsraums in die Nase. Kleine, bunt-gehäkelte Säcke sind am Fußboden verteilt und tauchen die ganze Ausstellung in eine eigene Atmosphäre. Man möchte die Säcke hochheben, selbst daran riechen oder auf den zerstreut liegenden Instrumenten spielen. Zumindest scheinen die verschiedenen Objekte darauf zu warten, verwendet zu werden. Und tatsächlich: Man darf.

In der Ausstellung Aru Kuxipa im TBA 21 Augarten gibt es keine Schaukästen. Von der Decke hängen rosa und blaue Schläuche sowie Säcke aus Nylon, die mit Reis und Styropor gefüllt sind. Material und Formen sind zu einem Markenzeichen von Ernesto Netos Installationen geworden, die er schon bei der Biennale in Venedig oder dem Tate Modern verwendet hat. Die organischen Formen treten in Verbindung zu den gehäkelten „Duft“säcken in bunten Farben sowie eines großräumigen Netzes im zweiten Raum. Barfuß durchquert man den Raum und betrachtet die hängenden Formen an der Decke. Dann muss man sich ducken, um weitergehen zu können und steht unter dem Netz mitten in einem Versammlungsraum. Die Raumaufteilung folgt dem Konzept eines Rituals von der Initation hin zum spirtuellen Zentrum. Die organischen Formen im ersten Raum versinnbildlichen gegensätzliche Ideen wie das Irdische und das Spirituelle. Im zweiten Raum befindet man sich mitten im Transformationsort, in dem die Gegensätze aufgehoben werden.

Zusammen mit Pflanzenheilerinnen, Schamanen und Künstlerinnen der Huni Kuin entwarf Ernesto Neto das Konzept der Ausstellung, um in Wien die Kultur dieser kleinen indigenen Gemeinschaft aus dem Gebiet des Jordão-Flusses erlebbar zu machen. Wie der Titel der Ausstellung Aru Kuxipa (Heiliges Geheimnis) verrät, konzentrierten sie sich auf religiöse Motive wie den Transformationsprozess, Rituale sowie Heilungsverfahren. Das Formenspiel, die Instrumente und die Farben greifen auf Mythen und Erzählungen der Huni Kuin zurück. Die Gewürze und Kräuter wurden ausgewählt nach dem überlieferten Wissen über die heilende Wirkung von Pflanzen. Die traditionellen Instrumente für spirituelle Zeremonien liegen zur Benutzung bereit. Wie die Huni Kuin kann man den Versammlungsraum selbst als Ort der Meditation nutzen. All dem nähert man sich nicht über Texttafeln oder Schauobjekte. Die große Bedeutung von Pflanzenkunde für das medizinische und heilige Wissen sowie der Stellenwert von Ritualen in der Gemeinschaft der Huni Kuin erfährt man über die eigenen Sinne.

Neben diesem interkulturellen Austausch legte Neto auch Wert darauf, das Bestreben nach Souveränität der Huni Kuin zu unterstützen. In der expansionsorientierten Wirtschaft Brasiliens wird der Lebensraum indigener Völker immer mehr beschnitten.

Die Herausforderung für den Besucher besteht in der sinnlichen Erkundung des Raumes. Es darf gerochen, gehört und ertastet werden. Die BesucherInnen sollen zu Teilnehmern werden, die durch den Raum wandern und diesen mit all seinen sinnlichen Eindrücken auf sich wirken lassen. Kultur wird über die spielerische Erkundung des Kunstraumes näher gebracht und nicht übers Analysieren. Der Ausstellungsraum gibt keine Hinweise oder Regeln für eine richtige Benutzung. Alle Objekte sind miteinander verbunden und man muss sich selbst einen Weg der Erkundung suchen.

Jeder Besucher sollte diese Möglichkeit voll auszunutzen und die Säcke hochheben, daran riechen oder laut schniefen – das, was der neutrale Raum einer Kunstausstellung zumeist verbietet: Anfassen. Und das wird den meisten BesucherInnen vermutlich gar nicht so leicht fallen. So gehört auch die etwas zögernde und betretene Haltung, das vorsichtige Vortreten und der ahnungslose Blick zum Teil des Erlebnisses. Auch dies ist eine wichtige Erfahrung im Aufeinandertreffen von Kulturen. Wir sind auf einmal mitten in der fremden Gemeinschaft ohne die Regeln und Rituale zu kennen.

Die Künstlerinnen schaffen es, eine authentische Version der Kultur widerzugeben und dennoch steht der Vorwurf des Kitsches im Raum. Zu sehr haben sich die westlichen Blicke an die verwendeten Formen und Farben in sogenannten Ethnoshops gewöhnt, um nicht an kommerzialisierte Fabrikate erinnert zu werden. Der zweite Raum mit dem gehäkelten Netz, unter dessen Mitte ein Tisch mit Trommeln und Rasseln steht, weckt zwangsläufig Assoziationen mit romantisierten Vorstellungen exotischer Kulturen. Die spielerische Darstellung dieser komplexen Kultur erinnert auch an touristische Erkundungen.

Neben dieser kritischen Perspektive zeigt sich gleichzeitig die Stärke der Ausstellung. Die Künstlerinnen versuchten nicht über ein Verstehen und Erklären die Kultur näherzubringen, sondern über visuelle und sinnliche Elemente.

// Janina Hoth

Ernesto Neto and the Huni Kuin ~ Aru Kuxipa | Sacred Secret

25/06 – 25/10/2015

TBA21-Augarten, Scherzergasse 1A, A-1020 Wien

www.tba21.org