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Es sind nur noch wenige Tage bis zur ersten Ausgabe der viennacontemporary in der beeindruckenden Architektur der Marx Halle. Vom 24.-27. September 2015 wird Wien damit vier Tage lang zum Hotspot für zeitgenössische Kunst. Sabrina Möller hat mit Christina Steinbrecher-Pfandt – Künstlerische Leiterin der viennacontemporary – über die Hintergründe der neuen, alten Messe sowie den Kunstmarkt gesprochen und herausgefunden, was uns bei dem „Must-See-Event“ erwartet … 

Christina Steinbrecher-Pfandt • Artistic Director © viennacontemporary / Henk Jan Kamerneek

Christina Steinbrecher-Pfandt • Artistic Director
© viennacontemporary / Henk Jan Kamerneek

Gemeinsam mit deinem Team habt ihr in den vergangenen Monaten zwei Änderungen vollzogen: Einen Namenswechsel von der Viennafair zur viennacontemporary und einen Ortswechsel von der Wiener Messe hin zur Marx Halle.  Wie beurteilst du diese Entscheidungen bisher retrospektiv?

Tatsächlich gab es keine andere Möglichkeit. Wir sind international tätig, betreuen den internationalen Markt und dennoch haben wir unseren Messetermin in den vergangenen drei Jahren immer wieder gewechselt. Das ist auf internationalem Parkett nicht gesund! Und für dieses Jahr war die Location nur direkt vor der Frieze verfügbar. Der Termin ist nicht gut – für Aussteller und Sammler gleichermaßen.

Wir glauben an eine internationale Messe in Wien, deswegen mussten wir eine rationale Entscheidung treffen, einen passenden Termin finden und entsprechend verfügbare, geeignete Räumlichkeiten. Die Suche war nicht leicht, doch mit der Marx Halle haben wir nun eine gute Lösung und eine architektonisch spannende Location. Die Brand Viennafair konnten wir nicht kaufen, da die Reed Messe in Wien an ihren Marken festhält, deswegen haben die viennacontemporary gestartet. Diese Veränderungen basieren also auf absolut rationalen Entscheidungsprozessen, die wichtig für die weitere Entwicklung sind. Wir stehen dazu und wir freuen uns auf diese Messe!

Als Messe für zeitgenössische Kunst hattet ihr bisher keine Konkurrenz in Wien. Da jedoch die Namensrechte der Viennafair bei der Reed Messe Wien verblieben sind, herrscht allgemein eine gewisse Verwirrung. Denn die Viennafair findet auch in diesem Jahr wieder am altbekannten Ort statt. Mit neuem Team, jedoch ohne Ostfokus. Eine ziemliche Herausforderung, da nach außen hin für Transparenz zu sorgen.

Im Vorhinein haben wir uns mit unserem Komitee abgestimmt und die Mitglieder in den Prozess involviert. Wir haben persönliche Gespräche mit Galerien und Sammlern geführt: Mit dem Kern, aus dem unsere Messe besteht. Uns war wichtig, möglichst viel persönlich zu kommunizieren. Erst im nächsten Schritt haben wir eine internationale Aussendung gemacht, die mitteilte, dass das Team gleich bleibt und sich nur der Name ändert. Erstmalig konnten wir dabei einen Termin für die nächsten drei Jahre kommunizieren. Das ist eine neue, phantastische Situation für uns. Wir haben uns im letzten Jahr außerdem eine gute Visualität erarbeitet: ein reduziertes Auftreten, aber mit einem klaren Design und einer Leitfarbe. Das haben wir beibehalten, wodurch die Kommunikation sicherlich erleichtert wird.

Zwei Messen für zeitgenössische Kunst in Wien – kann das auf Dauer überhaupt funktionieren?

Das Programm der Viennafair wurde noch nicht publiziert, insofern kann ich mich damit nicht auseinandersetzen. Für mich ist zunächst die Messe viennacontemporary wichtig. Im Vergleich zum Vorjahr konnten wir 20% mehr internationale Galerien gewinnen. Und wir haben die beste Ausstellerliste seit Jahren. Das ist ein gutes Resultat. Doch zwei Messen in Wien – diese Situation hatten wir noch nicht. Daher können wir das wohl erst nach den Messen beurteilen.

Wie haben die partizipierenden Galerien und eure Partner auf diese Veränderungen reagiert? Die Erste Bank hat sich ja als Sponsor zurückgezogen …

Die Erste Bank hat sich ab November letzten Jahres zurückgezogen. Das hat jedoch nichts mit uns zu tun, sondern mit deren Corporate Policy. Mit JP Immobilien und der Sberbank haben wir zwei starke strategische Partner an unserer Seite. Wir werben weiterhin um Partner, führen Gespräche. Viele sind gespannt, wie die viennacontemporary dieses Jahr in der Marx Halle sein wird.

Ein klares Ziel war es auch, zunehmend internationaler zu werden. Nun konntet ihr 20% mehr internationale Galerien gewinnen – kannst du mir ein paar Beispiele nennen?

Aus Paris kommt als Neuzugang die Galerie Caroline Smulders. Sehr schön finde ich, dass die Galerie Hammelehle und Ahrens aus Köln dieses Jahr mit dabei ist. Auch aus Spanien und Skandinavien haben wir neue Teilnehmer. Im Messegeschäft entscheidet sich niemand spontan für eine Messe. Die Galerien setzen sich über Jahre damit auseinander und beobachten die Entwicklung. Wir wollen niemanden enttäuschen, sondern die Galerien weiter mitnehmen und zusammen arbeiten.

Euer Alleinstellungsmerkmal ist seit Jahren der Schwerpunkt auf Galerien aus dem Osten. Geographisch ist Wien dafür natürlich der ideale Standort, um eine Drehfläche zu bilden. Wie würdest du derzeit den Kunstmarkt im Osten im Verhältnis zum westlichen Kunstmarkt beurteilen?

Es kommt darauf an, was man vergleicht. Denn dem Kunstmarkt ging es sicherlich noch nie so gut und so schlecht zugleich. Viele Galerien schließen, während der Auktionsmarkt ständig neue Rekorde verzeichnet. Das sind zwei ganz konträre Entwicklungen. Aus der Sicht eines kleineren Marktes wie Österreich ist das schade, weil die Vielfalt an den Machern des Marktes zunehmend verloren geht.

Was Ost und West betrifft, sehen wir verschiedene Entwicklungen. Einige Länder entwickeln sich gar nicht, in anderen Länder wie Rumänien und Polen tut sich dank aktiver Kräfte sehr viel. Man kann nicht sagen, dass es Rumänien wirtschaftlich gut geht, aber sie haben herausragende Künstler. Viele Sammler und Galeristen waren schon vor Ort und haben sich umgeschaut. Das war die Kraft von verschiedenen Individuen. Ein Zusammenschluss von Menschen und das Ergebnis jahrelanger Zusammenarbeit.

Die Tendenz, dass der Auktionsmarkt immer stärker wird und Galerien zunehmend schließen wirft auch die Frage auf, wie die Zukunft von Galerien aussieht bzw. welche Konzepte in 5-10 Jahren noch funktionieren.

Ich kenne ein paar Galeristen, die zu einem Pop-Up-Galerie Format übergangen sind. Zwar arbeiten sie noch fest mit Künstlern zusammen und platzieren sie international in Ausstellungen, doch ein klassisches Galerieprogramm mit fixer Präsenz können sich viele nicht mehr leisten. Natürlich gibt es international Gegenbeispiele: einige wenige, die inzwischen etwa ihren 6. Space eröffnen. Doch das gilt einfach nicht für alle! Andere ziehen sich zurück und zeigen nur mehr Künstler, an die sie glauben. Das ist ein wichtiger Beitrag. Doch es kommt auch vor, dass diese Ausstellungen von großen Galerien gesehen und die Künstler abgeworben werden,  was wiederum weniger schön ist. Doch ich glaube, das ist etwas, was wir künftig viel sehen werden: Pop-Up-Galerien und Repräsentanz-Situationen.

Wie könnte sich eine tendenzielle Zunahme von Pop-Up-Galerien künftig auf Messen wie die viennacontemporary auswirken?

Wir werden, genauso wie die Galerien, ebenfalls neue Präsentationsformate entwickeln. Dieses Jahr gibt es mit „Reflections“ schon ein solches neues Format, das es den Galerien ermöglicht, kuratierte, kleine Ausstellungen auf der viennacontemporary zu präsentieren.

Nach welchen Kriterien wurde innerhalb des Komitees bei der Auswahl der Galerien entschieden?

Die Ausrichtung der Messe ist: Österreich, Osteuropa und international. Es würde schwierig werden, wenn diese Ausrichtung vom Komitee nicht angenommen wird. Doch unser Komitee agiert nach bestem Wissen und Gewissen in diesen Kategorien. Sie urteilen nach internationalen Maßstäben und setzen sich mit jedem Bewerber intensiv auseinander.

Warum sitzen im Komitee ausschließlich Galeristen? Wie sinnvoll ist das, wenn Galeristen über Kollegen und auch Konkurrenten entscheiden? Warum sind es nicht Kuratoren und Journalisten?

Darüber haben wir auch bereits nachgedacht. Kuratoren bringen sicherlich einen neuen Blickwinkel rein. Ich kann jedoch sagen, dass wir sehr glücklich mit der Arbeit unseres Komitees sind. Sie arbeiten das ganze Jahr über aktiv und laden viele Menschen ein. Wenn man in einem solchen Komitee Mitglied ist, muss man verstehen, wie eine Messe funktioniert, was eine Messe braucht und was die Galeristen, also die Kollegen, wollen. Nicht Jeder versteht das am Ende des Tages und Galeristen verstehen vermutlich besser als Kuratoren und Journalisten, wie eine Messe funktioniert. Wir diskutieren dieses Thema genauso wie andere internationale Kunstmessen, die ja nach dem selben Prinzip funktionieren.

Inwieweit unterscheidet sich die viennacontemporary in diesem Jahr von der bisherigen Viennafair?  Wird es experimenteller?

Ein wesentlicher Unterschied wird der Aha-Moment beim Betreten der Marx Halle sein. Denn sie ist einfach schön und verschlägt einem die Sprache. Ich bin sehr häufig vor Ort und freue mich unglaublich auf diesen Moment. Wir haben uns intensiv mit der Architektur und dem Ort auseinandersetzt und es ist toll, wie wir unsere Pläne umsetzen konnten.

In diesem Jahr haben wir ein Kino, das von Olaf Stüber kuratiert wird. Filme und Videos sind natürlich nicht neu, aber wir möchten dem Medium dennoch bewusst eine Plattform geben. Darauf freue ich mich! Viele Künstler arbeiten quer durch die Medien und dem möchten wir gerecht werden. Olaf Stüber hat ein tolles Programm kuratiert und die Galerien für bestimmte Positionen angefragt und eingebunden.

Vielen Dank!

// Interview von Sabrina Möller

viennacontemporary

24/09 – 27/09/2015
Marx Halle • Karl-Farkas-Gasse 19 • A-1030 Wien
www.viennacontemporary.at