Alte Post 1

 

Parallel Vienna findet bereits zum dritten Mal in Wien statt und bleibt seinem Prinzip treu leerstehende Immobilien in der Innenstadt als Präsentationsplattform für junge wie auch etablierte Kunst zu nutzen. In diesem Jahr nutzt die Parallel die Alte Post im ersten Bezirk als Plattform. Vor der Eröffnung heute Abend – am 22/09/2015 von 18-22 Uhr – haben wir mit dem Team der Parallel Vienna und Alexandra Grubeck  – zuständig für VIP’s und Special Projects – gesprochen…

 

Innenansicht  Alte Post, Wien Courtesy: Parallel Vienna

Innenansicht
Alte Post, Wien
Courtesy: Parallel Vienna

 

Aus welcher Idee heraus ist die Parallel vor drei Jahren entstanden? Gab es eine Art auslösendes Moment?

Es war unsere Freude am Tun und die Lust etwas neues, frisches in Wien zu starten. Daher ging diese Entscheidung sicherlich auch mit einer gewissen Unzufriedenheit mit den bestehenden Strukturen einher. Parallel – der Name ist Programm für die Art und Weise wie wir agieren. Wir wollen weiter wachsen und daher haben wir dieses Jahr auch einige neue Leute und Experten in unser Team geholt!

Der Titel „Another Destination“ verweist darauf, dass ihr jedes Jahr eine neue, spannende Location für das Format der Parallel Vienna auswählt. Einerseits durch die Idee motiviert, leerstehende Gebäude zu nutzen, andererseits um die Kunst aus dem White Cube Kontext zu reißen – wobei eure Locations auch ihren ganzen eigenen Charme versprühen. Welche Kriterien muss eine Location für euch erfüllen?

Es kann rau, offen, flexibel, großzügig und überraschend sein. Wir suchen wirklich diesen besonderen Charme, der aber auch jedes Jahr anders sein soll und sein wird. Diese derartigen Zwischennutzungen erfordern und ermöglichen unterschiedlichste Präsentationsmöglichkeiten: klein und groß, offen und geschlossen, alles wird auf unterschiedlichen Levels angelegt und gedacht. Das macht den speziellen Charakter unserer Messe aus – und befindet sich abseits der üblichen und eher anonymen Messeperfektion!

Dazu gehören auch Begriffe wie Patina, Historie, Atmosphäre und allgemeines Storytelling. Wir wollen nicht nur mit der Kunst sondern auch mit der Location immer wieder überraschen und wir freuen uns über entsprechende Kooperationen mit Immobilienentwicklern, wie heuer mit Wertinvest und der Soravia Gruppe.

Man könnte uns daher auch als enthusiastische Entdecker und Ermöglicher betrachten, was zwangsläufig zu teils recht improvisierten Situationen führt. Aber genau das ist es wiederum was uns gefällt und anspornt.

Der Kunstmarkt ist derzeit von einer gewissen Schizophrenie geprägt: Der Kunst geht es besser denn je und der Kunst geht es schlechter denn je. Während der Auktionsmarkt zunehmend explodiert und ständig neue Preisrekorde erzielt werden, schließen immer mehr etablierte Galerien und es eröffnen immer seltener klassische Galeriemodelle sondern eher Pop-Up Galerien. Wie beurteilt ihr diese Tendenzen? Hat das System Galerie in Zukunft ausgedient?

Nein, wir glauben, dass es sich lediglich verändert und sich ein Nebeneinander entwickelt. Es gibt durchaus anziehende Modelle, die teils kurzlebig und schnelllebig sind – und ebenso gibt es neue Produktionsmöglichen, die Gewohnheiten junger KünstlerInnen widerspiegeln. Das ist auch durchaus legitim und spannend. Doch so lustig und spannend sein mag: letztendlich ist überall Qualität und Ernsthaftigkeit erforderlich. Auch eine Pop-Up Initiative muss wissen was sie tut und was sie erreichen möchte.

Das klassische Galeriemodell wird sich teils anpassen müssen, teils aber genau durch seine traditionellen beständigen Werte auch weiterhin punkten: etwa durch langfristige Kundenbindung und -betreuung. Am Ende des Tages ist diese vertrauensbildende Maßnahme nicht zu unterschätzen. Einige Galerien verschwinden sicherlich – das passiert bereits jetzt – aber auch das gehört zum natürlichen Zyklus, der sich aktuell lediglich etwas verschärft. So wird neuen Formen Platz eingeräumt.

Die Parallel Vienna versammelt Kunstinitiativen aller Art: Kunstvereine, Galerien, Project Spaces und kuratierte Projekte. Eine Zusammenarbeit, die in Wien durchaus noch stark ausbaufähig ist. Inwieweit versteht ihr euch als Vermittler zwischen diesen einzelnen Positionen?

Wir sind selber sehr neugierig, jung und auch als Team sehr individuell. Heute reicht es nicht mehr Kunst generell bzw. Bildende Kunst spartentrennend zu betrachten. Genauso wenig gibt es eine „richtige Form des Ausstellens“. Gerade in der Interaktion miteinander oder einem fruchtbaren Nebeneinander zeigt sich erst die ganze Vielfalt künstlerischer Positionen. Dem möchten wir ein Forum bieten, eine Plattform schaffen, andere Leute neugierig machen und im besten Fall mit unserer Liebe zur Sache anstecken, eine Vielfalt an Perspektiven zeigen, andere als bisher gewohnte Zugänge ermöglichen und das Feld öffnen! Genau das spiegeln auch die unterschiedlichsten Präsentationsmöglichkeiten sehr gut wider. Nahezu alles ist möglich! Qualität und Authentizität bleiben dabei immer unsere wichtigsten Kriterien. Und der Rest wird sich weisen.

Die Stärkung des Standortes Wien ist auch durch eure Zusammenarbeit mit der viennacontemporary ein großes Thema. Welche Initiativen wären darüber hinaus wünschenswert?

Wir wollen generell ein breiteres Interesse an Gegenwartskunst wecken. Auch marktspezifisch gesehen, wünschen uns mehr Mut zu Spontankäufen – auch bei jungen, noch nicht so etablierten Namen. Wir sehen hier ein großes Potential in Wien, eine echte Chance, die allerdings durch die wirtschaftliche Unsicherheit und die doch sprichwörtlich etwas langsame, zögerliche Mentalität vor Ort etwas leidet. Und das obwohl Wien ja gerade durch seine Ost-/ West-Connection und seinen historischen Boden traditionell dafür prädestiniert ist!

Wien war und bleibt – so hoffen wir – immer kulturelles Zentrum, wobei das unserer Meinung nach noch extrem ausbaufähig ist, besonders im zeitgenössischen Sinn! Ein Mehr an international vernetzten und nicht bloß oberflächlich agierenden Initiativen wäre wünschenswert!

Eine monetäre Belebung des Marktes ist nötig für die Szene, auch um deren Flexibilität, Auskommen und Produktivität zu unterstützen! Das in Österreich langgediente Fördermodell wird sich nicht ewig derart fortführen lassen, gerade im mittleren Bereich fehlt es wirklich oft an nötigem Budget. Daher sind Kunstmessen wichtig – jede für sich und alle gemeinsam. Obwohl sich bereits viel tut und großes Interesse herrscht, bleibt es schwierig: der doch relativ enge Käuferkreis in Wien, die teils immer noch mangelnde Internationalität und vor allem eine echte Aufgeschlossenheit machen es nicht einfacher, auch hier am Standort Wien seine Käuferzahl erfolgreich zu vergrößern.  Die meisten Sammler sind heute sehr mobil und kaufen gerne auf Messen im Ausland. Daher wäre es wichtig den kleinen aber veranstaltungsmäßig potenten Standort Wien noch schärfer zu positionieren und auch Leute hier ganzjährig vor Ort mit einer guten, persönlichen Betreuung zu binden. Natürlich denken auch wir über lokale Grenzen hinaus, dennoch ist es gut ein Zugehörigkeitsgefühl – eine Basis – zu entwickeln.

Welche Schwierigkeiten und Herausforderungen seht ihr für den Standort Wien aktuell?

Das Klischee „klein und überschaubar“ kann von Vorteil sein, aber wandelt sich auch zum Bumerang. Wirkliche Investoren in großer Zahl fehlen nach wie vor – abgesehen von einigen großartigen Ausnahmen! Wir alle wissen, dass es sehr wohl Vermögen in Österreich gibt, schließlich sind wir ja das Land der Stiftungen, aber sowohl klassische Erben, Industrielle, Unternehmer als auch Nouveaux Richs investieren hier mit wenigen Ausnahmen meist immer noch lieber in Aktien, Autos oder Immobilien. Hier braucht es nach wie vor viel Aufbau- und Überzeugungsarbeit und das ist eine stetige Herausforderung. Auch den Leuten, die ab und zu – oft mit großer Freude, wenn sie ihre anfängliche Unsicherheit überwunden haben – Kunst kaufen, gehört mehr Aufmerksamkeit gewidmet.

Einen seltsamen Trend beobachten wir allerdings auch: viele (gescheiterte) Investmentbanker und ähnliche Personen versuchen es nun als Kunsthändler oder Art Advisors. Ihre mangelnde Expertise verunsichert jedoch potentielle Käufer und lässt die oft jahrelange Arbeit von Galerien durch ihren starken Fokus auf eine vordergründige Eventkultur – Stichwort „party-people go art scene“ – oder auch durch das Versprechen angeblich unglaublicher Gewinnspannen verblassen. Daher raten wir: immer prüfen, wem man vertraut! Galeristische Aufbauarbeit sowie kuratorische Vermittlung und seriöse, ebenfalls Inhalte und Hintergründe erhellende ernsthafte Beratung gehören generell mehr wertgeschätzt – gerade wenn man sich wirklich auf zeitgenössische Kunst und ihre Protagonisten einlassen möchte und bereit ist, Geld zu investieren. Vieles verflacht nach dem ersten Hype.

Die Parallel Vienna 2015 versteht sich als Kunsthalle, Messe, Galerie und Atelier. Wie seid ihr im Auswahlprozess vorgegangen bzw. welche Kriterien habt ihr euch formuliert, um diesen Anspruch – verschiedene Stationen des Kunstmarktes sowie der Produktion in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander zu präsentieren – gerecht zu werden?

Wir haben den Auswahlprozess mit viel Offenheit und ganz klaren Kriterien begonnen. Für uns wichtige Parameter sind etwa die Qualität, Authentizität, künstlerische Relevanz ebenso wie das, was ein Werk besonders und einzigartig macht. Stefan Bidner ist unser künstlerischer Leiter – und dazu noch ein sehr kompetenter! Er hat mehr als nur das letzte Wort! Seine Expertise und sein kritisches Auge garantieren messekonform natürlich Vielfalt, eine auch recht üppige, aber dennoch sehr überlegte Auswahl. Als „alter Hase“ in der Szene hat er die nötige Autorität und Glaubwürdigkeit. Allerdings ist er ein grundsätzlich wohlwollender Typ, daher ist bei ihm letztendlich einiges diskutierbar. Oft entstehen so besonders spannende Sachen und Türen werden noch im letzten Moment geöffnet. Die meisten Leute, Institutionen und auch Galerien haben wir gezielt eingeladen und freuen uns über das heuer besonders große Interesse! Wobei wir die numerische Ausgewogenheit der diversen Präsentationsformen grundsätzlich im Auge behalten – sie ist Teil des Konzepts.

Retrospektiv betrachtet – wie wird die Parallel angenommen? Und inwieweit ergänzt ihr mit eurem Programm die parallel stattfindende viennacontemporary?

Von Jahr zu Jahr gibt es mehr Interesse, eine stärke Bekanntheit und mehr Besucher. Wir sind sicher eine spannende Ergänzung und ergänzen uns gegenseitig. Dabei sind wir definitiv mehr cutting edge-orientiert als die viennacontemporary, wobei es nicht unser Ziel ist besser oder toller zu sein: das wäre ja völlig kontraproduktiv. Die beiden Formate lassen sich auch nicht wirklich miteinander vergleichen. Unser Profil war von Beginn an ein gänzlich Anderes, daher existieren wir gut nebeneinander – als eigenständiges Format. Nicht zuletzt deshalb nehmen auch viele etablierte Galerien gerne bei uns mit einem speziellen, meist jungen Statement teil.  Das freut uns natürlich! Wir kooperieren gerne!

Vielen Dank!

// Interview von Sabrina Möller

PARALLEL VIENNA 2015

OPENING: 22/ 09/ 2015 von 18-22 Uhr
PARALLEL VIENNA – ÖFFNUNGSZEITEN: 23/09 – 27/09/2015 von 12.00 – 19.00 Uhr
www.parallelvienna.com