Wien Products Collection Jubiläum im KHM © Kollektiv Fischka/Kramar

 

Die WIEN PRODUCTS Collection – initiiert von der Wirtschaftskammer Wien – hat in diesem Jahr ihr 10-jähriges Jubiläum gefeiert. Die Edition charakterisiert sich durch hochwertige Wiener Manufakturarbeit, die in Zusammenarbeit von Wiener Betrieben mit nationalen und internationalen DesignerInnen entwickelt werden. Gutes Design trifft dabei auf sorgfältige Umsetzung. Für die WIEN PRODUCTS Collection 2015 hat sich das Wiener Traditionsunternehmen Jarosinski & Vaugoin für den Designer Sebastian Menschhorn entschieden und mit ihm gemeinsam ein neues Besteck entwickelt. Wir haben Jean-Paul Vaugoin und Sebastian Menschhorn zum Interview getroffen …  

 

Sebastian Menschhorn bei der Präsentation der WIEN PRODUCTS Collection 2015 © Kollektiv Fischka/Kramar

Sebastian Menschhorn bei der Präsentation der WIEN PRODUCTS Collection 2015 © Kollektiv Fischka/Kramar

Sie wurden von Jarosinski & Vaugoin eingeladen, ein Produkt für die WIEN PRODUCTS Collection 2015 zu entwerfen. Eine Silbermanufaktur, die seit ihrer Gründung 1847 auf eine lange und vor allem vielseitige Geschichte zurückblickt. Was waren Ihre ersten Überlegungen, als Sie die Einladung erreicht hat?

Sebastian Menschhorn: Super, ein tolles Material und freie Hand! Zunächst wollte ich Vasen machen, doch dann dachte ich mir: 168 Jahre Tradition mit über 200 Bestecken, da muss auch ich ein Besteck machen! Eines, das superhaptisch ist. Die Formensprache von Hans Arp kam mir dabei gleich in den Sinn. Der Entwurfsprozess führte dann ohne viel Umwege sehr geradlinig ins Ziel.

Herr Vaugoin, warum haben Sie sich für Sebastian Menschhorn entschieden? Was hat Sie an seinen Arbeiten fasziniert?

Jean-Paul Vaugoin: Sebastian Menschhorn und ich kennen uns schon längere Zeit, insbesondere durch verschiedenste Projekte der Wirtschaftskammer Wien. Nachdem ich seine Entwürfe und Produkte sehr schätze, lag es für mich nahe Herrn Menschhorn zu fragen, ob er nicht Lust hätte mit uns zusammen zu arbeiten. Klar, im Vordergrund steht natürlich das Design beziehungsweise die Entwürfe der Designerin oder des Designers. Dennoch ist es hilfreich, wenn man eine gemeinsame Wellenlänge findet und ähnliche Vorstellungen hat.

Mit der Idee ein neues Besteck zu entwerfen knüpfen Sie auch an die Geschichte und die Identität des Unternehmens an, das seit Beginn handgeschlagenes Tafelbesteck für europäische Adelshäuser gefertigt hat. Inzwischen hat sich die Produktpalette jedoch wesentlich erweitert: Schalen, Leuchter, Schmuck und Kunstgegenstände aus Silber werden produziert. Warum war es Ihnen dennoch ein Anliegen, sich dem Besteck zu widmen? Schließlich ist das bei einem Unternehmen, das bereits über 200 verschiedene Besteckmuster unterschiedlicher Stilrichtungen gefertigt hat, eine Herausforderung.

Sebastian Menschhorn: Die lange Firmengeschichte mit all ihren Bestecken ist ganz besonders und auch ich wollte meinen Teil dazu beitragen und das Sortiment auf meine Weise ergänzen. Andererseits hatte ich einfach große Lust darauf! An lange Traditionen anzuknüpfen ergibt in der Regel einen spannenden Dialog.

Gab es seitens Jarosinski & Vaugoin konkrete Vorgaben oder Kriterien, die das neue Produkt erfüllen muss? War ein Besteck vorgegeben?

Jean-Paul Vaugoin: Nach zwei bis drei Treffen, in denen wir uns noch besser kennenlernten, die Parameter absteckten und auch über schon über ein Produkt sprachen, überraschte mich Sebastian Menschhorn als er meinte, doch ein anderes Produkt – ein Besteck – entwerfen zu wollen. Er traf mit dem neuen Konzept zwar genau meine Vorstellung, doch das war nicht vorgegeben. Wichtig erscheint mir, den Designer nicht einzuengen. Die einzige Vorgabe unsererseits ist das Material: Silber.

Für Ihren Entwurf des Bestecks waren unter anderem die Skulpturen von Hans Arp eine Inspirationsquelle. Was fasziniert Sie an diesen Skulpturen und welche Rolle spielt Kunst in Ihrem Alltag als Designer?

Sebastian Menschhorn: Arp war toll! So schöne und eigenartige Schöpfungen. Seine Skulpturen sind so unglaublich haptisch, geradezu zärtlich. Einmal habe ich in der Guggenheim Collection in Venedig den Alarm ausgelöst, weil ich einfach nicht widerstehen konnte eine seiner Skulpturen zu berühren. Heute steht sie unter einem Glassturz.

Kunst (sowohl bildende als auch angewandte) ist, für mich, Wahrnehmungserweiterung. Oft passt die Aussage eines Kunstwerkes zu meinen momentanen Überlegungen und daraus kann dann viel entstehen. Das Ganze ist jedoch viel weniger sachlich und viel sinnlicher als es vielleicht klingen mag.

Jarosinski & Vaugoin und Sebastian Menschhorn WIEN PRODUCTS Collections 2015 ©WienProducts

Jarosinski & Vaugoin und Sebastian Menschhorn
WIEN PRODUCTS Collections 2015
©WienProducts

Ein weiterer, wichtiger Aspekt für Ihren Entwurf ist das Ornament, das sich in der Kunst- und Architekturgeschichte vielmehr durch seine rein dekorative Funktion bzw. eine Symbolfunktion charakterisiert. Für Ihr Design wird die Trennung zwischen Funktion und Dekoration aufgehoben: Inspiriert durch Duplessis, einen Designer für Sevres Mitte des 18. Jahrhunderts, bekommt das Ornament eine Funktion. Wie funktionierte dieser Übersetzungsprozess vom rein dekorativen Ornament hin zum Griff des Bestecks im Detail?

Sebastian Menschhorn: Dekoration ist etwas was der Funktion hinzugefügt wird. Bestenfalls gibt sie dem Objekt eine zusätzliche Bedeutung bzw. eine Aussage. Schlimmstenfalls ist sie beliebig. Aber Dekoration kann auch eine Funktion bekommen. Oder umgekehrt kann ein funktionales Detail auch dekorativ sein. Und genau darin war Duplessis Meister. Er hat Porzellantabletts mit sehr eleganten Rocaillen „verziert“, die dann geradezu überraschend eine Funktion haben: beispielsweise Griffe, die in ihrer amorphen Form darüber hinaus sehr ergonomisch und haptisch sind.

Gab es ein konkretes Ornament, an das Sie im Designprozess gedacht haben?

Sebastian Menschhorn: Ja, ich habe an Rocaillen gedacht.

Wie fügt sich das Besteck von Sebastian Menschhorn in die bisherigen Entwürfe von über 200 verschiedenen Mustern bei Jarosinski & Vaugoin ein bzw. inwieweit hebt es sich von den bisherigen Mustern ab?

Jean-Paul Vaugoin: Einerseits folgt das Besteck Nr. 193 den traditionellen Entwürfen. Wichtig war uns immer die Verwendbarkeit. Die Bestecke sollten eine gewisse Länge haben und auch in der Praxis einsetzbar sein. Auf der anderen Seite hat Sebastian eine komplett neue Formensprache definiert. Meist sind die Ränder der Bestecke glatt und die Oberfläche verziert. In diesem Fall sind die Ränder geschwungen und die Oberflächen ebenso. Auch gibt das Besteck Nr. 193 eine gewisse Fingerposition vor.

Spannend ist der Griff des Bestecks nicht nur auf einer rein haptischen Ebene. Durch die Form ergeben sich spannende Spiegelungen, die durch die wellenartigen Formen Bewegung suggerieren und ein ständiges Spiel mit unterschiedlichen (Licht-)Reflexionen ermöglichen. Ein Besteck, das sonst sehr starr wirkt, scheint zu fließen. Was waren Ihre Überlegungen dazu?

Sebastian Menschhorn: Das ist ein unüberlegter, ungeplanter Zusatzbonus.

Wie würden Sie selber die Haptik des Besteckes beschreiben? Wie greift es sich an?

Jean-Paul Vaugoin: Überraschend! Das hörte ich auch bisher von einigen Interessenten, die das Besteck angegriffen haben. Obwohl die Form, die Kurven des Bestecks den Fingern angeglichen sind, wirkt es offensichtlich auf den Betrachter oder den Erstbenutzer doch ungewohnt. Die Griffe des Bestecks weisen keine Kanten auf, die Übergänge sind fließend. So schmiegt sich das Silberbesteck in die Hand!

Die Zusammenarbeit mit Designer führt immer wieder zu innovativen Produkten und inspiriert. Was nehmen Sie aus der Zusammenarbeit mit Sebastian Menschhorn mit?

Jean-Paul Vaugoin: Offenheit für Neues. Den Ausgang eines Projekts nicht genau zu kennen, mag anfangs unsicher machen, doch wenn die Chemie und das Vertrauen zwischen Designer und Produzent gegeben ist, sollte man sich auf einander einlassen und verlassen. Nur so kann etwas Neues entstehen.

// Interview von Sabrina Möller

WIEN PRODUCTS Collection 2015

Mehr unter • www.wienproducts.at
Jarosinski & Vaugoin • www.vaugoin.com
Sebastian Menschhorn • www.sebastianmenschhorn.com

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