Jannis Kounellis
o.T., um 1960, Tusche auf Papier, 70 x 100 cm
Schätzpreis: EUR 20.000-40.000 
Meistbot: EUR 72.000 (ohne Aufgeld)
© Im Kinsky

Der Auftakt der Herbstsaison in Wien ist in diesen Wochen von dichten Terminkalendern gekennzeichnet. Das Auktionshaus Im Kinsky nennt es in seiner Pressemitteilung fast schon liebevoll den „traditionell dynamischen Kunstherbst“. Man könnte den Kunstherbst in diesem Jahr allerdings schon fast als ein Überangebot verstehen. Nach dem Galerienprojekt curated by_vienna und der ersten Ausgabe der #viennacontemporary steht nun in Wien auch die Viennafair vor der Türe. Und damit finden erstmalig in Wien zwei Messen für zeitgenössische Kunst in kürzestem Abstand zueinander statt. Stellt sich die Frage: Kann der Kunststandort Wien das tragen? Gibt es ausreichend Käufer für diese Masse an Kunst? Gestern, genau zwischen den beiden Messen, lud das Auktionshaus Im Kinsky zur 108. Kunstauktion und leitete damit nun auch die Auktionssaison ein. Und das mit einer solchen Vielzahl an Werken, dass die Auktion gleich in drei Teilen zwischen 14.00 – 19.00 Uhr abgehalten wurde. Oder in den einleitenden Worten von Michael Kovacek ausgedrückt: Ein Marathon am Nachmittag.

Anselm Kiefer Das himmlische Jerusalem, 2011, Öl, Emulsion, Acryl, Schelllack, Kohle und Metall auf Leinwand, 190 x 380 cm Schätzpreis: EUR 350.000-700.000  Meistbot: EUR 350.000 (ohne Aufgeld, unter Vorbehalt) © Im Kinsky

Anselm Kiefer
Das himmlische Jerusalem, 2011, Öl, Emulsion, Acryl, Schelllack, Kohle und Metall auf Leinwand, 190 x 380 cm
Schätzpreis: EUR 350.000-700.000
Meistbot: EUR 350.000 (ohne Aufgeld, unter Vorbehalt)
© Im Kinsky

Von diesem Marathon – sowohl dem der letzten Wochen wie auch dem vor uns liegenden – ist nicht viel zu spüren, als wir das wunderschöne hochbarocke Palais an der Freyung in Wien betreten. Nur wenige Schritte vom regen Treiben des 1. Bezirks in Wien entfernt, betritt man das Stiegenhaus mit seiner beeindruckenden Innenausstattung und taucht sogleich in eine andere Welt ein. Das ist nicht nur der Architektur geschuldet, sondern auch der familiären Atmosphäre des Traditionshauses.

Günther Uecker Weißweiß, 1989, Prägedruck auf Büttenpapier, ca. 45 x 33 cm Schätzpreis: EUR 3.000 - 6.000 Meistbot: EUR 11.000 (ohne Aufgeld) © Im Kinsky

Günther Uecker
Weißweiß, 1989, Prägedruck auf Büttenpapier, ca. 45 x 33 cm
Schätzpreis: EUR 3.000 – 6.000
Meistbot: EUR 11.000 (ohne Aufgeld)
© Im Kinsky

Der Saal mit seinen imposanten Kronleuchtern ist halb voll als es um 14.00 Uhr mit der Auktion losgeht. Um die vielen Sitzmöglichkeiten herum hängen schon die Highlights, die erst am Abend versteigert werden. Die Mitarbeiter des Auktionshauses – insgesamt 12 an der Zahl – halten bei der Eröffnung der Auktion bereits ihr Handy bereit. Noch bevor das erste Lot mit der Nummer 1 aufgerufen wird, deutet sich schon ein Gefecht zwischen Telefonbietern an. Es beginnt spannend. Tatsächlich sollte es ein gelungener Auftakt rund um den Künstler Günther Uecker werden. Der Bildhauer, der seinem Arbeitswerkzeug – dem Nagel – seit Jahrzehnten treu bleibt, bildet mit 35 Positionen den Beginn der Auktion. Das erste Werk „Weißweiß“ von 1989 sprengt dabei gleich den Schätzpreis von EUR 3.000 – 6.000. Nach einem zügigen Bietergefecht an den Telefonen überrascht „Weißweiß“ mit einem Zuschlag bei EUR 11.000 (ohne Aufgeld). Auch andere Positionen von Uecker, wie etwa das Lot. 12 mit dem Titel „Kunstpranger“ von 1984 – ein Multiple bestehend aus einer Kohlezeichnung auf chamosinfarbenen Velin und einer benagelten Baumscheibe mit Leim und Asche – wechselt statt der geschätzten EUR 1.000 – 2.000 für einen Zuschlag von EUR 8.000 (ohne Aufgeld) den Besitzer. Nach einem tollen Einstieg mit Uecker ging es gut weiter mit dem „Sonnenaufgang in Venedig“ von Eduard Angeli: Die Arbeit – Öl auf Leinwand aus 2004 – konnte einen Zuschlag bei EUR 12.000 erzielen (ohne Aufgeld, Schätzpreis EUR 5.000 – 10.000). Kurz darauf wird es ruhiger.

Die darauf folgenden Positionen von Siegfried Anzinger finden keinen neuen Besitzer, die Arbeiten von Christian Ludwig Attersee erzielen Preise im Bereich des Limits bzw. im soliden Mittelbereich der Schätzung, während die Arbeit von Herbert Bayer „Two Lines“ 1964 mit 20.000 EUR (ohne Aufgeld) gleich 4.000 EUR über dem obersten Schätzpreis liegt. Eine große Installation im Plexiglaskasten von Padhi Frieberger (EUR 10.000 – 20.000) bleibt mitten im Marathon überraschend liegen, ebenso Collagen von Thomas Hirschhorn (EUR 5.000 – 10.000).

Dieter Roth Mülltapete, 1987, Mischtechnik auf Transparentpapier, 61.5 x 77 cm Schätzpreis: EUR 8.000-16.000 Meistbot: EUR 24.000 (ohne Aufgeld) © Im Kinsky

Dieter Roth
Mülltapete, 1987, Mischtechnik auf Transparentpapier, 61.5 x 77 cm
Schätzpreis: EUR 8.000-16.000
Meistbot: EUR 24.000 (ohne Aufgeld)
© Im Kinsky

Im zweiten von drei Teilen der Auktion ist es eine Arbeit von Dieter Roth – mit dem Titel „Mülltapete“ – die ein Telefongefecht zwischen zwei Bietern auslöst. Eines, das im Übrigen recht langsam seinen Lauf nahm, sodass die Spannung über die zögerlichen Gegenangebote die Besucher immer wieder überraschte und sie zum Schmunzeln brachte. Eine Spannung, die nur mehr vom Klirren der Kristallkronleuchter gesteigert werden konnte – ob nun ausgelöst von einem starken Lufthauch oder durch die Lautstärke des Mikrofons. Wie weit sich nur zwei Bieter gegenseitig hochtreiben können, zeigt das Ergebnis: Statt der geschätzten 8.000-16.000 EUR geht die Mischtechnik auf Transparentpapier am Ende für 24.000 EUR (ohne Aufgeld) weg. Eine ansteckende, wenn auch zögerliche Dynamik.

Markus Prachensky  Etruria orizontale, 1984, Acryl auf Leinwand, 130 x 175 cm Schätzpreis: EUR 30.000 - 60.000  Meistbot: EUR 50.000 (ohne Aufgeld)  © Im Kinsky

Markus Prachensky
Etruria orizontale, 1984, Acryl auf Leinwand, 130 x 175 cm
Schätzpreis: EUR 30.000 – 60.000
Meistbot: EUR 50.000 (ohne Aufgeld)
© Im Kinsky

Am Abend sind es bekannte Namen und Klassiker wie Markus Prachensky, die solide Preise erzielen – für „Etruria orizontale“ von 1984 erzielt man ein Gebot in Höhe von EUR 50.000 (ohne Aufgeld). Während die erste Zeitung „La Republica“ von Franz West für nur 8.000 EUR (ohne Aufgeld) den Besitzer wechselte, kämpfen im Saal bei der Zeitung „Il Gironale“, die wesentlich intensiver bearbeitet wurde, gleich mehrere Bieter um die Arbeit. Der Zuschlag erfolgte bei 20.000 EUR (ohne Aufgeld, Schätzpreis 12.000 – 24.000 EUR). Enttäuschend hingegen waren die 6 Stühle von Franz West – gerade nach dem Erfolg mit Arbeiten von Franz West in den vergangenen Auktionen. Mit einem Schätzpreis von EUR 10.000 – 20.000 konnte für keinen der Stühle ein Gebot in diesem Preisrahmen erzielt werden. Lediglich vier Untergebote – mit nur 5.000 EUR 50% unter dem geforderten Startgebot – wurden unter Vorbehalt angenommen. Dieser Bieter hat sich damit vielleicht eine schöne neue, fast preiswerte Sitzgruppe ersteigert.

Jannis Kounellis o.T., um 1960, Tusche auf Papier, 70 x 100 cm Schätzpreis: EUR 20.000-40.000  Meistbot: EUR 72.000 (ohne Aufgeld) © Im Kinsky

Jannis Kounellis
o.T., um 1960, Tusche auf Papier, 70 x 100 cm
Schätzpreis: EUR 20.000-40.000
Meistbot: EUR 72.000 (ohne Aufgeld)
© Im Kinsky

Die Überraschung des Abends war nicht wie erwartet das Top Lot von Anselm Kiefer – trotz großer Zahlen. „Das himmlische Jerusalem“ von Kiefer wurde für EUR 350.000 (ohne Aufgeld) ersteigert. Allerdings nur unter Vorbehalt, denn das Limit des Einbringers lag bei EUR 400.000. Es bleibt also spannend, ob diese Arbeit bald einen neuen Besitzer haben wird. Die Arbeit von Jannis Kounellis von 1960 brachte die Sammler hingegen dazu, sich gegenseitig ständig zu überbieten. Der geschätzte Preis von EUR 20.000 – 40.000 wurde dabei auf überraschende EUR 72.000 (ohne Aufgeld) getrieben. Auch wenn am Ende des Abends einige der 390 Positionen liegen geblieben sind: Mitten im herbstlichen Kunstmarathon wurden an diesem Abend immerhin über 1.6 Millionen Euro geboten – bei Gesamtschätzwerten aller Lots von ursprünglich zwei bis vier Millionen. Der Nachverkauf kann beginnen. Und für Sammler geht der Kunstmarathon in die nächste Runde: Heute Abend eröffnet bereits die Viennafair und nächste Woche die Frieze London.

// Bericht von Sabrina Möller

 

Ergebnisliste: Hier geht’s zu den Ergebnissen der 108. Kunstauktion

Nachverkauf: Hier geht’s zum Nachverkauf

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IM KINSKY

Freyung 4 • 1010 Wien
www.imkinsky.com