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Special Exhibition Kinesis - Eine Studie zur Bewegung im Bild. curated by Angela Stief
© Stefan Gutbrunner. Courtesy: Art-Port GmbH

Eine kuratierte, nicht-kommerzielle Sonderschau auf einer Messe? Dieses Experiment wagt die VIENNAFAIR in diesem Jahr bei ihrem ‚Debüt‘. Anna Maria Burgstaller hat mit der Kuratorin Angela Stief über das Konzept der Sonderschauen und die Hintergründe gesprochen …

 

Kuratorin Angela Stief © Sabrina Möller

Kuratorin Angela Stief
© Sabrina Möller

Du hast auf der VIENNAFAIR 2015 zwei Sonderschauen kuratiert. Wie kam es zu der Zusammenarbeit zwischen einer Kuratorin und einer Messe?

Ich habe Wolfgang Pelz auf der diesjährigen Art Austria getroffen. Er wollte eine Sonderschau auf der VIENNAFAIR machen und hat mich um ein Konzept gebeten. Es hat ihm sofort gefallen und wir haben dann im Mai angefangen über Konditionen und Möglichkeiten zu sprechen. Er hat mir dann für eine museal ausgerichtete und nicht kommerzielle Ausstellung eine Fläche von 500 m2 zugesagt. Von da an ging es ziemlich schnell, es war ja auch nicht viel Zeit und ich begann um Leihanfragen anzufragen, die Ausstellung im Detail zu planen und die Architektur zu designen.

Du hast zwei Ausstellungen auf der VIENNAFAIR kuratiert.  Wie kam es zu der Idee eine Studie zur Bewegung im Bild zu konzipieren?

Es gibt zwei Sonderschauen, die ich auf der VIENNAFAIR kuratiere: kínēsis – Eine Studie zur Bewegung im Bild und COLORES UNITI. Ein Künstler, eine Wand und viel Farbe. COLORES UNITI hat sich ganz kurzfristig erst vor zwei Wochen ergeben. Die Idee zu  kínēsis resultierte aus der bedauerlichen Tatsache, dass die österreichische konkret-konstruktivistische Kunst immer sehr stiefmütterlich behandelt wurde. Österreich definiert sich immer noch stark über den Wiener Aktionismus und die neue wilde Malerei, also eine sehr expressive Kunst. Es gibt hier aber ganz herausragende teils auch schon verstorbene Positionen – wie Hermann J. Painitz, Helga Phillipp, Marc Adrian -, die man viel zu wenig kennt. Eine international ausgerichtete Ausstellung zu diesem Thema wurde in Österreich erstaunlicherweise noch nie gemacht. Sie bietet sich auch deshalb an, da es in den 1920er und 30er-Jahren den Wiener Kinetismus gab. Das Ausstellungsthema wollte ich Zeiten und Generationen übergreifend behandeln – das ist ein wichtiger Anker der Ausstellung. Ich habe Werke zusammengestellt, die ungefähr ein Jahrhundert umspannen. Ich versuche außerdem auf einer nationalen und internationalen Ebene historische und zeitgenössische Kunst miteinander in Relation zu setzen. Dabei erstaunt der formal-ästhetische Gleichklang.

EXHIBITION VIEW  Special Exhibition Kinesis - Eine Studie zur Bewegung im Bild. curated by Angela Stief © Stefan Gutbrunner. Courtesy: Art-Port GmbH

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Special Exhibition Kinesis – Eine Studie zur Bewegung im Bild. curated by Angela Stief
© Stefan Gutbrunner. Courtesy: Art-Port GmbH

Die gezeigten Werke sind Leihgaben von Institutionen, Galerien und Privatpersonen. Inwieweit spielt der Name der Leihgeber eine Rolle? Macht es Sinn auf große Namen zu setzen?

Ich suche natürlich nicht nach Leihgebern, sondern nach Künstlern und Werken aus. Zu Beginn, habe ich mir überlegt, was für eine Ausstellungsarchitektur Sinn macht. Es ist toll, dass ich hier nicht mit einem bestehenden Raum, sondern mit einer selbst gestalteten Architektur arbeiten konnte. Sie basiert auf einem Hexagon. Dann habe ich Arbeiten aus dem Wiener Kinetismus recherchiert und diese mit den für die Ausstellung relevanten Strömungen und Künstlern in Verbindung gesetzt und die einzelnen Raumkompartimente und Subthemen definiert. Der Kinetismus, der in den 1950er-Jahren in Paris seine Wurzeln hat, die OP-Art aus den 1960er Jahren und die Gegenwartskunst sind dafür wichtig. Dann schaut man sich selbstverständlich Referenzausstellungen an, die an Orten wie Berlin, Frankfurt, Zürich, Paris, New York, etc. längst stattgefunden haben. Ich gehe immer vom Konzept, herausragenden Einzelpositionen und vom Raum aus, um die Objekte auszuwählen.

Kurz vor der Messe fiel die Entscheidung noch eine zweite Sonderschau zu kuratieren: COLORES UNITI. Ein Künstler, eine Wand und viel Farbe. Wie kam es dazu?

Die Ausstellung COLORES UNITI ist kurzfristig entstanden und ist eine Zusammenstellung von Künstlern, die in Österreich ansässig sind. Es sind alles zeitgenössische Künstler, aber aus unterschiedlichen Generationen, die ich sehr schätze. Das reicht von den Graphitarbeiten von Franz Vana aus den 1970er-Jahren über die Quarzsandbilder von Angelika Loderer bis zu der Malerei von Dejan Dukic, der Ölfarbe von hinten durch die Leinwand drückt. Es geht um Farbe und Nicht-Farbe, einen konzeptuellen Zugang zur Malerei und natürlich darum, herausragende Einzelpositionen zu zeigen, die eine konsistente Zusammenstellung erlauben. Mit den meisten Künstlern wie Siggi Hofer und Tillman Kaiser arbeite ich schon lange zusammen, habe Ausstellungen gemacht oder über sie geschrieben. Es sind insgesamt 9 Wände, für jeden eine. Die Wandseiten sind in einer Farbe gestrichen und fassen die Ausstellung. Eine Wand ist in die Horizontale verkehrt, so konnte ich auch die schönen Keramik-Objekte von Franz Josef Altenburg zeigen.

Eine kuratierte Schau auf einer Messe ist eher untypisch und für die BesucherInnen eine neue Erfahrung. Was war die Intention dahinter? Welche Reaktionen erwartest du dir?

Als Kuratorin interessiert es mich Ausstellungen zu machen und ich habe mich gefreut, dass Wolfgang Pelz mich eingeladen hat. Auf die Messe kommen in einer knappen Woche genauso viele Menschen wie beispielsweise in das mumok innerhalb einer viermonatigen Ausstellung. Es ist also ein anderes Format und auch ein Experiment. Außerdem hätte das Thema der Ausstellung in dieser oder einer ähnlichen Art und Weise in vielen Wiener Museen längst präsentiert gehört. Noch dazu gibt es gerade in den letzten Jahren einen starken Aufwind für die Gruppe Zero und die Op-Art und man gewinnt den Eindruck, dass solche Moden an Österreich vollkommen vorbeigehen. Außerdem bekommen konkret konstruktivistische Künstler, die hier vor Ort sind, zu wenig Ausstellungsfläche. Ich versuche als Kuratorin eine Vergangenheit aus einem zeitgenössischen Blickwinkel zu korrigieren oder auch neu zu interpretieren. Das ist mein Ansatz. Wolfgang Pelz hat mir hierfür eine Plattform gegeben und ich finde es herausragend, dass er sich eine Sonderschau als wesentlichen Anker der Messe leistet. Dadurch wird nicht nur der kommerziellen Ausrichtung der Kunst auf einer Messe entgegen gesteuert, sondern auch die missing gaps der vielfach uninspirierten Ausstellungsprogramme der Institutionen in Wien gefüllt. Ich bin hier Dienstleister und bin dankbar, dass mir Möglichkeiten geboten wurden, eine Ausstellung so zusammenzustellen, wie ich das wollte.

EXHIBITION VIEW  Special Exhibition Kinesis - Eine Studie zur Bewegung im Bild. curated by Angela Stief © Stefan Gutbrunner. Courtesy: Art-Port GmbH

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Special Exhibition Kinesis – Eine Studie zur Bewegung im Bild. curated by Angela Stief
© Stefan Gutbrunner. Courtesy: Art-Port GmbH

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Hast du ein Lieblings-Ausstellungsstück? Etwas, das dir persönlich am Herzen liegt  oder wozu es eine besondere Geschichte gibt?

Es ist schwer sich auf eine Arbeit festzulegen. Eines meiner Lieblingswerke und das Hauptsujet der Ausstellung ist Curt Stenverts Lesbia contra Motor. Was mich am meisten interessiert sind die Gegenüberstellungen. Die Arbeit von Stenvert ist von 1947 und hängt neben einem Werk von Helga Philipp aus den 60er Jahren und daneben hängt eine zeitgenössische Arbeit des amerikanische Post-Internetkünstlers Travess Smalley – diese formal ästhetische Korrespondenz reizt mich und macht mir Spaß. Eine Linolschnitt Serie von Erika Giovanna Klien hängt neben einer Arbeit (1965) von Franco Grignani, der die Op-Art vorweg genommen hat. Für solche zeitenübergreifenden Kombinationen könnte ich noch viele Beispiele nennen.

Nun musstest du deine Ausstellung nicht für einen fix bestehenden Raum konzipieren, sondern konntest die Ausstellungsarchitektur selbst bestimmen. Welches Konzept steckt hinter dem Hexagon?

Es ist ein Hexagon, das in verschiedene Komponenten geteilt ist. Es gibt ein Zentrum und zwei Dunkelräume. Wenn man durch die Ausstellung geht, muss man sich wie in einem Rad bewegen. Es entsteht eine Drehbewegung, wenn man durch die Architektur geht. Es war toll, hier auch die Architektur zu designen. Normalerweise arbeitet man mit Räumen, die fertig und nicht allzu variabel sind.

Die VIENNAFAIR 2015 in 3 Worten?

Risiko, Vision und Möglichkeit.

Vielen Dank!

// Interview von Anna Maria Burgstaller

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VIENNAFAIR 2015

08. – 11. Oktober 2015 • täglich von 11 – 19 h
Messeplatz 1 • 1020 Wien • Austria
www.viennafair.at

 

Mit freundlicher Unterstützung der VIENNAFAIR