Michael Schmidt-Ott

Michael Schmidt-Ott ist Sammler, „Challerist“ und Kunstberater – aus purer Leidenschaft. Wir haben ihn  getroffen und mit ihm ausführlich über seine Sammlung, den Beginn und Lieblingswerke gesprochen …

 

Michael Schmidt-Ott

Michael Schmidt-Ott

Kein Sammler vergisst den Kauf seines ersten Werkes und damit den Beginn der eigenen Sammlung. Wie kam es zu deinem ersten Kauf? Und von wem war deine erste Arbeit? 

An den Kauf und das Werk, die meine Leidenschaft für das Sammeln weckten, erinnere ich mich natürlich gut. Ich bin in einer Sammlerfamilie aufgewachsen und selbstverständlich hatte ich auch zuvor schon immer wieder Kunst erworben. Aber der wirklich prägende Kauf für den Beginn meiner eigenen Sammlung war der einer Arbeit von Sébastien de Ganay, die ich vor acht Jahren in München gekauft habe: eine Skulptur bzw. Installation. Ich selber nenne es „die pinke Zuckerstange“ – es handelt sich um eine 2.85m hohe pinke Metallröhre.

Ich habe die Arbeit bei einem privaten Galerien-Rundgang entdeckt und sie ließ mich dann einfach nicht mehr los. Sie erschien immer wieder vor meinem inneren Auge, sogar in Momenten, in denen ich gar nicht damit rechnete. Es brauchte dann aber doch noch ein wenig Zeit, bis mir bewusst wurde, dass ich genau diese Arbeit nicht nur in meinem Kopf, sondern auch in meinem Leben haben muss. Ich schaute mir andere Werke des Künstlers an, recherchierte über ihn und sein Schaffen, aber diese eine Arbeit überstrahlte einfach alles für mich. Als ich sie dann, einige Monate später, das erste Mal wieder real sah, da war es erneut um mich geschehen.

Folgte auf den ersten Kauf sogleich der zweite?

Wenn dich einmal die Leidenschaft gepackt hat – ob es nun fürs Sammeln ist, Fußball oder irgendein anderes Hobby –, dann lässt sie dich nicht mehr los. Beim Sammeln ist es die Aufregung ein Werk zu entdecken, das dich wirklich ergreift, sodass du lächelnd an es denken musst, wenn du einschläft und wenn du aufwachst. Es ist wie verliebt zu sein. Diese pure Freude, Begeisterung und Anziehungskraft, die das Werk auf dich ausübt, ist einfach magisch. Wenn du diesen besonderen Moment erlebst, dann ist es ein unglaubliches Gefühl. Vor allem, weil dich dieses Werk dann ja noch lange begleitet in deinem Leben und du ganz bestimmte Momente, Gefühle, Situationen und Assoziationen für immer damit verbindest. Du verliebst dich natürlich nicht täglich genauso ernsthaft neu in ein weiteres Werk. Aber wenn du diese Liebe einmal erlebt hast, erlebst du sie auch später immer wieder – weil du dafür geöffnet wurdest. Es sind  Werke, die dann einfach andere Gefühle, Bedürfnisse, Sehnsüchte in dir ansprechen – davon hat ja man so viele! Also ja, es gab einen weiteren Kauf nach dem ersten Werk. Nicht sofort, aber doch recht schnell.

Wie gehst du beim Kunstkauf vor? Bist du eher ein impulsiver Käufer oder lässt du dir viel Zeit?

Das variiert. Es gibt diesen Moment, den fast jeder Kunstbegeisterte kennt, in dem du vor einem Werk stehst und einfach total hin und weg bist: erfüllt von Freude, der Idee und dem Neuem. Du siehst etwas, was für dich so in dieser Art und Weise bisher noch nie zu sehen war. Es ist – um im obigen Bild zu bleiben – Liebe und Faszination auf den ersten Blick. Dann kann es schon mal zu einem impulsiven Kauf kommen. Wie im Leben ist es aber dann auch bei der Liebe auf den ersten Blick oft so, dass man nicht sofort zusammenkommt, sondern sich beim Kennenlernen zumindest ein bisschen Zeit lässt. Man informiert sich über das Werk und den Künstler, umkreist beide eine Weile, um zu sehen, ob die Liebe nicht doch nur ein Strohfeuer war. Die Gefahr ist natürlich, dass dann ein anderer mit dem Bild „durchbrennt“ – der Markt ist schnell und reagiert auch schnell, egal ob bei einer Auktion, die natürlich das schnellste Geschäft ist, aber auch auf einer Messe oder in einer Galerie kann es sein, dass genau das Werk, das du unbedingt haben wolltest, verkauft worden ist. Das fördert in einer gewissen Weise natürlich den Jagdtrieb, der zum Sammeln mit dazugehört.

Und dann gibt es noch einen dritten Fall: Bei dem entsteht Liebe aus so etwas wie Freundschaft oder langer Vertrautheit… Da kreist du manchmal vielleicht monate- oder jahrelang um eine Künstler oder auch um ein Werk – und dann plötzlich schlägt der Blitz ein und du sitzt in der „Soll ich wirklich? War es nicht gut so, wie es vorher war?“-Zweifelsfalle. Aber meist entstehen daraus die längsten und glücklichsten Beziehungen.

Was muss eine Arbeit haben, damit du sie unbedingt haben willst?

Diese Frage stelle ich mir bis heute auch immer wieder. Doch ich kann die Faszination, die manche Werke auf mich ausüben, nicht erklären. Ich weiß auch gar nicht, ob ich das möchte. Irgendwie entzaubert eine Antwort auf die „Warum liebst du …?“-Frage das Gefühl an sich, weil es dadurch auf eine rationale Ebene heruntergeholt und dem Denken unterworfen wird. Eine Begegnung mit der Kunst ist für mich aber etwas, was nicht (nur) im Hirn stattfindet, sondern an Stellen in mir, die ich noch gar nicht kannte und die durch ein Werk vielleicht sogar zum ersten Mal berührt und zum Klingen gebracht werden. Ich kann nur sagen: Ein Bild muss etwas mit mir machen und mich bereichern – und das nicht nur für einen Moment, sondern fürs Leben. Was nicht bedeutet, dass meine Reaktion auf ein Bild ein Leben lang dieselbe ist oder sein muss – man verändert sich ja auch. Aber es muss mein Leben und mich fordern und fördern, wie ein gute Beziehung oder Freundschaft.

Wie wichtig ist die Geschichte und der Werdegang des jeweiligen Künstlers für dich?

Ich beschäftige mich natürlich mit der Vita des Künstlers. Für mich ist es aufregend, mir ein Bild von der Person hinter dem Kunstwerk machen zu können. Es ist spannend zu erfahren, bei wem er gelernt hat, wo er überall schon ausgestellt wurde, in welchen Sammlungen er vielleicht schon vertreten ist, ob er bereits auf Messen gezeigt wurde, es Auktionen mit seinen Werken gab. Am Liebsten erfahre ich all das natürlich ganz persönlich und vom Künstler selbst, bei einer Begegnung mit ihm, gerne in seinem Atelier. So sind auch schon viele Freundschaften entstanden. Ganz natürlich, denn wenn jemand etwas erschafft, das dich bewegt, dann bewegt dich meist auch diese Person. Den Künstler kennenzulernen, ist ein bisschen so, als würde man die Eltern des Partners treffen. Und es ist ja schön und gut zu wissen, wo jemand herkommt, was ihn geprägt hat. Trotzdem steht das Werk bzw. der Partner immer noch im Vordergrund für mich. Mit ihm habe ich da die Beziehung, nicht mit seinem Erschaffer oder den Eltern.

Nach welchen Kriterien baust du dir deine Sammlung auf? Wie wichtig ist dir ein roter Faden?

Natürlich weiß ich von Berufswegen über den Markt, seine Protagonisten und Preise Bescheid. Doch ich persönlich erwerbe Kunst nicht als Investment, sondern als Investition in Lebens-, Hirn- und Herzensqualität. Ich kaufe das, was mich berührt, und nicht das, was den Markt – monetär – bewegt. Mir geht es primär darum, Freude an den Arbeiten zu haben, die meine Wände zieren und die mich täglich umgeben. Außerdem verbinde ich mit jeder einzelnen Arbeit eine Geschichte und eine Erinnerung: Wo habe ich diese gekauft, mit wem habe ich damals verhandelt oder gesprochen, wer hat sich vielleicht auch kritisch gegenüber dieser Arbeit geäußert, was löste diese Arbeit damals bei mir aus und was ist es heute? Meine Wände sind wie ein Tagebuch, wie ein Album meines Lebens und Liebens. Manche benutzen dafür Facebook, ich habe sozusagen ein „Wallbook“.

Die Kunst in meiner Sammlung ist ein Spiegel meiner Seele, damals wie heute. Oder anders gesagt: Den klassischen roten Faden verfolge ich bei meiner eigenen Sammlung nicht. Ich habe mich weder auf bestimmte Künstler spezialisiert oder auf Medien, mit denen gearbeitet wird, noch auf Epochen oder auf Stile. Bei mir gibt es Werke, die mehrere hundert Jahre alt sind, die neben ganz aktuellen Arbeiten hängen. Es gibt Werke auf Leinwand, Arbeiten auf Papier oder auf bzw. aus Holz, Skulpturen aus unterschiedlichsten Materialien, Installationen, Photographien aus unterschiedlichen Epochen, Graphiken. Eigentlich fast alles, was der Kunstmarkt zu bieten hat. Zusammengehalten wird die ganze Sammlung durch die Qualität der Werke, auf die ich sehr achte. Und mit Qualität meine ich auch die erwähnte Lebens-, Hirn- und Herzensqualität.

Nochmal zurück zum Thema „Kunst als Investment“. Was hältst du davon?

Das Thema an sich ist nicht neu – auch wenn es heute zunehmend diskutiert wird, weil Kunst im Zuge der Finanzkrise als Alternativ-Investment eine wachsende Bedeutung zukam und –kommt. Es gab in der Geschichte aber schon immer Sammler und Mäzene, die geschäftsmäßig in Kunst und Künstler investiert haben. Die Frage ist aber natürlich, was mit der Kunst geschieht, wenn sie von einem Großteil der Käufer nicht mehr aus Liebe zum Werk oder zum Künstler gekauft wird, sondern nur mehr als Investment, das genauso schnell abgestoßen wie gekauft wird, wenn irgendwo anders ein lohnenderes Investment lockt – und zwar nicht notwendigerweise im Kunstmarkt. Hier handelt es sich nicht um Sammler, sondern um so genannte Art Flipper. Sie haben in der letzten Zeit für viel Aufsehen gesorgt, weil sie mit ihren zum Teil sehr radikalen Methoden den Markt aufgewirbelt haben. Man denke nur an die Rekordergebnisse bei Auktionen. Ich sehe das durchaus kritisch – vor allem für junge Künstler. Um die Kunst selbst mache ich mir weniger Sorgen. Anders als etwa Aktien hat ein Werk auch immer eine emotionale und auch eine physische Komponente. Es kann nie zum „Totalverlust“ kommen, das Werk bleibt und mit ihm all das Schöne, das man mit ihm und durch es erlebt.

Blase oder Nicht-Blase? Das wird sich mit der Zeit erweisen. Fest steht: Wer ein Kunstwerk kauft, weil er damit leben möchte und es ihn bereichert, der wird nie falsch damit liegen, sein Geld in Kunst zu investieren.

Gibt es ein Lieblingswerk in deiner Sammlung?

Eine extrem schwierige Frage… Ich beantworte sie heute emotional: Es handelt sich um ein von meiner Großmutter gemaltes Bild. Meine Großmutter war eine große Sammlerin und hat mich schon sehr früh an die Kunst, das Leben und auch das Spüren von Kunst herangeführt. Und daher ist diese, von ihr auf Papier gemalte Arbeit, eine wahnsinnig wichtige für mich. Denn mit ihr verbinde ich meine Leidenschaft für die Kunst. Sie ist quasi der Anfang von allem, was ich heute bin und tue.

Von welcher Arbeit träumst du derzeit?

Ich habe auf der Art Cologne eine wunderschöne Arbeit von Adolf Luther gesehen. Eine mittelgroße Plexiglas-Spiegel-Arbeit, die zum einen perfekt vom Zustand her war, zum anderen einfach diesen absoluten Wow-Moment in mir auslöste. Diese Arbeit lässt mich gedanklich seit Monaten nicht mehr los.

Kaufst du lieber beim Künstler, in Galerien, auf Messen oder in Auktionen?

Ich nutze alle vier Möglichkeiten, um Arbeiten zu erwerben und jede hat ihre eigenen Reize. Galerien besuche ich natürlich am meisten, mehr als wöchentlich sogar. Ich nutze sie vor allem, um mich umfassend über einen Künstler zu informieren, aber noch wichtiger ist der Austausch mit den Galeristen. Es tut sich einiges in der Branche, es geht nicht mehr nur darum, einen White Cube zu bespielen und ab und zu eine Vernissage zu machen. Die Konkurrenz vom Internet und Auktionshäusern bewegt viel und so entstehen in und mit Galerien spannende neue Projekte, wie etwa Kunstreisen. Messen haben den Vorteil, dass man eine Vielzahl an Galerien aus unterschiedlichen Ländern an einem Ort besuchen kann. Und bei Auktionen überwiegen die Spannung und der Jagdtrieb.

Ich freue mich aber besonders, wenn ich in ein Atelier kommen kann und darf, also quasi ins „Elternhaus“. Hier entsteht nicht nur die Arbeit, man lernt den Künstler auch vor der Leinwand im Schaffensprozess kennen – für mich, der ich selbst nicht künstlerisch tätig bin, eine sehr spannende Sache.

Du bist international seit vielen Jahren auf Messen unterwegs. Wo fährst du am liebsten hin? Und warum?

Ganz klar zur TEFAF in Maastricht. Für mich ist diese Messe das schönste Museum auf Zeit. Hier hat man Platz, breite Gänge, Luft zum atmen, phantastische Galerien, eine wahnsinnige Auswahl an sensationellen Werken und auch wenn zeitgenössische Kunst erst 2015 dort in kleinem Rahmen angekommen ist, fasziniert mich die Bandbreite. Es einfach eine wunderschöne Messe mit einem ganz besonderem und eigenem Flair, die für mich mit keiner anderen Messe weltweit vergleichbar ist.

Dein Kommentar zu diesjährigen VIENNAFAIR?

Es war klar, dass es ein großes Wagnis sein würde, innerhalb von zwei Wochen zwei Messen in Wien abzuhalten. Und das neue Team der VIENNAFAIR hat ja sich dieser großen Aufgabe auch erst zu Beginn des Jahres gestellt. Die Stimmung auf der Messe war doch sehr gemischt und ich selbst war mir nicht sicher, was diese Messe eigentlich sein will. Trotzdem hatte ich Spaß dort und habe die Zeit genossen.Die Sonderschau „Kinesis“ hat mich sehr angesprochen und der Stand der Galerie Gugging war einfach sensationell. Ebenso beeindruckend: dass Marcello Farabegoli die Chance genutzt hat, zwei tolle Ausstellungen in seinen Ständen zu präsentieren – das war anders, erfrischend und sehr gelungen.

Vielen lieben Dank für deine Zeit!

// Interview von Sabrina Möller

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PROJEKTE VON MICHAEL SCHMIDT-OTT

CHALLERY | In der Charity Gallery kann man Kunst für den guten Zweck erwerben (100% Spende): www.challery.net 

FUND ART | www.fund-art.com

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VIENNAFAIR 2015

08. – 11. Oktober 2015 • täglich von 11 – 19 h
Messeplatz 1 • 1020 Wien • Austria
www.viennafair.at

Mit freundlicher Unterstützung der VIENNAFAIR