Constantin Luser
film still aus 'Constantin Luser – Aus dem Inneren der Zeit', 2015, CastYourArt
© CastYourArt

 

Komplexe Liniengefüge und Drahtgeflechte treffen auf alte Fundstücke aus der Sammlung Hofstätter – noch bis zum 30. Oktober 2015 ist die Ausstellung ‚Das Neueste wird das Älteste sein‘ von Constantin Luser bei Hofstätter Projekte zu sehen. Sabrina Möller hat sich mit Constantin Luser über seine Arbeiten und die Ausstellung unterhalten… 

 

Constantin Luser film still aus 'Constantin Luser – Aus dem Inneren der Zeit', 2015, CastYourArt © CastYourArt

Constantin Luser
film still aus ‚Constantin Luser – Aus dem Inneren der Zeit‘, 2015, CastYourArt
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Das Medium der Zeichnung scheint zunächst an die Fläche gebunden zu sein. Mit deinen frei im Raum hängenden Skulpturen hast du die gezeichnete Linie von der Zweidimensionalität der Zeichnung und der Bindung an das Papier gelöst und in den dreidimensionalen Raum hin erweitert. Du selbst bezeichnest deine Skulpturen auch als Raumzeichnungen. Gab es eine Art auslösendes Moment oder wie kam es zu den Raumzeichnungen? 

Es begann mit meiner Ausstellung bei ‚attitudes – espace d’arts contemporains‘ in Genf, als ich Drähte – die ich zufällig dabei hatte – mit einbaute. Zu diesem Zeitraum hatte ich mir bereits einen Lötapparat gekauft und mit diesem viel experimentiert. Ziemlich schnell bin ich dabei auf vergleichbare Ergebnisse gekommen. Nur mit dem Unterschied, dass es nicht gehalten hat und ich hinterher viel Arbeit mit den Reparaturen hatte. Erst im Zuge meiner Ausstellung in der Kunsthalle Krems habe ich die Technik so verbessert, dass die Strukturen langfristig stabil bleiben.

Die Raumzeichnungen sind also eher zufällig entstanden?

Nein, es war schon ein bewusster Schritt. Denn der Draht entspricht eigentlich genau der Linie. Wenn man ihn schwarz lackiert und die Skulptur vor eine weiße Wand hängt, wirkt der Draht wie eine präzise gezeichnete Linie. Im Grunde habe ich durch das Zeichnen an der Wand ja schon im Raum gezeichnet, nur waren die Arbeiten materiell noch an die Wand gebunden.

Deine Malereien wirken im Vergleich zu deinen (Raum-) Zeichnungen wie wirre Geflechte: Eine Masse an sich überlagernden Linien. Obwohl sämtliche Medien, mit denen du arbeitest, auf der Linie basieren, wirken sie dadurch formal sehr unterschiedlich – grazile, feine Linien treffen auf scheinbar wirre, verflochtene Strukturen. Wie kommt es zu diesen Differenzen?

Die Malerei ist für mich ein freies Feld. Erst durch die Überlagerungen des Zeichnerischen werden meine Arbeiten malerisch. Beim Zeichnen ist jede Linie eine konkrete Aussage oder eine spezielle Kontur. Über die Farben und die Chemikalien – Spiritus – löst sich das eben auf und wird dann wieder überlagert. Das ist für mich ein spielerisches Element.

Constantin Luser, Ja, was ja? Kingswood, 2015 Messing, Glas, Zusatz aus d. Sammlung Hofstätter: Miniaturtruhe, Holz, Deckel vermutl. ergänzt, gotisch, 17. Jhdt., 47,5 x 25,5 x 20,5 cm © Foto: Sophie Thun

Constantin Luser, Ja, was ja? Kingswood, 2015
Messing, Glas, Zusatz aus d. Sammlung Hofstätter:
Miniaturtruhe, Holz, Deckel vermutl. ergänzt, gotisch, 17. Jhdt., 47,5 x 25,5 x 20,5 cm
© Foto: Sophie Thun

Ausstellungsansicht: Constantin Luser, Das Neueste wird das Älteste sein, 2015, Hofstätter Projekte Links/ Rechts: Constantin Luser, Ohne Titel, 2014, Spiritusaquarell auf Aludipond, 145,5 x 149,5 cm © Foto: Sophie Thun

Ausstellungsansicht: Constantin Luser, Das Neueste wird das Älteste sein, 2015, Hofstätter Projekte
Links/ Rechts: Constantin Luser, Ohne Titel, 2014, Spiritusaquarell auf Aludipond, 145,5 x 149,5 cm
© Foto: Sophie Thun

Mit deinen Notizbüchern hast du eine Art Bildarchiv angelegt, das von einer sehr präzisen, fast grafischen Formensprache geprägt ist. Es wirkt sogar fast schon mathematisch oder wissenschaftlich dokumentierend.

Es sieht zwar sehr geplant aus, aber es sind einfach nur sehr konkrete Überlegungen, die ich ebenso präzise zeichne. Bei der Malerei interessiert mich hingegen genau das Gegenteil: das Vage, das Lockere. Mich interessiert das insbesondere, weil es sich gegenseitig bedingt. Im Grunde arbeite ich an der Skulptur an den gleichen Sachen wie auch in der Malerei oder in der Zeichnung: An einer Parallelität und wie mehrere Sachen hintereinander gebaut sind. Eine gewisse Unschärfe in der Zeichnung.

Für deine aktuelle Ausstellung bei Hofstätter Projekte hast du dich entschieden, mit Objekten aus der Sammlung Hofstätter bzw. aus dem Lager zu arbeiten. Ein Angebot, das seitens Hofstätter Projekte zwar besteht, jedoch nicht unbedingte Voraussetzung für eine Ausstellung ist. Was hat dich daran gereizt?

Das Lager der Hofstätter Sammlung ist sehr interessant. Für mich war das lange Zeit wie ein Mysterium. Es ist ein geordnetes Lager, in dem die Dinge übereinander gestapelt sind: Kommodenberge, die eine Einheit bilden. Beim Durchgehen habe ich dann verschiedene Stücke entdeckt. Doch es war eine Herausforderung in diesem Lager jedes einzelne Stück für sich zu betrachten.

Hattest du bei der Auswahl konkrete Kriterien?

Ich hab mich gezielt nach Bruchstücken umgesehen. Nach Dingen, die innerhalb dieses Ortes keine Bedeutung haben, aber die trotzdem eine Schönheit oder etwas Anziehendes haben. Dinge, die eine Symbolik haben: ein einzelnes Uhrpendel etwa, ohne die dazugehörige Uhr. Oder auch nur das Gehäuse, das vom Uhrwerk getrennt ist. Wenn das Uhrwerk das Wertvollste ist, werden die wertvollen Schnitzereien des Gehäuses obsolet. Das wiederum bietet einen entsprechenden Freiraum, mit dem man arbeiten kann.

Die Skulpturen wurden also ausgehend von den jeweiligen Fundstücken konzipiert?

Ja, genau! Ich habe versucht mit jedem Fundstück so umzugehen, als wäre es eine wahnsinnige Kostbarkeit, die es zu vervollständigen oder zu ergänzen gilt. Ein Beispiel: Ich habe zwei von einer Skulptur abgebrochene, barocke Hände gefunden und mir die Frage gestellt, wie man mit dieser menschlichen Form etwas machen kann. Der Umstand, dass der kleine Finger von einer dieser Hände bereits abgebrochen war, brachte mich dazu zu denken, dass es doch auch irgendwie weiter gehen muss. Die Hände lagen dann erst mal geschützt in meinem Korb, aber wie geht es weiter damit?

Du hast die Arbeit nach der japanischen Mafia Yakuza benannt. Warum?

Mein Ateliernachbar ist Reiseschriftsteller und wurde vom Stern nach Tokio geschickt um dort einen Mafia-Boss zu interviewen. Er war mit dem Mafioso in einem Sushi-Lokal verabredet. Eine eh schon angespannte Situation bzw. eine herausfordernde Verabredung, die dadurch noch unangenehmer wurde, dass er Vegetarier ist und Fisch niemals anrühren würde. Er hat alles abgelehnt. Das wurde zwar überraschend gut akzeptiert, aber es ist trotzdem eine super Geschichte.

Constantin Luser, Die Beschwörung / Barokuza, 2015 Messing, Glas, Taschentuch, Zusatz aus d. Sammlung Hofstätter: Bruchstücke einer Skulptur (Hände), Ton, Barock, Österreich, um 1740, 45 x 28 x 12 cm. © Foto: Sophie Thun

Constantin Luser, Die Beschwörung / Barokuza, 2015
Messing, Glas, Taschentuch, Zusatz aus d. Sammlung Hofstätter: Bruchstücke einer Skulptur (Hände), Ton, Barock, Österreich, um 1740, 45 x 28 x 12 cm.
© Foto: Sophie Thun

Welche Rolle spielt das Material in deinen Arbeiten?

Das ist Material ist sehr wichtig für mich. Seit Jahren arbeite ich mit Messing, weil das Material faszinierende Eigenschaften hat. Es lässt sich gut verbinden, ist elastisch aber dennoch widerstandsfähig. Ob nun im Trompetenbau oder bei anderen Blechblasinstrumenten: alle sind aus Messing gearbeitet, weil es sich gut formen lässt und einen guten Klang hat.

Im Rahmen deiner Ausstellung hast du auch eine hängende Skulptur gezeigt, an der ein Boot befestigt war. Während der Eröffnung hast du das Boot immer wieder angeschupst, um die Bewegung zu demonstrieren…

Es ist dann eh während der Vernissage heruntergefallen und in der Mitte komplett durchgesprungen. Am Boden liegt es immer noch, ich habe es dort liegen lassen und schlicht umbenannt: Gute Ansichten/ Schiffbruch. Diese Geschichte des Bruchs wertet die Arbeit für mich auf. Das war Schicksal und warum sollte man das jetzt richten? Das ist Boot ist schon einmal gestrandet und jetzt strandet es eben noch einmal – nur, dass es dabei anders aussieht.

Die Bewegung der Objekte spielt in deinen Arbeiten folglich eine wesentliche Rolle…

Die Luft zirkuliert immer im Raum, in jeder Weise. Wenn man eine gewisse Symmetrie hat, reicht das aus, damit sich das Objekt immer wieder bewegt. Das macht es wiederum für das Auge spannend, weil sich das Objekt dadurch von stehenden, fixen Dingen unterscheidet. Zudem können sich die Objekte durch die Bewegung mit allen möglichen Sachen überschneiden – auch mit dem Hintergrund.

Die Kombination von Alt und Neu im Rahmen der Ausstellung bei Hofstätter Projekte ist auch für dich neu gewesen. Inwieweit hat dich dieses Projekt in deiner Arbeitsweise bereichert?

Es hat sich herausgestellt, dass die Verbindung zwischen Alt und Neu – sowohl der Materialien, als auch der Stile – sehr gut funktioniert. Es ist ein neues Feld, dennoch möchte ich es für’s Erste dabei belassen. Es war eine Herausforderung sich auf etwas Neues einzulassen. Das hat sehr gut geklappt und ich bin mit der Ausstellung und den Arbeiten zufrieden.

Vielen Dank!

// Interview von Sabrina Möller

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CONSTANTIN LUSER  | Das Neueste wird das Älteste sein

Noch bis zum 30. Oktober 2015
Hofstätter Projekte • Dorotheergasse 14 • A-1010 Wien
www.hofstaetter-projekte.com