Ausstellungsansicht CHTO 'Europia/Eutopia' in der Leipziger Baumwollspinnerei © Mittel-Europa

Als der Londoner Thomas Morus im Jahre 1516 sein Werk „Utopia“ verfasste, war er wirklich unzufrieden mit dem England seiner Zeit. Also konstruierte er eine neue Welt, ein mustergültiges Inselreich, harmonisch, gleichmäßig, ausgewogen. Dort gab es weder Armut, noch Arbeitslosigkeit, weder Krieg, noch Unstimmigkeiten. Alle Utopier trugen das Gleiche, aßen das Gleiche, arbeiteten sechs Stunden pro Tag, besaßen nichts, aber lebten in einer „Demokratie“, die Debatten über öffentliche Angelegenheiten – abseits des Senats – , mit der Todesstrafe sühnte. Vieles davon meinte Teilzeit-Satiriker Morus nicht wirklich ernst. Ganz im Gegenteil zu CHTO. Der französisch-jüdische Künstler entwirft mit seiner Ausstellung „Europa/Eutopia“ eine Utopie, die ernst genommen werden soll. Es geht dabei um das Europa der Jetzt-Zeit, um das, was aus der Vergangenheit resultierte und nun die Gegenwart formiert.

Ausstellungsansicht CHTO 'Europia/Eutopia' in der Leipziger Baumwollspinnerei © Mittel-Europa

Ausstellungsansicht
CHTO ‚Europia/Eutopia‘ in der Leipziger Baumwollspinnerei
© Mittel-Europa

Ausstellungsansicht CHTO 'Europia/Eutopia' in der Leipziger Baumwollspinnerei © Mittel-Europa

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CHTO ‚Europia/Eutopia‘ in der Leipziger Baumwollspinnerei
© Mittel-Europa

Dafür verwandelte der 39-jährige Künstler CHTO eine Halle der Leipziger Baumwollspinnerei in einen riesigen Blätterwald. „Dieser Raum ist keine Metapher, keine reine Darstellung“, sagt CHTO. „Für mich ist das Realität, so wie es gerade ist.“ Also streift der Besucher durch CHTOs Gegenwart, vorbei an in die Höhe ragenden Baumstämmen, die, so wirkt es, selbst nicht wissen, ob sie umfallen oder lieber standhaft bleiben sollen. Vorbei an großformatigen Bildern, die das Spiel von Baumverästelungen mit dem Wind ablichten, und an dürren Ästen, die aufgestellt und ineinander verschlungen, um etwas zu kämpfen oder sich zu lieben scheinen. Dabei ist das Rascheln des auf dem Boden liegenden Laubs der konstante Begleiter, einer, der den Wald in Kupfer zu vereinheitlichen scheint. Ganz so wie die Grundierung bei einem Gemälde, auf die der Künstler dann alles weitere aufbaut.

Konkret hat CHTO, der mit bürgerlichem Namen Alexis Mital heißt und seit 2006 unter dem Künstlernamen CHTO arbeitet, in seiner Installation einzelne Baumstämme zu einem Klettergerüst zusammengebaut. „Passing Boarder“ nennt sich dieses Werk innerhalb der Ausstellung, das vom kindlichen Spiel beeinflusst worden ist: „Ein spielendes Kind im Wald versucht immer den Dingen, die es umgibt, eine persönliche Note zu geben“, sagt CHTO. „Ich wollte einen Raum kreieren, der es Kindern erlaubt, zu spielen, zu leben, zu schlafen.“ Tatsächlich war es den Besuchern in der Eröffnungsnacht erlaubt, dort in Schlafsäcken zu übernachten. Inmitten der Kunst, die nach CHTO zeigt, wo Europa im 21. Jahrhundert nun steht: irgendwo zwischen Utopie und Dystopie. Dafür stehen eben diese Leuchtschriften an der Wand, die den Raum in zwei Lager teilen. Auf der einen Seite das Nicht-Erstrebenswerte, die Antiutopie, das Szenario einer Gesellschaft, die sich zum Negativen entwickelt. Konkret meint CHTO dabei die Dramatik der aktuellen Flüchtlingsthematik, das Ausgrenzen von Menschen, die ihre gefährlich gewordene Heimat verlassen, um im „sicheren Europa“ Schutz zu suchen. Die Entwicklung Europas zu einem künstlichen Paradies, das auf tragische Weise seine Identität definiert, indem es mörderische Grenzen zieht. Und den Niedergang der europäischen Idee, weil die tatsächlichen Vorstellungen leider starr und festgefahren sind.

Auf der anderen Seite die Utopie, der Wunschtraum, das Szenario eines „Nicht-Ortes“, das gut und gerne wahr werden kann. In dem Kinder spielen, Vögel zwitschern und kein Schutzraum mehr nötig sein muss. Indem die starren Konzepte verpufft und in Vertrauen umgeschlagen sind, weil eben nichts fix und alles dem endlosen Wandel unterlegen ist. „Das hier ist ein Versuch, mit der ewigen Transformation zu leben, dem Schwindel ein Zuhause zu geben.“

Ausstellungsansicht CHTO 'Europia/Eutopia' in der Leipziger Baumwollspinnerei © Mittel-Europa

Ausstellungsansicht
CHTO ‚Europia/Eutopia‘ in der Leipziger Baumwollspinnerei
© Mittel-Europa

Ausstellungsansicht CHTO 'Europia/Eutopia' in der Leipziger Baumwollspinnerei © Mittel-Europa

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CHTO ‚Europia/Eutopia‘ in der Leipziger Baumwollspinnerei
© Mittel-Europa

Tatsächlich war für CHTO, beziehungsweise Alexis Mital, der Wald jahrelang sein Zuhause. Geboren in Lyon, als Enkel des Gründers der Danone-Gruppe, lebte er mit seinen Eltern in einem kleinen französischen Wald. Erst mit 11 Jahren zogen seine Familie und er zurück in die Stadt, nach Paris. Mital arbeitete als Erwachsener dann als Journalist, gründete sein eigenes Magazin und schrieb unter dem – für seine literarischen Werke vorgesehenen – Künstlernamen Camille de Toledo unter anderem „Goodbye Tristesse“, ein wütendes antikapitalistisches Buch, mit dem er die wahre Kritik am Kapitalismus wieder aufleben lassen will.

Dass CHTO ein eigensinniger Visionär ist, der den Ist-Zustand gerne hinterfragt und tief durchdringt, erklärt seine Biografie und macht diese Ausstellung deutlich. Dass er in zahlreichen Disziplinen tätig ist, aber auch. Ja, „Europa/Eutopia“ ist eine Installation, die an einigen Stellen zu plakativ geraten ist und leicht verkitscht daherkommt. Ja, es ist nicht wahnsinnig bahnbrechend, was CHTO hier entworfen hat. Aber das muss es vielleicht auch nicht. CHTO stellt sich der politischen Debatte, analysiert klug das Heute anhand von Gestern, gibt gleichzeitig Raum zum Denken und Durchatmen und schafft eine Vision. Eine, an die zu glauben, gerade in diesen Zeiten so essentiell wie notwendig sein kann.

// Stefanie Schneider

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CHTO – EUROPIA/EUTOPIA

Ausstellung: 24/10 – 15/12/2015
Leipziger Baumwollspinnerei 14 • www.spinnerei.de