Ausstellungsansicht: Politischer Populismus, Kunsthalle Wien 2015
Foto: Stephan Wyckoff: Simon Denny, Secret Power Highlighted, 2015 
Courtesy der Künstler, Galerie Buchholz Berlin/Köln und Galerie Petzel, New York

Politischer Populismus – der plakative Titel der aktuellen Ausstellung in der Kunsthalle Wien lässt großes erwarten. Rund 25 internationale Künstlerinnen und Künstler wurden dazu eingeladen auf spezifische populistische Argumentationsmuster zu reagieren. Dabei gibt es – von Asyl- und Flüchtlingspolitik über Überwachung, Zensur oder globaler Finanzwirtschaft – kaum ein Thema der Gegenwart, das nicht aufgegriffen wird. 

Ausstellungsansicht: Politischer Populismus, Kunsthalle Wien 2015 Foto: Stephan Wyckoff: Simon Denny, Secret Power Highlighted, 2015  Courtesy der Künstler, Galerie Buchholz Berlin/Köln und Galerie Petzel, New York

Ausstellungsansicht: Politischer Populismus, Kunsthalle Wien 2015
Foto: Stephan Wyckoff: Simon Denny, Secret Power Highlighted, 2015
Courtesy der Künstler, Galerie Buchholz Berlin/Köln und Galerie Petzel, New York

Der Titel der aktuellen Ausstellung der Kunsthalle Wien ist nicht nur inhaltlicher Ausgangspunkt der Gruppenschau, sondern entpuppt sich vor allem auch als effektive Marketingstrategie. Von agitatorischen Ausstellungsplakaten über den populistischen Ausstellungstitel und propagandistische Teaser-Trailer auf Youtube bis hin zu exemplarischen Zitaten rechtspopulistischer Politiker auf den Social Media-Kanälen der Kunsthalle Wien: Kaum ein Detail wurde in den letzten Tagen und Wochen von der Kunsthalle Wien nicht vor dem Hintergrund populistischen Kalküls veröffentlicht. Auch der freie Eintritt zur Ausstellung ist programmatisch: „Bei der Konzeption der Ausstellung habe ich von Anfang an ‚freien Eintritt für alle’ mitgedacht – als sinnvolle Symbiose von kulturpolitischem Statement und populistischer Rhetorik“, so Kunsthallen-Direktor und Kurator Nicolaus Schafhausen. Spiegelt hier also die Form den Inhalt wider?

Die Ausstellung versammelt rund 25 künstlerische Positionen, die unterschiedliche Facetten und Tendenzen des brandaktuellen Phänomens „Populismus“ reflektieren sollen. Den Auftakt machte am Eröffnungsabend der dänische Performance-Künstler Christian Falsnaes, dessen Arbeiten von der Partizipation (um nicht zu sagen: vom Gehorsam) seines Publikums leben. Auch Saâdane Afifs Arbeit Play Opposite or Ubu Roi Disseminated wurde am Abend der Ausstellungseröffnung „aufgeführt“ und erinnerte an eine aktivistische Kampagne: Auf Flugzettel gedruckt, wurden Auszüge des Hauptwerks des absurden Theaters, Ubu Roi, im Rahmen der Ausstellung im öffentlichen Raum verteilt. Ahmet Ögüts minimalistische Skulptur hinterlässt ebenfalls einen bleibenden Eindruck: In Anlehnung an den mysteriösen, bewusstseinsverändernden Monolithen aus Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey, wird der Anti-Debt Monolith bei Einwurf einer Münze aktiviert und gibt Auskunft über den stetigen Anstieg überschuldeter Studierender in den USA. Die Erlöse (auch der Verkauf der Skulptur selbst) gehen übrigens an die Schuldenschnitt-Initiative Debt Collective. Nebenan setzt die aus dem Kosovo stammende Flaka Haliti sich mit Fragen von Flucht und Migration auseinander. Die mit blauem Sand gefüllten, gelben Ikea-Säcke verweisen nicht nur auf die mit dem Verlassen der Heimat einhergehende Entwurzelung, sondern stehen gleichzeitig auch für die Farben der Europäischen Union. Goshka Macuga bleibt nicht nur aufgrund des riesigen, ursprünglich für die documenta 13 entstandenen Wandteppichs in Erinnerung: Die monumentale Skulptur Family zeigt zwei Figuren, die auf ein lesendes Kind blicken und lässt die mit der Kleinfamilie verbundenen traditionellen Werte durch die schlichte Größe der Skulptur ins Propagandistische kippen.

Christian Falsnaes, Influence (Videostill), 2012, Courtesy PSM, Berlin

Christian Falsnaes, Influence (Videostill), 2012, Courtesy PSM, Berlin

Ausstellungsansicht: Politischer Populismus, Kunsthalle Wien 2015 Foto: Stephan Wyckoff: Goshka Macuga, Model for a Sculpture (Family), 2011, Courtesy die Künstlerin und Andrew Kreps Gallery, New York; Of what is, that it is; Of what is not, that it is not 1, 2012 Courtesy die Künstlerin und Prada Collection, Mailand

Ausstellungsansicht: Politischer Populismus, Kunsthalle Wien 2015
Foto: Stephan Wyckoff: Goshka Macuga, Model for a Sculpture (Family), 2011, Courtesy die Künstlerin und Andrew Kreps Gallery, New York; Of what is, that it is; Of what is not, that it is not 1, 2012
Courtesy die Künstlerin und Prada Collection, Mailand

Auffällig ist vor allem die Dichte der Video-Arbeiten: Während Lawrence Abu Hamdan sich in seiner komplexen 2-Kanal Videoinstallation näher mit der islamischen Rechtsprechung in Form des philosophischen Konzepts der Taqiyya auseinandersetzt, reflektiert die Installation des niederländischen Künstlers Erik van Lieshout die Auswirkungen der europäischen Asyl- und Flüchtlingspolitik. 89 Landscapes, die zweiteilige Videoarbeit des amerikanischen Künstlers Trevor Paglan hingegen, greift auf Material des von Edward Snowden handelnden Dokumentarfilms Citizenfour zurück. Ähnlich wie Snowden, deckt auch Paglan in seinen Arbeiten die versteckten Operationen amerikanischer und britischer Geheimdienste auf. Ein weiteres Highlight stellt Hito Steyerls Factory of the Sun dar. Bis Ende des Monats auch noch im deutschen Pavillon der Venedig Biennale zu sehen, lässt die Arbeit das Publikum in ein Hybrid von Film und Virtual Reality eintauchen, dessen Bilderflut eine von NSA und Dronen überwachte Internetwelt produziert. Hito Steyerl ist nicht die einzige künstlerische Position, die man vielleicht schon aus Venedig kennt. Simon Dennys Power Highlighted ist eine Variation der auf der Biennale gezeigten Installation Secret Power. Die Arbeit, deren Schwerpunkt auf der Darstellung komplexer Geheimdienstsysteme liegt, zeigt wie die Sammlung politisch relevanter Informationen mit den Ausdrucksformen von Autorität und nationaler Einheit zusammenhängen.

Der Großteil der künstlerischen Beiträge, die aktuell in der Kunsthalle Wien zu sehen sind, überzeugt auf Anhieb. Anstatt jedoch direkt auf das Phänomen „Populismus“ einzugehen, greifen die ausgewählten Arbeiten vielmehr die komplexen Mechanismen und Auslöser auf, die hinter politischen Strategien und populistischen Mustern stehen. Indem sie populistische Tendenzen auf eine zweite, subversive Ebene heben, kommentieren die KünstlerInnen vielmehr das Fundament populistischer Rhetorik, als den Populismus selbst. Obwohl die Konzeption und Umsetzung der Ausstellung formell sämtliche populistisch-verkürzende Hebel in Bewegung setzt, präsentiert sich die Ausstellung selbst überraschend unpopulistisch und erfordert – nicht zuletzt aufgrund der zahlreichen Videobeiträge – viel Zeit, um die nötigen Querverbindungen zu ziehen.

// Fanny Hauser

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POLITISCHER POPULISMUS

Ausstellung: 07. November 2015 bis 07. Februar 2016

Kunsthalle Wien • Museumsquartier • www.kunsthallewien.at