Josef Hoffmann Rauchgarnitur-Kassette, Wiener Werkstätte, 1906 Schätzpreis EUR 70.000 - 140.000 © Auktionshaus Im Kinsky

Für die kommende Woche kündigt sich im Wiener Auktionshaus Im Kinsky ein dreitägiger Marathon an, bei dem Stücke aus sämtlichen Sparten des Auktionshauses unter den Hammer kommen. Wir haben die Auktion zum Anlass genommen mit Mag. Roswitha Holly – Expertin für Antiquitäten und Jugendstil & Design – über die aktuellen Marktentwicklungen, Trends und Ihre Lieblingsobjekte aus der kommenden Auktion zu sprechen… 

Dagobert Peche Deckenluster, Wiener Werkstätte, 1920 © Auktionshaus Im Kinsky

Dagobert Peche
Deckenluster, Wiener Werkstätte, 1920
© Auktionshaus Im Kinsky

In der ersten Etage des Palais Kinsky, einem prachtvollen Wiener Barockpalais, befindet sich seit nunmehr 20 Jahren das Auktionshaus Im Kinsky. Inwiefern hat sich das Auktionshaus in diesen zwei Dekaden verändert? Wie sind die aktuellen Bewegungen am Kunstmarkt?

Während das Auktionshaus in seinen ersten Jahren hauptsächlich Kunst aus Österreich versteigert hat, ist das Angebot der letzten Jahre um einiges internationaler geworden. Die zeitgenössische Kunst ist weitaus stärker vertreten und auch bei den alten Meistern haben wir uns als ernstzunehmende Konkurrenz zu anderen Häusern entwickelt. Wir bemühen uns nach wie vor um eine ansprechende, qualitativ hochwertige Mischung in den unterschiedlichen Sparten.

Glauben Sie, dass das wachsende Interesse an Auktionen eine starke Konkurrenz für Galerien darstellt? 

Auktionen stellen sicherlich eine Konkurrenz zu Galerien dar, schon allein weil ihr Angebot international betrachtet weitaus breiter ist und weltweit über das Internet – inklusive der Verkaufspreise – einsehbar ist. Das Publikum, das bei Auktionen angesprochen wird, ist daher auch ein viel größeres, wodurch zum Teil auch höhere Preise erzielt werden können.
Bei einem Kauf über die Auktion muss man jedoch – zumindest beim ersten Mal – etwas Mut beweisen und über gute Nerven verfügen. So gibt es sicherlich auch Kunstkäufer, die diesen Nervenkitzel nicht brauchen und lieber eine fixe – wenn auch oftmals kostenintensivere – Zusage für ihr erstrebenswertes Kunstobjekt haben.

Das Im Kinsky versteigert Kunstwerke in den Sparten Alte Meister, Bilder des 19. Jahrhunderts, Klassische Moderne, Zeitgenössische Kunst, Jugendstil & Design und Antiquitäten. Eine solche Vielfalt an Sparten erfordert ein eingespieltes Team an Experten. Nach welchen Kriterien verläuft die Schätzung von Kunstwerken und Antiquitäten? 

Natürlich spielen bei der Einschätzung von Kunstobjekten mehrere Faktoren eine Rolle, die schwer voneinander zu trennen sind. Es ist meist die Mischung aus der Art der Darstellung, dem verwendeten Material, der Verarbeitung, dem Alter und der Seltenheit des Objekts. Ausschlaggebend ist natürlich auch – sofern eruierbar – wer und wo es geschaffen wurde und nicht zuletzt auch die Preisvorstellung des Einlieferers.

Kommt es auch manchmal vor, dass der tatsächlich erzielte Preis weit unter den Schätzungen liegt? Woran kann solch eine Preisentwicklung liegen? 

Bei uns kommt es eigentlich nur ganz selten vor, dass der erzielte Preis weit unter dem Schätzpreis liegt, da wir ja an die Verkäuferlimite gebunden sind. In manchen Fällen sind die Einbringer nach einer gescheiterten Auktion jedoch bereit ihr Kunstwerk auch zu einem weitaus niedrigeren Preis abzugeben.

Josef Hoffmann Rauchgarnitur-Kassette, Wiener Werkstätte, 1906 Schätzpreis EUR 70.000 - 140.000 © Auktionshaus Im Kinsky

Josef Hoffmann
Rauchgarnitur-Kassette, Wiener Werkstätte, 1906
Schätzpreis EUR 70.000 – 140.000
© Auktionshaus Im Kinsky

Sie selbst sind seit 2004 als Expertin für Antiquitäten und Jugendstil & Design im Auktionshaus Im Kinsky tätig. Was ist für Sie das Faszinierende an diesen beiden Sparten?

Interessant ist vor allem die Vielfältigkeit der beiden Sparten. Insbesondere bei den Antiquitäten werden wir immer wieder mit noch nie gesehenem, teils auch recht kuriosen Objekten konfrontiert. Es ist somit ein ständiger Lernprozess, der keine Langeweile aufkommen lässt. Beim Jugendstil faszinieren mich die Epoche allgemein und die Modernität der einzelnen Stücke im Speziellen.

Die Sparte der Antiquitäten umfasst die unterschiedlichsten Arten des Kunsthandwerks von der Antike bis 1900. Kommt es bei Recherchen zur Stil- und Provenienzgeschichte häufig zu Überraschungen?

Eher nicht.

Die kommende Jugendstil & Design Auktion am 24. November ist sehr umfangreich. Können Sie uns etwas zur „Rauchgarnitur-Kassette“ von Josef Hoffmann aus 1906 erzählen? Der Schätzpreis liegt zwischen € 70.000 – 140.000. Ist solch eine Preisschwankung ungewöhnlich? 

In unserem Auktionshaus wird prinzipiell immer eine sehr breite Spanne – meist das Doppelte – zwischen unterem und oberem Schätzpreis angeführt. Der untere Schätzpreis ist meist jener Preis, der zumindest geboten werden muss, ob eine reale Chance für einen Zuschlag zu bekommen. Der obere Schätzpreis dient als Richtlinie für die Interessenten, wie hoch wir die Steigerungschancen im Idealfall einschätzen. Das heißt selbstverständlich nicht, dass die Steigerung bei diesem Preis zu Ende ist. Oft erleben wir auch positive Überraschungen, wenn der obere Schätzpreis noch weit überschritten wird.

Deckelterrine mit Unterteller Meissen, um 1740 Rufpreis EUR 5.000 © Auktionshaus Im Kinsky

Deckelterrine mit Unterteller
Meissen, um 1740
Rufpreis EUR 5.000
© Auktionshaus Im Kinsky

Wie sieht es mit der Nachfrage aus? Gibt es derzeit mehr Interesse für Antiquitäten oder für Jugendstil & Design? Offensichtlich werden für Jugendstil- und Designobjekte höhere Preise erzielt. Was könnten Gründe für einen eventuellen Trend sein?

Gerade beim Kunstgewerbe sind Stücke aus dem 20. Jahrhundert derzeit gefragter als Antiquitäten im klassischen Sinn. Wirkliche Spitzenpreise werden für besondere Stücke von namhaften Künstlern – in unserem Haus sind dies insbesondere Objekte der Wiener Werkstätte – erzielt, die vor allem auch international gefragt sind. Ausschlaggebend für hohe Auktionsergebnisse ist, dass nicht nur österreichische Sammler mitbieten, sondern auch das Interesse von Sammlern aus dem Ausland geweckt wird, die im Idealfall als Gegenbieter auftreten.
Ein Grund für den Rückgang der Antiquitätenverkäufe liegt wohl darin, dass sich die jüngere, kaufkräftige Generation lieber mit moderneren Objekten umgibt und die ältere Generation bereits mit Antiquitäten ausreichend ausgestattet ist. Andererseits kommt es vor, dass sich Menschen im Alter lieber modern einrichten und dementsprechend auch Kunstobjekte aus der näheren Vergangenheit kaufen und sich von ihren – oftmals mit Erinnerungen vollbeladenen – Antiquitäten trennen. Bei dem Rückgang der Antiquitäten-Preise darf man jedoch nicht vergessen, dass diese vor ca. 30-40 Jahren einen regelrechten Boom erlebten und oft Preise für Objekte bezahlt wurden, die aus heutiger Sicht – in Hinblick auf die Qualität und die Häufigkeit – nicht gerechtfertigt waren. Die Käufer von heute sind weitaus kritischer und informierter.

Mag. Roswitha Holly © Teresa Zötl, Detailsinn Fotowerkstatt

Mag. Roswitha Holly
© Teresa Zötl, Detailsinn Fotowerkstatt

Bei der 109. Auktion, vom 24. – 26. November 2015, werden erlesene Kunstwerke präsentiert. Was sind Ihre persönlichen Highlights?

Bei den Antiquitäten sprechen mich am meisten die beiden prunkvollen Meissner Deckelterrinen (Kat.Nr. 424 und 425) aus der Zeit um 1740 an. Die Kombination aus Goldmalerei mit der sehr feinen Figuren- und Landschaftsstaffage ist extrem elegant und einfach schön anzusehen.

Mein Lieblingsstück im Jugendstil-Katalog ist zweifellos der Deckenluster, den die Wiener Werkstätte nach einem Entwurf von Dagobert Peche (Kat.Nr. 207) 1920 ausgeführt hat. Der Luster ist eine absolute Rarität, dem ein genialer Entwurf zugrunde liegt. Peche kombiniert hier – wie so oft – Altbewährtes und Neues mit einer ihm eigenen Spielerei, die dem Ganzen den unvergleichlichen Touch verleiht.

Vielen Dank! 

// Anna Maria Burgstaller

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109. Auktion – Erlesene Kunstwerke

Im Kinsky vom 24. – 26. November 2015

Palais Kinsky • Freyung 4 • A-1010 Wien

Zum Katalog: www.imkinsky.com

 

Mit freundlicher Unterstützung des Auktionshauses Im Kinsky