Niki Passath
A robot as a tourist
Courtesy: Galerie Peithner-Lichtenfels

Roboter bewegen sich selbstständig durch den Raum und hinterlassen Spuren. ‚Artist is obsolete‘ heißt die Ausstellung von Niki Passath, die am 26. November 2015 in der Galerie Peithner-Lichtenfels eröffnet wird. Anna Maria Burgstaller hat Niki Passath zuvor schon zum Interview getroffen …

Niki Passath A robot as a tourist Courtesy: Galerie Peithner-Lichtenfels

Niki Passath
A robot as a tourist
Courtesy: Galerie Peithner-Lichtenfels

Bleiben wir gleich bei dem Titel deiner Ausstellung ‚Artist is obsolete‘ und der englischen Definition von obsolete: „No longer in use and no longer likely to be understood“. Kann man diese Definitionsweise wörtlich nehmen? Ist der Künstler no longer in use? 

Der Ausstellungstitel ist als Denkanstoß gedacht. Für den Titel selbst hatte ich zwei Referenzen. Zum einen Marina Abramović, die den Künstler als Kunstwerk so extrem in den Mittelpunkt stellt und als Mensch schon fast maschinell funktioniert und performed. Zum anderen beziehe ich mich auf Stelarc, einen australischen Roboterkünstler, der den body als obsolete betrachtet. Einerseits stellt sich natürlich die Frage, ob es den Künstler direkt braucht, oder die Maschine auch selbständig agieren könnte. Andererseits wird der Künstler neben dem Werk oft gar nicht mehr genannt, weil das Namensschild nicht vom Werk ablenken soll. Aber was bedeutet das? Damit werden Kunstwerk und Künstler stark voneinander getrennt. Mir kommt es teilweise so vor, als ob sich die zuständigen Kuratoren gerne selbst präsentieren und das Kuratorische einfach über die Werke gestülpt wird. Dementsprechend könnte der Künstler mit seinem Namen neben dem Werk stören, weil das einzelne Werk in einer Gruppenausstellung erst in der gesamten Komposition bedeutend wird. Bei Einzelausstellungen ist das anders, da braucht man den Namen natürlich nicht nochmals neben jedem Werk anführen.

Du bist im Bereich der medienkünstlerischen Praxis und Forschung tätig und hast einen Lehrauftrag an der Universität für Angewandte Kunst. Wann hast du begonnen das Verhalten der Menschen gegenüber Maschinen und Natur zu untersuchen? Woher das starke Interesse?

Seit ich fünf Jahre alt bin spiele ich Cello, mit elf Jahren habe ich begonnen klassisches Cello zu studieren. Der Musik habe ich mich auch sehr lange gewidmet, bis ich dann nach Wien gekommen bin, um Architektur zu studieren. Schließlich bin ich in der zeitgenössischen Kunst gelandet. Den Ursprung meiner Arbeit sehe ich aber in der klassischen Musikerziehung, die mit sehr viel Drill funktioniert. Dadurch lernt man aber auch, was für unglaubliche Fähigkeiten der menschliche Körper hat. Klassische Musik entsteht dadurch, dass man ein Instrument, also eine Maschine, in irgendeiner Form manipuliert. Das hat dazu geführt, dass ich immer ein Instrument brauche, um mich über dieses auszudrücken. Das Thema Natur hingegen kommt durch meine ganzen Allergien. Alles was Natur ist führt bei mir zu Juckreiz. Ich habe also ein extrem ambivalentes Verhältnis zur Natur, irgendwo zwischen Begeisterung und Scheu. Deswegen funktionieren die Maschinen auch wie ein Platzhalter für mich, die in der Natur Dinge tun, die ich nicht wirklich genießen könnte.

Wo hast du gelernt Roboter zu bauen? Wie sah dein erstes Roboterwesen aus?

Ich führe ein Dasein als Autodidakt innerhalb verschiedener Lehrsysteme. Seit ich mit dem Studium begonnen habe bin ich durchgehend im universitären Kontext zuhause. Die Techniken und Technologien, also meine Fertigkeiten und das Handwerkliche, habe ich mir alles selbst beigebracht. Ich sehe mich auch nicht als Spezialist, jeder Elektroniker kann das technisch besser. Aber ich mache halt andere Sachen damit, die ein Spezialist nicht machen würde. Mein erstes Roboterwesen war Kurt, die Tätowiermaschine, in 2002.

Künstliche Intelligenz spielt immer wieder eine Rolle. Die „Kreaturen“ reagieren auf ihre Umgebung und unterliegen keinem vermeintlich berechenbaren System. Macht das die Maschinen stückweit lebendig? 

Künstliche Intelligenz interessiert mich intellektuell sehr, technisch ist es aber nicht möglich. Ich habe aber erkennt, dass künstliche Intelligenz nicht unbedingt etwas ist, das in einem System enthalten sein muss. Meinen Robotern hat jeder eine gewisse Intelligenz zugeschrieben. Es gibt also so etwas wie interpretierte künstliche Intelligenz. Ich versuche künstliche Intelligenz in der Form einzubauen, dass die Roboter erst lernen sich fortzubewegen. Die Spuren dieses „Fortbewegen-Lernens“ dienen dann als Erkenntnisgewinn.

Niki Passath 'Volker Reloaded' © Lena Mayer. Courtesy: Galerie Peithner-Lichtenfels

Niki Passath ‚Volker Reloaded‘ #02
© Lena Mayer. Courtesy: Galerie Peithner-Lichtenfels

Niki Passath Zoe - the australian tourist kangaroo. Encounter 4 Courtesy: Galerie Peithner-Lichtenfels

Niki Passath
Zoe – the australian tourist kangaroo. Encounter 4
Courtesy: Galerie Peithner-Lichtenfels

Zoe – so nennt sich eine Gruppe kleiner, insektenähnlicher Roboter, die Menschliches und Zwischenmenschliches in Maschinenform darstellen sollen. Wie funktioniert dieses Konzept?

Dadurch, dass es eine Gruppe von kleinen sich bewegenden Robotern ist, entstehen viele unterschiedliche Konstellationen innerhalb der Gruppe. Ganz wichtig ist, dass die Maschinen sich nicht nachvollziehbar bewegen. Wenn Dinge passieren, die sich nicht völlig logisch erklären lassen, will der Mensch sich das emotional erklären. Zusätzlich sieht der Mensch sich immer selber in allem, da müssen die Roboter nicht wirklich menschlich sein. Sensoren und Lampen werden sofort als Gesicht erkannt. Die Reaktionen des Publikums auf die kleinen Roboter sind auch immer interessant. Durch das Verhalten der Maschinen verändert der Mensch sein Verhalten. Da bin ich auch schon auf die Vernissage gespannt.

Die Verbindung zwischen Mensch und Maschine wird bei „Kurt“ – Symbiont am menschlichen Körper – deutlicher. Mittels Injektionsnadeln und Tinte tätowiert diese Maschine ein dauerhaftes Symbol auf die menschliche Haut. Inwiefern kann man sich unser Verhältnis zur Technik als Symbiose vorstellen?

Hier ging es mir um die emotionale Verbindung zwischen Mensch und Maschine. Ich habe herausgefunden, dass die Beziehung zwischen Tätowierer und Tätowierten meistens ganz wichtig ist. Die Symbiose entsteht einerseits dadurch, dass ein Teil der Maschine in Form der Farbe für immer in meinem Körper steckt. Andrerseits muss ich der Maschine dafür entgegenkommen, es ist also eine gemeinsame Tätigkeit. Durch das Tattoo ist die Maschine wirklich ein Teil von mir geworden. Immer wenn ich darauf schaue, werde ich an diese Verbindung erinnert.

Volker, eine maschinelle Prothese, steht weniger für das Verschwinden des Menschlichen, sondern betont eher die fließenden Grenzen. Warum bringst du Mensch und Maschine immer wieder in ein solches Nahverhältnis? Sind maschinelle Prothesen eine Erweiterung des Menschen?

Maschinen können durchaus Erweiterung des Menschen sein. Eine Geige beispielsweise ist die Erweiterung des Musikers. Bei Smartphones hätten sie es gern, aber es funktioniert nicht ganz. Die Möglichkeiten eines Smartphones sind großartig, nur nutzt man das nicht aus. Internet bedeutet youporn und Katzenvideos – da ist ein großer Abstand zwischen Möglichkeiten und Realität. Grundsätzlich bin ich schon für eine Vermischung und Symbiose zwischen Mensch und Maschine, aber nicht so.

Zoe, Kurt und Volker – die verschiedenen Roboter so zu taufen ist sicherlich kein Zufall. Warum diese Namen? Dient das der Vermenschlichung technischer Werkzeuge?

Ich mache das eben wie bei Hunden. Der Namen ist aber auch die Möglichkeit des Künstlers seine eigene Interpretation des Werkes ein bisschen anzudeuten. Wenn etwas einen Namen hat, dann kann man es ansprechen. Bei Starwars hatten die Roboter noch keine menschlichen Namen, weil man sonst gleich erkannt hätte, dass da ein Mensch im Kostüm steckt. Heut haben aber auch Roboter in Filmen Menschennamen, weil man es technisch schon so gut hinbekommt.

Wie verhält sich die Kunst zur Physik? Lässt sich der Geist einer Maschine logisch erklären? Was genau ist maschineller Ungehorsam?

Durch Quantenphysik und Quantenmechanik werden viele Gedankenspiele möglich. Ich kenn mich zwar nicht wirklich aus, aber ich verfolge das Ganze auf populärwissenschaftlicher Ebene. Quantenphysikalisch ist Gott möglich, Glaube und Naturwissenschaften widersprechen sich also nicht mehr zwangsläufig. Maschineller Ungehorsam geht mehr in die Richtung der körperlichen Form. Ich versuche Fehler einzubauen. Aber die Fehler müssen so sein, dass eine gewisse Funktionalität gewährleistet ist und dennoch etwas Unvorhersehbares nicht ausgeschlossen wird. Eigentlich ist es nicht möglich absichtlich einen Fehler zu machen, deshalb musste ich meine Methode so ändern, dass Fehler zugelassen werden. Ich versuche also so wenig wie möglich an Werkzeugen zu nutzen und mit Körperlichkeit zu arbeiten. Zusätzlich sehe ich maschinellen Ungehorsam als eine Art zivilen Ungehorsam. Ziviler Ungehorsam drückt viel Emotionales aus, so ist das auch mit dem maschinellen Ungehorsam.

Niki Passath 'Volker Reloaded' #03 © Lena Mayer. Courtesy: Galerie Peithner-Lichtenfels

Niki Passath ‚Volker Reloaded‘ #03
© Lena Mayer. Courtesy: Galerie Peithner-Lichtenfels

Niki Passath 'Volker Reloaded' #01 © Lena Mayer. Courtesy: Galerie Peithner-Lichtenfels

Niki Passath ‚Volker Reloaded‘ #01
© Lena Mayer. Courtesy: Galerie Peithner-Lichtenfels

PAINTING TRACES sind Roboter, die Farbspuren nach sich ziehen. Somit wird das Verhalten autonom navigierender Maschinen im Raum mittels „gemalter Spuren“ visualisiert. Welche Schlüsse lassen sich aus den Bewegungsstudien robotischer Objekte schließen?

Ich glaube, dass grundsätzlich sehr viel Unbewusstes passiert, gerade in der Kunst. Ich mag Konzeptkunst, aber das ist nicht unbedingt meine Methode. Alle Dinge die man denkt, fließen automatisch in Tätigkeiten ein. Wenn ich also eine Fotoserie mache, werden meine Einstellungen und Überlegungen in den Fotos durchkommen. Außerdem bin ich stark gegen industrielle Normtechniken. Die Maschinen funktionieren sehr intuitiv, da gibt es keinen Plan. Ich fang einfach an zu bauen, es gibt zwar eine Idee aber der Rest passiert unbewusst. Dementsprechend bin ich immer sehr darauf gespannt, wie die Roboter im Raum agieren.

Welche Rolle spielt der Raum in deinen Untersuchungen? In welcher Verbindung steht der öffentliche Raum mit den Medien? 

Medien sehe ich mittlerweile universal, auch Bild und Person zählt dazu. Ich glaube, dass man nicht um den Raum herumkommt. Es wird unterschätzt, wie wichtig der Raum ist.  Was man ganz klar daran sehen kann, wie heute öffentliche Gebäude im Vergleich zu damaligen Prachtbauten aussehen. Raum ist einfach die Grundbedingung und wirkt sich stark auf unsere Empfindungen aus. Das wird heute einfach nicht mehr bedacht.

Apropos Raum: Was darf man als Galeriebesucher erwarten? Wie werden deine Roboterwesen präsentiert? 

Ich habe versucht ein breites Spektrum zu zeigen. Eigentlich ist es wild gemischt: eine Gruppenausstellung, ohne dass es eine Gruppe ist. Es gibt im unteren Teil der Galerie den „alten Mann“ und seinen Hund, die spazieren gehen werden und in den oberen Räumen einen Roboter mit Farbspuren. Es geht mir um die Nicht-Verortbarkeit eines Kunstobjektes. Der Platz eines Kunstwerkes erscheint immer wichtig, doch ich finde diese Territorialität innerhalb einer Ausstellung überholt. Die Sachen agieren sowieso miteinander und der Raum verändert sich durch die Bewegung des Objektes. Es gibt also auch nicht die absolute Position. Ich würde die Starrheit dieser Gedankenwelten gerne aufbrechen.

Beispielsweise habe ich noch nie Zeichnungen in dieser Intensität gezeigt, auch das ist eine kleine Provokation. Jahrelang wurde mir immer gesagt, dass Medienkünstler so etwas nicht machen. Solche Dogmen zweifle ich stark an, ich sehe nicht ein warum es hier Grenzen geben sollte. Deshalb wird der Roboter auch schwarze und weiße Farbspuren hinterlassen, da geht es auch um die Vermischung der Grenzen. Das Weltbild muss nicht immer so strikt definiert sein, gerade die Übergänge sind das Interessante.

// Anna Maria Burgstaller 

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ARTIST IS OBSOLETE – NIKI PASSATH

Ausstellung: 27/11/2015 – 23/01/2016
Vernissage: 26/11/2015 ab 19 Uhr
Galerie Georg Peithner-Lichtenfels • Sonnenfelsgasse 6 • 1010 Wien • www.peithner-lichtenfels.at

 

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Mit freundlicher Unterstützung der Galerie Peithner-Lichtenfels