Richard Serra: Bramme für das Ruhrgebiet, 1998, wetterfester Walzstahl, 1450 x 420 x 13,5 cm, Gewicht ca. 67 Tonnen, installiert auf der Schurenbachhalde, Essen, © VG BILD-KUNST, BONN, Foto: RAG.

Mit dem Ruhrpott – oder schlicht dem Pott – verbindet sich auch heute noch ein etwas farbloses Image. Zu Unrecht. Das Ruhrgebiet ist immer noch eines der größten Ballungszentren Europas, das sich nicht bloß durch die Industrie charakterisiert. Dass diese Region besonders im Bereich der Kunst wesentlich unterschätzt ist, berichten Dr. Uwe Rüth – Kunsthistoriker und ehemaliger Leiter des Skulpturenmuseums Glaskasten in Marl – und Olaf Fuldner, der die Online-Plattform kunstgebiet.ruhr ins Leben gerufen hat, im Gespräch. 

Richard Serra: Bramme für das Ruhrgebiet, 1998, wetterfester Walzstahl, 1450 x 420 x 13,5 cm, Gewicht ca. 67 Tonnen, installiert auf der Schurenbachhalde, Essen, © VG BILD-KUNST, BONN, Foto: RAG.

Richard Serra: Bramme für das Ruhrgebiet, 1998, wetterfester Walzstahl, 1450 x 420 x 13,5 cm, Gewicht ca. 67 Tonnen, installiert auf der Schurenbachhalde, Essen, © VG BILD-KUNST, BONN, Foto: RAG.

Berlin, Düsseldorf, Hamburg und München scheinen Ballungszentren der Kunst in Deutschland zu sein. Wie steht es derzeit um die Kunst und den Kunstmarkt im Ruhrgebiet? 

Uwe Rüth: Eine breite und sehr heterogene Künstlerschaft, die sich sowohl international wie national bemerkbar macht, gibt den Ton an. Diese Künstler sind zum Großteil herausgewachsen aus einer für das Ruhrgebiet seit dem zweiten Weltkrieg erwachsenen selbstbewussten und äußerst aktiven Breite an Künstlern, die als kreatives Potential in der Industriemetropole Ruhr und darüber hinaus immer aufs Neue Akzente gesetzt hat: Die Künstlergruppen ‚Junger Westen‘, B 1, Gruppe ‚gerade‘ u.a. stehen beispielhaft hierfür. Heute zeigen sich die Künstler international vernetzt, gut ausgebildet – in einer den sogenannten Kunstzentren an nichts nachstehenden Breite und Qualität. Dieses über die Grenzen des Ruhrgebiets hinaus darzustellen und bekannt zu machen, hat sich ‚kunstgebiet.ruhr‘ zur Aufgabe gestellt.

Der Kunstmarkt im Ruhrgebiet hat diese Dichte nicht, da die rheinischen Zentren wie Düsseldorf und das von Ihnen in der Frage erstaunlicher Weise übergegangene Köln immer unmittelbare Bezugspunkte waren und sind. In den letzten Jahrzehnten haben sich aber zu den alten, renommierten Galerien – wie etwas der Galerie Utermann in Dortmund, der Galerie Neher in Essen und der Avantgarde-Galerie ‚galerie m‘ in Bochum – eine dichter werdende jüngere Galerie-Welt hinzugesellt: zum Beispiel die Galerie Frank Schlag in Essen, Galerie Anne Voss in Dortmund, Galerie Obrist und die Galerie Schütte in Essen, die Galerien Kabuth und Idelmann in Gelsenkirchen. Ein besonderer Hinweis ist auch die ‚44309 streetartgallery‘ wert, die seit 2010 in Dortmund arbeitet. Eine enge Verzahnung mit den rheinischen Galerien öffnet dem Künstler des Ruhrgebiets darüber hinaus ein weites Feld der kommerziellen Möglichkeiten.

Was Käufer- und Sammlerschichten im Ruhrgebiet betrifft, so ist hier eine große Dichte und Potenz zu verzeichnen, von denen immer noch Galerien im Rheinland und sogar in Berlin profitieren. So ist die Möglichkeit für den Kunsthandel, unmittelbar im und vom Ruhrgebiet aus zu agieren, durchaus eine ernste Überlegung wert. Auskünfte, Hilfsstellungen und Anregungen hierzu gibt die Kultur Ruhr GmbH in Gelsenkirchen.

Mit welchen Herausforderungen und Schwierigkeiten kämpft das Ruhrgebiet? Wo sehen Sie die größten Mängel – sowohl hinsichtlich der redaktionellen Sichtbarkeit wie auch in Hinblick auf die Sichtbarkeit von Institutionen, Galerien und Künstlern? 

Uwe Rüth: Nach wie vor wird das Ruhrgebiet in seiner künstlerischen Potenz – vom Ausstellungswesen bis zur Künstlerschaft – stark unterschätzt. Zwar haben die großen Anstrengungen seit 1990 durch die IBA Emscherpark und die Kulturhauptstadt im Jahr 2010 die Kultur dieser Region deutschland-, europa- und weltweit bekannt zu machen, durchaus Erfolg gehabt, und doch muss hier immer wieder erneut nachgelegt werden. Ein Nachteil ist, dass es im Ruhrgebiet leider keine national und erst recht nicht international wahrgenommene Presse gibt. Hinzu kommt, dass bei den vorhandenen Medien die Kultur meist nur eine untergeordnete Rolle spielt. Hier versucht das ‚kunstgebiet-ruhr‘ neue Maßstäbe zu setzen. Aber die neuen Akzente der zu einem Verbund zusammengeschlossenen 20 Museen des Ruhrgebiets, die Initiative ‚Urbane Künste Ruhr‘ der Kultur Ruhr GmbH mit ihren spektakulären Kunstprojekten in den öffentlichen Bereichen des Ruhrgebiets, die zwei großen Ausstellungen ‚Emscherkunst‘ sowie das weit gefächerte Programm der Ruhrgebiets-Triennale haben weit über die Grenzen hinaus klar gemacht: Ruhrgebiet = Kulturgebiet. Doch nach wie vor bleibt auf dem PR-Gebiet noch viel zu tun.

Beobachten Sie, dass potentiell erfolgreiche Künstler, Galeristen und auch Kuratoren tendenziell eher in die großen Städte abwandern? 

Uwe Rüth: Diese Beobachtungen war wohl in den Jahren um 2000 zu machen, inzwischen aber hat sich dies sichtbar verlangsamt. Teilweise kann man feststellen, dass die verkehrstechnisch gute Lage zum rheinischen Gebiet und das enger und teurer werdende Berlin Künstler veranlassen, im Ruhrgebiet zu bleiben oder gar zurück zu kommen. Durch die große Dichte an Ausstellungsorten im Ruhrgebiet ist auch die Dichte an guten Kuratoren groß. Das auf moderne und zeitgenössische Kunst konzentrierte Kunsthistorische Institut der Universität Bochum mit dem ihm angeschlossenen Museum mit der hervorragenden ‚Situation Kunst‘ in Bochum Weitmar als Ausbildungsort für angehende Kuratoren sorgt auch für entsprechenden Nachwuchs.

Maik und Dirk Löbbert: Hochlarmark bleibt in Bewegung, 2003/05, Neonlicht, Seilscheiben illuminiert, Durchmesser ca. 600 cm, Stadtteilpark Hochlarmark, Förderturm des Schachtes Konrad Ende, Recklinghausen, © VG BILD-KUNST, BONN, Foto: Andreas Ren

Maik und Dirk Löbbert: Hochlarmark bleibt in Bewegung, 2003/05, Neonlicht, Seilscheiben illuminiert, Durchmesser ca. 600 cm, Stadtteilpark Hochlarmark, Förderturm des Schachtes Konrad Ende, Recklinghausen, © VG BILD-KUNST, BONN, Foto: Andreas Ren

Welche Schritte und Initiativen wären Ihrer Meinung nach nötig, um die Sichtbarkeit der Kunst im Ruhrgebiet sowohl national wie auch international zu vergrößern? Welche Maßnahmen schlagen Sie vor? 

Uwe Rüth: Der Kunstszene des Ruhrgebiets muss es gelingen, eine gleichberechtigte Stellung neben den großen Kunstzentren zu erlangen. Dies ist nur durch eine Intensivierung der PR-Arbeit zu erreichen. Durch Vernetzung mit Presse, Institutionen und Internet-Plattformen muss in den anderen Regionen Deutschlands und Europas das qualitätsvolle Gesamtbild der Kunst im Ruhrgebiet immer aufs Neue erscheinen: Die Potenz ist da, sie muss nur noch bekannter und deutlicher gemacht werden. Der Kultur und Kunst im Ruhrgebiet muss es gelingen, das Vorurteil einer beengten Malocherregion durch das reale Bild einer lebendigen, hoch motivierten qualitätsvollen Kunstregion endgültig abzulösen.

Sie haben mit kunstgebiet.ruhr einen digitalen Kunstführer ins Leben gerufen, der sich auf die Kunst im Ruhrgebiet konzentriert. Ein non-profit Projekt, das durch die RAG Stiftung gefördert wird. Wie kam es zu der Idee? Gab es eine Art auslösendes Moment? 

Olaf Fuldner: Ja, zum einen den persönlichen Bedarf schnell, einfach und umfassend Informationen zu Ausstellungen, Kunstaktivitäten im Ruhrgebiet zu finden. Und zweitens aufgrund der – natürlich auch strukturell bedingten – Vielfalt, die sich auf eine Menge von Informationsquellen verteilt, diese zusammenzubringen und damit zu dokumentieren, welche geballte Kraft, Qualität und Quantität die bildende Kunst im Ruhrgebiet längst hat.

Der digitale Kunstführer wurde mit dem Anspruch gegründet, Künstlern mit Relevanz für das Ruhrgebiet eine größere Sichtbarkeit zu schaffen. Dabei ist die Einbindung des jeweiligen Künstlers/in an die Bedingung geknüpft, dass diese/ dieser entweder im Ruhrgebiet geboren wurde oder alternativ seit mind. 10 Jahren dort lebt. Wie legen Sie die Relevanz des jeweiligen Künstlers für das Ruhrgebiet fest? Gibt es konkrete Kriterien? 

Uwe Rüth: Weitere Grundvoraussetzungen sind die Ausbildung an einer Kunstakademie oder einer vergleichbaren Ausbildung sowie der Nachweis von relevanten überregionalen Ausstellungen. Nach der Prüfung dieser Punkte wird die künstlerische Qualität der Werke des/der Künstlers/in durch ein Gremium von drei ausgewiesenen Museumsfachleuten für moderne und zeitgenössische Kunst kritisch beurteilt. Alle diese Punkte führen zur endgültigen Entscheidung.

Dan Flavin: Ohne Titel, 1996, Leuchtstoffröhren, ohne Maße, Glashalle des Wissenschaftsparks, Munscheidstraße, Gelsenkirchen, © Estate of Dan Flavin/ VG BILD-KUNST, BONN, Foto: Andreas Ren.

Dan Flavin: Ohne Titel, 1996, Leuchtstoffröhren, ohne Maße, Glashalle des Wissenschaftsparks, Munscheidstraße, Gelsenkirchen, © Estate of Dan Flavin/ VG BILD-KUNST, BONN, Foto: Andreas Ren.

Auf kunstgebiet.ruhr geben Sie nicht nur den Künstlern eine Sichtbarkeit, sondern haben auch für Institutionen, Galerien und Vereine Bereiche angelegt, schlagen Ihren Leser sogar mögliche Kunstrouten vor. Inwieweit gehen Sie dabei auch auf das aktuelle Ausstellungsgeschehen ein? 

Uwe Rüth: Unter der Rubrik ‚Termine‘ im übergeordneten Menü gibt es hierzu verschiedene Unterpunkte: Im ‚Ausstellungskalender‘ sind für jeden Tag die laufenden Ausstellungen zu finden, unter ‚Demnächst eröffnet‘ findet man die aktuellen Eröffnungstermine neuer Ausstellungen, unter ‚kurz vor Schluss‘ die Ausstellungen, die bald geschlossen werden. Weitere aktuelle Hinweise gibt es dann noch unter den Rubriken ‚Tipps der Woche‘ und ‚auf gut Glück‘. Es ist also durchaus ein Schwergewicht auf das Ausstellungsgeschehen im Ruhrgebiet gelegt und der Interessierte kann leicht eine Orientierung erfahren.

Außerdem sorgt der wöchentlich erscheinende Kunst-Blog, der aktuelle Themen, so auch besondere Ausstellungsprojekte, beleuchtet und kritisch hinterfragt.

Der bekannteste Künstler aus dem Ruhrgebiet ist zweifelsohne Josef Albers. Wenn Sie heute eine ‚3 Artists to watch‘-Liste von lebenden Künstlern aus dem Ruhrgebiet erstellen müssten – wer wären diese drei Künstler? 

Uwe Rüth: Klassiker sind natürlich neben Josef Albers auch Wilhelm Lehmbruck, Christian Rohlfs und Otto Steinert. Auch wichtig zu erwähnen sind die bereits verstorbenen Künstler Martin Kippenberger, Emil Schumacher und Kuno Gonschior.

Es gibt viele Künstler aus dem Ruhrgebiet, die man im Auge behalten sollte. Dazu gehört etwa Laas Abendroth aus Mülheim a.d.R. und Alice Könitz aus Essen, die heute in Los Angeles lebt. Außerdem möchte ich noch Julius Stahl aus Witten a.d.R., Gereon Krebber aus Oberhausen und Daniel Burkhardt, aus Bochum unbedingt erwähnen. Sie sehen, es ist schwierig sich auf nur drei Künstler zu beschränken. Und es gibt noch viele weitere hervorzuhebende Künstlerinnen und Künstler!

Kunst und Kohle – so heißt eine der Kategorien auf kunstgebiet.ruhr. Inwieweit wurden Künstler in der Vergangenheit durch das Thema Kohle und den Pott in ihren Arbeiten beeinflusst? Können Sie uns Beispiele nennen? 

Uwe Rüth: Hier wäre es notwendig, eine historische Entwicklung der Kunst im Ruhrgebiet vorzulegen, die entscheidend durch den Bergbau und die Industrie der Region herausgefordert wurde. So sind die Aktivitäten der Künstlergruppen Junger Westen – u.a. mit Emil Schumacher, Thomas Grochowiak und Ernst Hermanns – und ‚B 1‘ – u.a. mit Friedrich Gräsel, Kuno Gonschior, Rolf Glasmeier – hierauf ebenso zurückzuführen, wie andererseits Werke von Richard Serra („Bramme für das Ruhrgebiet“ auf der Schurenbachhalde bei Essen, 1998), Christian Boltanski („La Réserve – Bergwerk Auguste Victoria/Blumenthal“, 2001, im Skulpturenmuseum Glaskasten Marl) oder Bernd und Hilla Becher (Großfotografien von Fördertürmen an der Außenwand der Kraftzentrale in Duisburg Nord, 1999) den internationalen Aspekt der Bedeutung der Kohle im Ruhrgebiet belegen.

kunstgebiet.ruhr - Der digitale Kunstführer © kunstgebiet.ruhr

kunstgebiet.ruhr – Der digitale Kunstführer
© kunstgebiet.ruhr

Was erwarten Sie sich langfristig von dem Projekt kunstgebiet.ruhr? Wie würden Sie Ihre Ziele formulieren? 

Olaf Fuldner: Wenn alle Kunstwerke im öffentlichen und halböffentlichen Raum erfasst werden, gehen wir davon aus, dass das Ruhrgebiet das größte Museum der Welt für Kunst im öffentlichen Raum ist und kunstgebiet.ruhr gibt die dazu notwendige Übersicht.

Vielen Dank! 

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kunstgebiet.ruhr

Der digitale Kunstführer für das Ruhrgebiet

www.kunstgebiet.ruhr

 

In Zusammenarbeit mit kunstgebiet.ruhr