Ausstellungsansichten, das weisse haus, 2015
Birgit Knoechl, aus der Serie CUT_OUT_BLACK Nr. XXXXII, 2015 
Foto: © eSeL.at

DIS-ORDNUNG – die Poesie des Wucherns I zeigt Arbeiten der Künstlerinnen Birgit Knoechl und Simona Koch. Alles dreht sich um das Wuchern, ob pflanzlich oder menschlich. Der flexible Kunstverein das weisse haus experimentiert fortlaufend mit verschiedenen ortsspezifischen Konzepten. Auch Knoechl und Koch gehen der Symbiose zwischen Kunst und Raum auf den Grund. Und ja: Wuchern kann poetisch sein.

Ausstellungsansicht Dis-Ordnung - Poesie des Wucherns I. Birgit Knoechl & Simona Koch, das weisse haus, 2015  Foto: © eSeL.at

Ausstellungsansicht DIS-ORDNUNG – Poesie des Wucherns I. Birgit Knoechl & Simona Koch, das weisse haus, 2015
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Birgit Knoechl und Simona Koch haben sich kennengelernt, als Knoechl eine Grafikerin für ihren Katalog suchte. Gesucht – gefunden! Nach der ersten gelungenen Zusammenarbeit freuen sich die beiden Künstlerinnen nun über ihre erste gemeinsame Ausstellung. Beide sind 1974 geboren, beide leben in Wien, beide interessieren sich für Wachstum und Wuchern. Sie beschäftigen sich mit den gleichen Themen, aber über unterschiedliche Zugänge. Während Knoechl Malerei in Wien studierte und sich vornehmlich über die Zeichnung ausdrückt, studierte Koch Freie Kunst in Nürnberg und widmet sich den medialen Künsten. Ihre größte Gemeinsamkeit: Wuchern als etwas Positives zu sehen. Bleiben wir also kurz beim Titel. Poesie des Wucherns? Zwei doch eher gegensätzliche Begriffe nebeneinander. Der Begriff des Wucherns wird heute meist negativ gebraucht, auch per Definition. Wuchern bezeichnet etwas, das sich übermäßig stark ausbreitet. Übermäßig, das heißt zu viel. Wucher treiben kann aber auch bedeuten, dass man eigennützig handelt und auf Kosten anderer Gewinne erzielt. Beide Bedeutungen passen perfekt zum Lebensgefühl des 21. Jahrhundert: Der Mensch breitet sich übermäßig stark in seiner Umwelt aus und handelt, ganz nach dem Prinzip des kapitalistischen Systems, gewinnorientiert. Während wir uns wuchernd ausbreiten, wollen wir alles Wuchernde um uns herum kontrollieren, unsere Gärten mit Zäunen begrenzen. Wer gibt schon gern Kontrolle ab? Diese negative Assoziation war aber nicht immer so. Die Wurzeln des Begriffs liegen bereits im althochdeutschen wuocherōn, was soviel wie Gewinn erstrebend und Frucht bringend bedeutet. Es handelt sich hier also um eine Begriffsdefinition, die erst durch die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten tausend Jahre schleichend negativ wurde. Alles Lebendige wuchert und wächst, auch wenn das nicht immer ganz so offensichtlich ist.

Ausstellungsansichten, das weisse haus, 2015 Birgit Knoechl, aus der Serie CUT_OUT_BLACK Nr. XXXXII, 2015  Foto: © eSeL.at

Ausstellungsansichten, das weisse haus, 2015
Birgit Knoechl, aus der Serie CUT_OUT_BLACK Nr. XXXXII, 2015
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Birgit Knoechl beschäftigt sich seit ihrer Diplomarbeit mit dieser Thematik. Ausgehend von unterschiedlichen Zitaten aus der Theorie hat sie damit begonnen, die Linie in andere Ebenen zu bringen. Ihre Serie CUT_OUT_BLACK zeigt, wie sich die Zeichnung plötzlich transformiert, wenn man sie als Schnitt weiterdenkt. Die Motive sind parasitäre Pflanzen, deren Blatt- und Blütenformen zu abstrahierten Schnittkreaturen werden. Grundintention ist die Linie und was damit möglich ist. Doch wie kann man die Linie weiterdenken? Eine Linie kann zu einer Fläche werden – sie kann also wachsen und über die Grenzen der zweidimensionalen Oberfläche hinausragen. Die Tusche definiert die Linie, die sich mit jedem Schnitt verändern lässt und sich durch die Präsentation im Raum wieder transformiert. Die Bewegung des Papiers im Raum und das Spiel mit Licht und Schatten sind für Knoechl wie ein Tanz. Ihre Faszination für den Körper und dessen Bewegungen im Raum erklärt die Installation RISS_WACHSTUM_0III, bei der 62 ausgeschnittene Tuschezeichnungen aus meterlangen Papierbahnen wie ein Mobile im Raum hängen. Beeindruckend ist dabei die hohe Sensibilität für das Material Papier. Die Arbeiten der Ausstellung sind fein und bewegen sich leicht, da sie nur seitlich fixiert sind. Die Arbeiten schwingen mit und agieren mit dem Raum, indem sie sich befinden.

Ausstellungsansichten, das weisse haus, 2015 Simona Koch, SUPERORGANISM – #1 BENGALURU, 2015  Foto: © eSeL.at

Ausstellungsansichten, das weisse haus, 2015
Simona Koch, SUPERORGANISM – #1 BENGALURU, 2015
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Während Knoechl Fragen stellt, versucht Koch Antworten zu finden. Wie entstand Leben und wohin wird es sich entwickeln? In welchem Verhältnis stehen Lebewesen zueinander? Ihre Mixed Media Installation SUPERORGANISM – #1 BENGALURU visualisiert Städtewachstum. Inspiriert dazu wurde sie durch einen Aufenthalt am National Centre for Biological Sciences in Indien. Animierte Bleistiftzeichnungen visualisieren den Wachstum der pulsierenden Megacity Bangalore. Doch Koch interessiert sich nicht nur für den städtischen Wachstum, sondern auch für die Wurzeln ihrer eigenen Familie. In ERBE und  MENSCHENGEFLECHT #1 geht sie dem Ursprung ihres eigenen Stammbaums auf den Grund. Das derzeitige Ergebnis ihrer Recherche umfasst rund 600 Individuen, und trotzdem repräsentiert das nur ein Segment aus dem umfassenden menschlichen Beziehungsgeflecht, das noch beliebig weiterwachsen könnte.

Die Ausstellung vereint zwei Künstler an einem passenden Ort, der wie gemacht für synergetische Ausstellungsprojekte zu sein scheint. Es geht um Wachstum, Raum und Entwicklungsprozesse. Eines haben sie verstanden: Erst aus Dis-Ordnung wuchert Leben!

// Anna Maria Burgstaller

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DIS-ORDNUNG – die Poesie des Wucherns I

Birgit Knoechl & Simona Koch

Ausstellungsdauer: 28.10 – 12.12.2015