Jeff Mermelstein: Sidewalk, 1995 © Jeff Mermelstein. Aus der Ausstellung AUGEN AUF! - 100 JAHRE LEICA-FOTOGRAFIE, 24. Oktober 2014 bis 11. Januar 2015 in den Deichtorhallen Hamburg / Haus der Photographie.

Das WestLicht hat für die aktuelle Ausstellung AUGEN AUF! 100 JAHRE LEICA FOTOGRAFIE Fotografien von namhaften Fotografen aus aller Welt zusammengetragen. Schließlich gilt es eine These zu beweisen: Die Leica veränderte die Fotografie.

Robert Lebeck Der gestohlene Degen, Belgisch Kongo, Leopoldville 1960 © Robert Lebeck / Leica Camera AG

Robert Lebeck
Der gestohlene Degen, Belgisch Kongo, Leopoldville 1960
© Robert Lebeck / Leica Camera AG

Die Geschichte beginnt mit dem deutschen Unternehmen Leica Camera AG und der Erfindung der sogenannten Ur-Leica. Es war ein langer Weg seit der Erfindung der ersten dauerhaften Fotografie durch Louis Daguerre im Jahre 1839, bis die Kunst die Fotografie schließlich als nützliches Medium entdeckte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es ein großes Interesse für optische Geräte, aus diesem Kontext heraus entwickelte Oskar Barnack 1914 die erste Kleinbildkamera der Welt. Zwar mussten bis zur Markteinführung 1925, bedingt durch den zweiten Weltkrieg, noch einige Jahre vergehen, doch dann konnte die Fotografie ihren Siegesmarsch in den Alltag antreten. Plötzlich wurde eine Schnappschusskamera auch für Privatleute erschwinglich und so eine neue Ära der Fotografie eingeleitet. Die Leica-Kameras konnten leichter transportiert werden und waren schnell einsetzbar. Durch die kurze Brennweite musste man sich als Fotograf nah am Geschehen befinden. Henri Cartier-Bresson brachte die Verbindung zwischen Fotograf und Kamera auf den Punkt, als er sagte: „Die Leica ist die Verlängerung meines Auges“. Das vielfältige fotografische Objektiv machte nun andere Dinge sichtbar. Durch diese neu gewonnen Freiheiten veränderte sich das fotografische Sehen. Die künstlerische und journalistische Avantgarde erkannte diese Vorzüge und es entwickelte sich eine neue dynamischere Reportagen-Fotografie. Die 1914 erfundene Kleinbildkamera hat also eine Revolution ausgelöst, sie ist der erste Meilenstein eines neuen Zeitalters.

Christer Strömholm Nana, Place Blanche, Paris 1961 © Christer Strömholm / Strömholm Estate, 2014

Christer Strömholm
Nana, Place Blanche, Paris 1961
© Christer Strömholm / Strömholm Estate, 2014

Jeff Mermelstein Sidewalk, 1995 © Jeff Mermelstein / Leica Camera AG

Jeff Mermelstein
Sidewalk, 1995
© Jeff Mermelstein / Leica Camera AG

Die Ausstellung ist thematisch in zwei Kapitel geteilt. Teil I, zu sehen im WestLicht, ist den Klassikern von Alexander Rodtschenko bis Thomas Hoepker gewidmet. Teil II, ausgestellt im OstLicht, zeigt zeitgenössiche Fotografen von Bruce Gilden bis Jing Huang. Die Fotografen bereisten mit ihren Leica-Kameras die ganze Welt. Der Mensch erforscht diese durch die Augen der Linse, und die Fotografie macht es möglich die Menschheitsgeschichte zu dokumentieren. Vom Napalm-Angriff in Vietnam, fotografiert von Nick Út (1972), über ein Portrait von dem Anführer der kubanischen Revolution Che Guevara von Alberto Korda (1960), bis hin zu einem Schnappschuss der Beatles von Christian Skrein (1965) – die Gattung der Foto-Reportage veränderte die weltweite Berichterstattung nachhaltig. Parallel dazu bildete sich um 1960 eine neue Haltung unter Fotografen heraus. Nun ging es nicht mehr rein um eine Festanstellung bei einer Illustrierten, sondern um den persönlichen Bildauftrag, um die eigene Bildfindung. Die Fotografen wurden experimentierfreudiger und die Grenzen der Fotografie erweiterten sich nach und nach. Fotografen wie Rodtschenko wollten das neue Sehen, verursacht durch die vielfältigen Möglichkeiten der optischen Linse, herausfordern. Seine völlig neu interpretierten Perspektiven verhalfen der Fotografie zu einer weiteren Erneuerung. Doch auch der Humanismus hat die Fotografie für sich entdeckt. Ideen der Sozialreform führten zu einer Kamerakunst, die mehr am wirklichen Leben interessiert war, als an formalen Experimenten. Die Welt als Bühne zu sehen machte eine poetische Bildfindungen (André Kertész) und sozialkritischen Schnappschüssen (Ilja Ehrenburg) möglich. Der gemeinsame Nenner dieser Fotografen war die links-politische Haltung sowie ihre Verweigerung wegzusehen. Die radikalisierte Bildsprache verstärkte die gesellschaftsverändernde Wirkung der Fotografie.

Durch diese Ausstellung zu wandern ist wie eine Reise durch die Weltgeschichte im Schnelldurchlauf. Die vielen Schwarzweiß-Fotografien, die alle einen bestimmten Zeitpunkt in der Entwicklung der Fotografie markieren, ziehen wie flüchtige Momente an einem vorbei. Ob Bildjournalismus, fotografierende Autoren, humanistische Fotografie, subjektive Fotografie, Fotografie der Trümmerjahre oder Fotografie und Propaganda – am Ende stellt sich eine Frage: Haben wir die Fotografie verändert, oder hat die Fotografie womöglich uns verändert?

// Anna Maria Burgstaller

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AUGEN AUF! 100 JAHRE LEICA FOTOGRAFIE

TEIL I – DIE KLASSIKER • Fotomuseum WestLicht • 04/12/2015 – 21/02/2016

TEIL II – DIE ZEITGENOSSEN • Galerie OstLicht • 11/12/2015 – 13/02/2016